Das Geheimnis hinter der Maske

Besprochen von Nicolai Busch

  • The Dark Knight Rises, Regie: Christopher Nolan, Produktion: USA, Großbritannien, Laufzeit: 165 Minuten.

Es ist sicher kaum möglich, “The Dark Knight Rises“ zu sehen, ohne an Christopher Nolans zweiten Teil der Batman-Triologie zu denken. Wer den 2008 erschienenen Vorgänger erlebt hat, erinnert sich vor allem an eines sehr genau: Ein von tiefen Narben geziertes, weiß-rot geschminktes Gesicht mit grün gefärbten Haaren und gelben Zähnen, flatternde Spielkarten mit Hofnarren darauf und grässlich schallendes Gelächter. In seiner vielleicht brillantesten Rolle als Joker bleibt Heath Ledger für viele unvergessen.

Rückblick – der Joker – das authentische Böse

Auch wer Nolans neuen Batman sieht, wird sich an die Figur des Jokers erinnern müssen. Gerade weil der Joker jenen Typus des bösartigen Widersachers darstellt, den man in “TDKR“ schmerzlich vermisst. Man vermisst den Widerling, der Batman, einen Superhelden, mit durchaus fragwürdigen Motiven und zwiespältiger Identität in den Selbstzweifel treibt. Man vermisst das authentische Böse, das der versnobten Gesellschaft Gothams einen Spiegel vorhält, um sie schließlich ihrer Lügen zu strafen. Und seien wir ehrlich – eine Comic-Geschichte, in der der Held die kriminellen Folgen eines ausufernden kapitalistischen Systems bekämpft, zu welchen er als überaus wohlhabender Unternehmer theoretisch selbst beiträgt, lässt einen Bösewicht vermissen, der diesem Helden seine alberne Maske entreißt. In Erinnerung ist uns Heath Ledger in seiner großartigen Rolle vor allem geblieben, weil wir als Zuschauer erkennen mussten, dass das Böse als lustig geschminkter Psychopath funktioniert, während das Gute Gothams im schwarzen Multifunktionsoverall nur einen halbwegs authentischen Eindruck vermittelt.

Batman – Die irritierende Zwiespältigkeit des Guten

In Nolans aktuellstem Meisterwerk fehlt dieser “Alles-entlarvende-Widersacher“ nicht nur vollständig, er scheint in einer Welt, in der man „nicht mehr neu anfangen kann“, wie Selina Kyle alias Catwoman im Film bald bekennt, auch nicht länger notwendig. Es braucht den entlarvenden Widersacher nicht, weil im letzten Teil der Trilogie die Lüge nicht aus dem Handeln einzelner Personen resultiert. Im neusten Batman-Film ist die Lüge, welche die Gesellschaft vor dem Chaos bewahrt, eine viel größere – ja, eine systemimmanente. Wir erinnern uns, dass es in “TDK“ dem Helden primär darum ging, Verantwortung für das Morden des allerorts geachteten Staatsanwalts Harvey Dent zu übernehmen, um das öffentliche Ansehen und das Moralverständnis der Bürger Gothams nicht zu gefährden. Im aktuellsten Werk Christopher Nolans scheint dieselbe Moral der Menschen nun allein von der Erhaltung eines sich auch außerfilmisch in der Legitimationskrise befindenden Finanzsystems abhängig. In “TDKR“ ist es nicht die Moral und auch nicht das Leben, es ist das kapitalistische System, an das sich der Held und die Bewohner Gothams klammern, während der Bösewicht Bane mit der atomaren Vernichtung Gothams droht. Und es ist der Milliardär Bruce Wayne, der als Märtyrer lieber selbst draufginge, als dass eine bürgerliche Revolution die Welt auslöscht und damit den amerikanischen Liberalismus beendet.

Die Apokalypse als einzige Lösung der Systemkrise im Film

Was die im neuen Batman stattfindende, sozialistische Revolution selbst betrifft, so bedeutet diese scheinbar nicht mehr und nicht weniger als die ultimative Zerstörung Gothams und damit die Zerstörung jeder möglichen Form eines gesellschaftlichem Systems. Schnell wird deutlich: In Nolans letztem Streich ist der Feind nur ein hoffnungsloser, sozialistischer Terrorist, dem die Zerstörung allen Lebens näher liegt, als irgendeine neue, gesellschaftliche Ordnung zu etablieren oder das alte System zu reformieren. Schon der Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Zizek hat 2005 darauf aufmerksam gemacht, dass es Hollywood heute näher liegt, den Planeten Erde durch einen fiktiven Kometen oder einen Virus in Schutt und Asche zu legen, als den Weg aus der Systemkrise, oder eine Debatte konträrer politisch-wirtschaftlicher Vorstellungen spannend zu inszenieren. Der seit jeher beliebte Endzeitfilm liegt wieder voll im Trend, auch weil die westliche Bevölkerung kontinuierlich jegliche Hoffnung auf eine politische Lösung der Krise verliert.

Das Motiv der Maske bei Brecht und Nolan

Das war nicht immer so: Vor langer Zeit vertrat einmal ein deutscher Dramatiker die Vorstellung, ein Schauspiel müsse die Zuschauer dazu bewegen, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Dieser Dramatiker ließ seine Schauspieler bewusst aus der Rolle fallen und veranlasste sie unter anderem dazu Masken zu tragen, was einen kritischen Abstand zwischen Zuschauer und Figur zur Folge haben sollte. Die Rede ist selbstverständlich von Bertolt Brecht und dessen Idee des epischen Theaters. Anders als bei Brecht dient die Maske im Hollywoodfilm nur scheinbar der Verfremdung der Figur und viel eher der Verfremdung einer durch die Figur verinnerlichten Ideologie. Bei Nolan scheint der sympathische Milliardär Bruce Wayne so sehr mit der kapitalistischen Idee verhaftet, dass es für den Zuschauer unmöglich wird, jener Idee noch kritisch entgegenzutreten. Wenn in “TDKR“ der maskierte Held die Welt rettet, verliert sich die kritische Distanz des Zuschauers in der tragischen Darbietung eines in jedem Fall unausweichlichen und unveränderbaren Schicksals. Im Moment da Gotham die Auslöschung droht, spielen auch der soziale Kontext und die wahren Motive des die Menschheit rettenden Finanzjongleurs genauso wenig eine Rolle, wie jene des Widersachers und Revolutionärs Bane. Im Moment des Abspanns zählt allein die Freude über das gerade erlebte, 250 Millionen Dollar teure Actionabenteuer. Und erst wenn im Kinosaal das Licht angeht, kommt dem ein oder anderen vielleicht der Gedanke an eine großartige These des Philosophen Guy Debord: „Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Anhäufung, dass es zum Bilde wird.“

 

Diese Rezension erschien zuerst am 9. August 2012 auf media-bubble.de.

P.D. James – Der Tod kommt nach Pemberley

Besprochen von Pia Klein

  • P.D. James: Der Tod kommt nach Pemberley. Kriminalroman. Droemer 2013. 384 Seiten, 19,99 Euro.

Die bekannte Krimiautorin P.D. James wagt sich an daran, „Stolz und Vorurteil“, den Klassiker von  Jane Austen, weiterzuschreiben. Ein Unterfangen, welches bekanntermaßen nicht im Sinne Austens gewesen wäre, hat die doch in ihrem Roman „Northanger Abbey“ unmissverständlich klargemacht, dass sie von Schauergeschichten überhaupt nichts hält. Dennoch kommt bei James der Tod nach Pemberley.

Einige Jahre sind vergangen, seit die Schwestern Elizabeth und Jane Bennet einen Mann fürs Leben gefunden haben. Während eines stürmischen Herbstes steht der alljährliche Ball Lady Annes vor der Tür, und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Plötzlich fallen Schüsse im Wald. Die Jüngste der Bennet-Schwestern, Lydia, erleidet einen Nervenzusammenbruch. Es gibt einen Toten, und jemand muss ins Gefängnis. Es bleiben Fragen: War es Wickhams Schuld? Was stimmt nicht mit dem Haus im Wald? Wen wird Darcys Schwester  Giorgiana heiraten? Und welches Geheimnis haben die Eheleute Lizzy und Mr. Darcy vor einander? Es gibt viele Indizien, aber Beweise leider keine. Nur wer die Lektüre bis zum letzten Kapitel durchhält, bekommt die Antworten.

Die Autorin beginnt mit einer Zusammenfassung für Nicht-Austen-Kenner, bei der die moderne Krimiautorin wunderbar den Ton ihres Vorbildes trifft. Die dann folgende Krimigeschichte aber entwickelt sich enttäuschend. Zunächst hat man den Eindruck, Lizzy würde sich wie Miss Marple auf die Suche nach dem Mörder machen, der ihr kleines Paradies in Gefahr bringt. Doch stattdessen wird die Gedankenwelt ihres Gatten, Mr. Darcy, ausgebreitet. Schließlich liegt die Lösung des Rätsels bei der Herkunft eines unehelichen Kindes, das bei den Protagonisten des Jane Austen-Romans „Emma“ ein neues Zuhause findet.

P.D. James ist sichtlich bemüht, den Stil des großen Vorbilds zu erreichen. Dies gelingt ihr aber nur zu Beginn des Romans. Was dann folgt, sind Verwicklungen, die den Leser seltsam unberührt lassen, weil es ihr nicht gelingt, das Seelenleben ihrer Figuren glaubhaft zu schildern. Die Charaktere sind zwar zahlreich, aber farblos. Insgesamt funktioniert „Der Tod kommt nach Pemberley“ weder als Krimi noch als Fortsetzung eines Klassikers.

„Coffeeshop“: Multimediales Erzählen in der ‚Literatur‘

Besprochen von Alexander Karl

Das ist der Literaturbranche bestimmt nicht Latte (Macchiato): Denn Coffeeshop von Gerlis Zillgens stellt einen Bruch mit den gängigen Buchkonventionen dar. Zunächst einmal ist es kein haptisches Buch, sondern eine E-Book-Serie mit 12 Episoden (wahlweise auch als Hörbuch oder als Read & Listen Version verfügbar). Darin erlebt die Sachensucherin Sandra die unterschiedlichsten Abenteuer mit ihren drei besten Freunden, deren zentraler Treffpunkt der „Coffeeshop“ ist, das Café ihres schwulen Freundes Captain. Allein die Episodenhaftigkeit und somit die strukturelle Anlehnung an TV-Serien mag für den Literaturbetrieb ungewöhnlich sein. Dabei stellt dies aber nur Basis-Version der Erzählung dar. Denn die „Coffeeshop“-App sorgt für ein kunterbuntes Story-Erlebnis.

Multimediale App

Multimedial wird Coffeeshop vor allem durch die App, die es parallel zu den anderen Produkten gibt: Jede der 12 Episoden in der App besteht nicht nur aus geschriebener Handlung, sondern reichert sie multimedial an. Kurze Filme greifen Handlungselemente auf, führen sie aus und kommentieren sie. Comicsequenzen zeigen die Gedanken der Protagonistin Sandra. Zudem werden Gespräche mit ihrem Vater auf rein auditiver Ebene eingebunden. Hinzu kommen weitere Elemente, um weiter in das „Coffeeshop“-Universum einzutauchen: Die Tagesgerichte des Coffeeshops lassen sich mittels der abrufbaren Rezepte nachkochen und Steckbriefe fassen die Eigenheiten der Protagonisten zusammen. Eine weitere Perspektive auf die Handlung wird durch die jeweils zur Episode passenden Kolumnen von Captain geboten. Hinzu kommen ein Spiel sowie Musik- und Büchertipps der Protagonistin, wobei letztere ins Web ausgelagert sind. Zusätzlich kann man sich die Episoden auch vorlesen lassen.

All das, was sonst transmedial ist

Mit dieser App geht Coffeeshop weit über das hinaus, was der Literaturliebhaber alter Couleur kennt: Statt ‚nur‘ gedruckte Worte auf Papier zu liefern, schafft Coffeeshop ein multimediales Erlebnis, das weit über die eigentliche Buchlektüre hinausgeht und innerhalb einer App all das versammelt, was in TV-Serien sonst gerne transmedial ausgelagert wird. Etwa bei der Erfolgsserie Breaking Bad, die online mit den Blogs der Figuren Marie und Hank sowie Graphic Novel Games und einigen Minisoden aufwartet – wie Jason Mittell in seinem online vorab publizierten Buch Complex TV : The Poetics of Contemporary Television Storytelling beschreibt, dienen die transmedialen Erzählungen von Breaking Bad vor allem dazu, den (Neben-)Figuren zusätzliche Tiefe zu verleihen. Ähnliches lässt sich auch bei Coffeeshop mit der Kolumne von Captain feststellen, da die eigentlichen Episoden aus Sandras Ich-Perspektive erzählt werden. Und auch die kurzen Videos ermöglichen Kommentare der weiteren Hauptdarsteller und Nebenfiguren, etwa Sandras Eltern.

Doch wie neu ist dieses Vorgehen? „Coffeeshop ist ein multimediales Projekt, bei dem erstmals ein Verlag und eine Filmproduktionsfirma zusammenarbeiten und ihre Stärken in einer neuen Form des Storytellings verbinden“, heißt es in einer Presseinformation.

Mehr noch: Coffeeshop stellt ein Beispiel für Paradigmenwechsel der Buchwelt dar, die zusehends mit hochwertig produzierten (und komplexen) TV-Serien konkurrieren muss, die als Romane der Neuzeit gefeiert werden. Daher scheint es nur logisch, die Stärken der unterschiedlichen Medien zu vereinen und dadurch ein multimediales Gesamterlebnis zu schaffen.

 

Die Rezension erschien zuerst am 11. Juni 2013 auf media-bubble.de.

Paulette – Eine raubeinige Krimikomödie nach einer wahren Geschichte

Besprochen von Pia Klein

  • Paulette. Frankreich 2012. 87 Min. Regie: Jérôme Enrico. Mit Bernadette Lafont, Carmen Maura, Dominique Lavanant.

Die alte Paulette lebt in einem der berüchtigten Pariser Banlieues. Früher betrieb sie mit ihrem Mann ein Café. Nun ist der Mann gestorben. Das Café ist von Asiaten aufgekauft worden. Die Rente reicht hinten und vorne nicht. Paulette weiß sich aber mit Erfindungsreichtum und Schätzen aus den Müllcontainern zu helfen. Bis sie ihre Rechnungen nicht mehr zahlen kann und ihre komplette Wohnungseinrichtung gepfändet wird. In ihrer Verzweiflung eifert die alte Dame schließlich den Halbstarken im Viertel nach und wird eine Hasch-Dealerin. Darin ist sie bald so erfolgreich, dass sie den professionellen Drogenhändlern zur missliebigen Konkurrentin wird.

Die Ausländer haben ihr alles weggenommen. Darüber klagt sie bei ihrem Beichtvater, der zwar schwarz ist, es aber Paulette zufolge verdient hätte weiß zu sein. Schwarz ist auch der Mann, den ihre Tochter geheiratet hat. Doch der ist praktischerweise Polizist. Was liegt da näher, den Schwiegersohn auf dem Revier zu besuchen und ihm die Geheimnisse der Drogenfahndung zu entlocken? Ein brutaler Kontrast zum schwarzen Humor des Films ergibt sich, als Paulette von konkurrierenden Dealern zusammengeschlagen wird. Dies ist wohl dem Umstand geschuldet, dass Regisseur Jérôme Enrico eine wahre Begebenheit erzählt. Das Ende kommt dennoch sehr aufgesetzt daher. Die neue Bilderbuchfamilie verkauft Haschkekse in Holland – ganz legal. Warum kauft die raffinierte Alte mit dem Geld aus der Dealerei nicht ihr Café von den Asiaten zurück?
Bernadette Lafont spielt die Charaktere der Paulette wunderbar griesgrämig überzeugend und ist die eigentliche Attraktion des Films. Ein würdiger Abschluss der Filmkarriere der im Juli 2013 im Alter von 74 Jahren verstorbenen Schauspielerin.

 

Oh Boy

Besprochen von Pauline Fois

  • Oh Boy. Deutschland 2012. Regie : Jan Ole Gerster. Mit : Tom Schilling, Frederike Kempter u.a. 88 min.

Niko hat sein Jura-Studium vor zwei Jahren abgebrochen, was sein Vater schließlich  entdeckt. Seine Freundin hat ihn verlassen. Er beschließt, nach Berlin zu ziehen. Der Kinozuschauer erlebt nun Nikos ersten Tag in der Hauptstadt. Sein Nachbar empfängt ihn mit einem selbstgemachten Kuchen und erzählt ihm weinend nach fünf Minuten von seinen Eheproblemen. In einem Café erkennt ihn eine Frau, die während der Schule in ihn verliebt war. Dann wird seine Karte vom Geldautomat verschluckt und er muss seinen Vater um Geld bitten. Es sind Alltagszenen, die scheinbar willkürlich aneinander gereiht werden. Sie werden aber immer tragischer.

Obwohl der Film in der Gegenwart spielt, ist er in Schwarzweiß gedreht. Diese nostalgische Stimmung wird verstärkt durch einen jazzigen Soundtrack. Der Film ist eine gelungene Mischung aus Tragödie und Komödie. Er schildert den Snobismus Berliner Lokalitäten, in dem es fast unmöglich ist, einen „normalen“ Kaffee zu bestellen. Am Ende lernt Niko in einem Café einen alten Mann kennen, der ihm sein Leid mit der neuen Zeit klagt. Die beiden verstehen sich gut, doch als der alte Mann das Café verlässt, trifft ihn der Schlag. Niko folgt ihm ins Krankenhaus. Aber da er kein Verwandter ist, erfährt er nicht einmal den Namen des gerade Verstorbenen.

Der Film ist gerade aufgrund seiner ruhigen Erzählweise interessant. Zeitweise vergisst man die Handlung über den schönen Bildern und der stimmungsvollen Musik. „Oh Boy“ ist ein Gegenentwurf zu den Erfordernissen unserer hektischen, erfolgsorientierten Zeit. Niko träumt von einem neuen Anfang in einer großen Stadt, in der niemand ihn kennt. Als Französin würde ich diesen  mit sechs „Lolas“ prämierten Film mehr empfehlen als „Lola rennt“. Selbst wenn Tykwers rasanter Kinoerfolg gut gemacht ist, hat er nicht die Tiefe von Gersters Film. Hat ein Erwachsener das Recht, ein Leben als Träumer zu führen? Sollte er nicht besser einen Job finden als vom Vermögen des Vaters zu leben? Während man mit „Lola rennt“ einfach eine gute Zeit hat, lädt „Oh Boy“ dazu ein, sich wie der Protagonist mit den grundsätzlichen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen.

Christoph Antweiler: Was ist den Menschen gemeinsam?

Besprochen von Hans W. Giessen

  • Christoph Antweiler: Was ist den Menschen gemeinsam? Über Kultur und Kulturen. 2. aktualisierte und erweiterte Aufl. 2009. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 425 S., EUR 74,90.

Dass ich das Thema des Buches wichtig finde, wird bereits daran sichtbar, dass ich für besprochen@avinus bereits Texte zu Robert D. Putnam und zum Buch von Youssef Courbage und Emmanuel Todd geschrieben habe, die ähnliche Fragestellungen betreffen. Der Band von Courbage und Todd mit dem französische Originaltitel „Rendezvous der Kulturen“ („Le rendez-vous des civilisations“) ist eine direkte Reaktion auf Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ („ Clash of Civilizations and the Remaking of World Order“) von 1996. Auch Christoph Antweiler beschäftigt sich mit diesen Fragen, und bis zu einem gewissen Grad ist auch sein Buch ein Rejoinder Huntingtons.

Dabei geht es nicht darum, zu leugnen, dass es unterschiedliche Kulturen gibt, die sich mitunter mit Unverständnis gegenüberstehen, manchmal antagonistisch, und es sogar kulturell motivierte Terrorakte und Kriege gibt. Es geht darum, dass man Kulturen nicht auf ihre Gegensätze reduzieren kann. Denn es gibt auch zahlreiche anthropologische Konstanten beziehungsweise „Universalien“. Sie sind in der Realität immer wieder Brücken zwischen den Kulturen. Zudem wandeln sich Kulturen: Vom Wikinger zum heutigen Skandinavier war es ein weiter Weg, der offenbar innerhalb einer „Kultur“ zurückgelegt wurde. Es ist also falsch, Kulturen als unwandelbar und einander unverständlich darzustellen. Mehr noch: Es kann sogar gefährlich sein, denn das hieße ja, es wäre bestenfalls ein Nebeneinander möglich, schlimmstenfalls wären Krieg und Terror die einzigen Möglichkeiten des Kontakts, keineswegs aber wäre ein friedliches Miteinander auf der Erde denkbar.

Ich habe mich schon oft gefragt, warum gerade Ethnologen nur auf die Differenzen der verschiedenen Kulturen abstellen. Dafür gibt es viele prominente Beispiele, von Franz Boas bis Clifford Geertz. Gewiss, sie verstehen sich als empirische Wissenschaftler, und hier fällt eher das Unterschiedliche auf – das man sogar messen kann, wie es Geert Hofstede gemacht hat. Seine Ergebnisse sind das statistische Resultat von rund 100.000 Fragebögen. Diese Ergebnisse ermöglichen in der Tat ein besseres Verständnis kulturabhängigen Verhaltens.

Allerdings spielt menschliches Verhalten sich auf mehreren Ebenen ab, wie nicht zuletzt Hofstede selbst bestätigt. Jedes Individuum ist einzigartig und verhält sich in spezifischen Situationen so wie kein anderer Mensch sich verhalten würde. Dann gibt es in der Tat die Ebene der Kultur. Vergleichbar wichtige (und messbare) Ebenen sind aber auch soziale Stellung oder der weltanschauliche Kontext. Ich kann mich oft besser mit einem türkischen Universitätsangehörigen unterhalten (mit dem ich, trotz unterschiedlicher Kultur und Sprache, doch einiges an Erfahrung gemeinsam habe) als Mitgliedern des eigenen Kulturkreises, die aus einem ganz anderen Milieu stammen.

Schließlich gibt es eine weitere Ebene – ebenfalls von Hofstede bestätigt –  die von vielen Ethnologen aber offenbar ignoriert wird: diejenige anthropologischer Konstanten, das, „was allen Menschen gemein ist“, die „Universalien“, wie Christoph Antweiler sie nennt. „Was ist den Menschen gemeinsam?“ lautet der Titel seines Buches.

Christoph Antweiler wurde 1956 im Rheinland geboren, studierte in Köln Ethnologie, Paläontologe und Geologe und promovierte in Ethnologie. Seine Feldforschung hat er auf der indonesischen Insel Sulawesi durchgeführt; die dabei entstandene Studie arbeitete er zu seiner Kölner Habilitation aus. Zunächst hatte er den Ethnologie-Lehrstuhl an der Universität Trier inne, heute ist er an der Universität Bonn tätig. Inzwischen hat er sich zu einer der prominentesten Stimmen in Deutschland entwickelt, die nach Gemeinsamkeiten menschlichen Verhaltens trotz Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Kulturkreisen sucht.

Antweiler wehrt sich dagegen, dass „kulturelle Differenz gegenwärtig die globale Leitwährung des Denkens über Kultur“ ist und dass von einem „wieder erstarkten Denken von Kulturen als Kugeln, Monaden oder Containern“ geredet wird. Auch wenn diese Aussage ein wenig zu verallgemeinernd ist – in der Tendenz hat er bedauerlicherweise recht. Dennoch kippt Antweiler nicht ins andere Extrem. In der Einleitung macht der Autor deutlich, um was es ihm geht:

Autoren werden von Journalisten oft gebeten, ihr Buch in einem Satz zusammenzufassen. Angesichts dieses umfangreichen Buches gönne ich mir für diese Kurzformel drei Sätze: Es existiert eine enorme Vielzahl zwischen und innerhalb der Kulturen der Menschen, aber es gibt dennoch viele Phänomene, die in allen Gesellschaften regelmäßig vorkommen. Diese Universalien sind teilweise in der Biologie des Menschen begründet, teils haben sie aber auch andere, soziale, kulturelle und systemische Ursachen. Wir brauchen Kenntnisse über Universalien für eine empirisch fundierte Humanwissenschaft und dieses Wissen ist auch praktisch relevant für realistische Lösungen menschlichen Zusammenlebens.

Antweiler will also die „Universalienforschung rehabilitieren“, indem er Universalität und Vielfalt zusammenbringt, „statt sie gegeneinander auszuspielen“, wobei sein Schwerpunkt bei den von den meisten Fachkollegen vernachlässigten Universalien liegt.

Der Einführung folgt ein historischer Überblick über das „Denken über Universalien“. Dabei überschreitet Antweiler wiederholt die Grenzen des Faches Ethnologie – sein Buch ist im besten Sinn interdisziplinär. Es behandelt entgegen der heutigen eindimensional ethnologischen Sicht „uralte Fragen zu Menschen und Kulturen“. Antweilers Spektrum reicht von der philosophischen Anthropologie (die nach dem „Wesen des Menschen“ fragt) bis hin zu Hofstedes ökonomischen Blick, dazwischen finden sich soziologische oder psychologische Ansätze. Auf dieser Grundlage gelingt es Christoph Antweiler, eine profunde Basis menschlicher Universalien zusammenstellen. Neben der sozialwissenschaftlichen und kulturellen Vorgehensweise richtet sich seine Aufmerksamkeit außerdem auf die „evolutionäre Erklärung“ (evolutionary explanation) als „dritte grundlegende Möglichkeit, Universalien zu erklären“. Ein Glossar, eine umfassende Bibliographie, ein Register mit Stichworten und Autorennamen sowie ein Anhang mit neun Universalienlisten runden das Werk ab.

 

Kleine Wunder in Athen

Besprochen von Laura Erler

  • Kleine Wunder in Athen (Akadimia Platonos), Regie: Fillipos Tsitos, Produktion: Deutschland, Griechenland 2009, Laufzeit: 103 Minuten.

Griechenland noch vor der großen Krise: Stavros‘ (Antonis Kafetzopoulos) Leben als Kioskbesitzer ist ziemlich trostlos. Das Geschäft läuft miserabel, seine einzigen Kunden sind seine ebenso erfolglosen verschrobenen Freunde. Um die Zeit totzuschlagen, sitzen sie täglich untätig vor seinem Geschäft, philosophieren über Rockmusik oder spielen Fußball. Dabei ziehen sie über die unerwünschten ausländischen Arbeiter her. Als albanische Bauarbeiter  ein „Denkmal für interkulturelle Solidarität“ vor ihrer Tür aufstellen wollen, platzt ihnen der Kragen. Solidarität? Albaner sollen billige Arbeitskräfte für die Griechen sein, sonst nichts. Kurzerhand reißen sie das Projekt nieder und beschließen: „Ihr baut auf, wir zerstören“.

Bis eines Tages der albanische Arbeiter Marenglen in Stavros‘ Wohnzimmer sitzt und behauptet, er sei sein Bruder, der bei der Umsiedlung der Familie nach Athen in Albanien zurückgelassen wurde. Die  Mutter bestätigt die Geschichte und glaubt, sich auf einem alten Familienfoto des Fremden zu erkennen. Stavros‘ Welt steht Kopf: seine Mutter spricht plötzlich  Albanisch und stellt seine gesamte Identität infrage. Die rassistische Parole seiner Freunde „Albaner, ihr werdet niemals Griechen sein“, bekommt plötzlich einen faden Beigeschmack. Stavros beginnt darüber nachzudenken, ob nun Herkunft und Sprache oder aber  Sozialisierung für die Identität ausschlaggebend ist. Dabei gerät er unweigerlich mit seinen fremdenfeindlichen Kumpels aneinander.

„Kleine Wunder in Athen“ des Regisseurs Fillipos Tsitos beäugt kritisch und zugleich wunderbar ironisch den alltäglichen Rassismus, der in Griechenland seit Generationen selbstverständlich ist. Der Film ist ein Plädoyer für kulturelle Toleranz – eine Thematik, die allerdings nicht nur in Griechenland eine große Rolle spielt. Der Film versucht nicht, mit reißerischer Hollywoodkomik zu überzeugen. „Kleine Wunder in Athen“ arbeitet  mit ruhigen Bildern, auf die man sich einlassen muss. Der feinsinnige Humor und die Ironie werden von einem Publikum, das noch nie in Griechenland war, vielleicht nicht immer verstanden. Der griechenlandaffine Zuschauer dagegen genießt urkomische Situationen und erkennt die Eigenheiten der Griechen in jedem Moment wieder. Man fühlt mit dem Protagonisten, als der sich inmitten eines albanischen Folkloreabends wiederfindet. Der Hund „Patriot“, der bei Albanern anschlägt, kläfft nun auch Stavros an. Wenn Stavros‘ pflegebedürftige Mutter im Glauben, ihre Söhne vereint zu haben, erstmals nach langer Zeit glücklich ihren Teller leer isst, verstehen wir auch die emotionale Dimension der Einwanderungsproblematik. Die kauzigen Charaktere sind authentisch und sympathisch, obwohl man sich stetig für sie fremdschämt. Die Darsteller überzeugen in ihrer Ambivalenz – als faule Schmarotzer ebenso wie als sich sorgende Freunde.

 

Vom Verschwinden des Qualitätsjournalismus

Besprochen  von Bastian Buchtaleck

  • DONSBACH, W./ RENTSCH, M./ SCHIELICKE, A.M./ DEGEN, S. (Hrsg.): Entzauberung eines Berufs. Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden. UVK, Konstanz 2009. ISBN 978-3-86764-192-0.
vom verschwinden des qualitätsjournalismus                                     © UVK – Verlag

 

Die Ergebnisse des Buchs „Entzauberung eines Berufs“ sind nicht nur alarmierend, sie sind niederschmetternd: „Die Mehrheit der Befragten, darunter gerade auch die Jungen, hält Journalisten für unmoralisch, rücksichtslos, manipulativ, bestechlich und – überraschend im Hinblick auf ihre Kontrollfunktion als vierte Gewalt – für zu mächtig. Zudem fühlen sie sich nicht sachlich genug informiert.“ Ebenso wird eine Studie zitiert, wonach acht von zehn Zeitungsredakteuren einräumen, dass im redaktionellen Teil der eigenen Zeitung auf die Interessen von Inserenten Rücksicht genommen wird.

Das alles klingt wahrlich ernüchternd. Doch worin bestand der Zauber des Berufs Journalist ursprünglich? Walter Donsbach und seine Co-Autoren schreiben, „Recherchetiefe, Neutralität und Fairness“ seien zentrale Merkmale des Journalismus gewesen. Lange Zeit war Journalismus eine Instanz, die die Wahrheit über finanzielle und persönliche Interessen gestellt hat und darum eine Kontrollfunktion auf Wirtschaft und Politik ausübte. Gleichzeitig brachten Journalisten das Neueste vom Tage in die Haushalte.

Journalismus in Deutschland – kein Vertrauen und wenig Glaubwürdigkeit

Die Ergebnisse der Studien rechnen deutlich mit dieser offensichtlich nicht mehr aktuellen Einschätzung ab. Gefragt wurden deutschlandweit 1054 Personen ab 18 Jahre. Ihr Bild vom derzeit praktizierten Journalismus ist düster. Weniger als Journalisten vertrauen die Deutschen nur noch Managern und Politikern.

Für die Erosion der Glaubwürdigkeit des Berufsstandes machen die Autoren mehrere Gründe aus. Allen voran den wachsenden Online-Markt, der andere Anforderungen an die Journalisten stellt als die klassischen Printausgaben. Seit im Internet fast alle Informationen und Nachrichten sekundenschnell verfügbar sind und ebenso schnell übernommen werden können, ist es schwierig, mit exklusiven Nachrichten und hoher Geschwindigkeit positiv herauszustechen. Es gibt immer mehr Anbieter, die dieselben Inhalte im Überfluss anbieten.

Mehr Anbieter bedeuten gleichzeitig weniger Auflage oder Klicks pro Angebot. Um trotzdem ein möglichst großes Stück des verbleibenden Kuchens zu erhalten, passen die Redaktionen ihre Inhalte an die Nachfrage an. Sie ändern sich in Richtung Personalisierung (People), Emotionalisierung (Klatsch) und Skandalisierung – kurz: das was man unter Boulevard versteht.

Soft News verdrängen die klassischen Hard News

Diese neuen Themen werden als Soft News bezeichnet. Sie unterscheiden sich von den Hard News dadurch, dass sie mehr auf Gerüchte und Spekulationen setzen als auf Fakten. Obwohl der Studie nach die meisten Zeitungsleser Soft News ablehnen, sind jene Zeitungen und Webseiten, die in erster Linie mit Soft News arbeiten, stärker nachgefragt als seriöse Angebote. Der Verdacht liegt nahe: auf die „Entzauberung eines Berufs“ folgt auch die Entzauberung des Lesers. Offensichtlich bevorzugen Leser in Umfragen andere Inhalte als sie sie schließlich am Kiosk oder im Internet nachfragen. Anspruch und Wirklichkeit gehen nicht nur bei den Journalisten auseinander.

Den Leser zu journalistischer Qualitätsarbeit nötigen

Vor diesem Hintergrund scheint es sogar möglich, dass der klassische Journalismus gerade darum gut gewesen ist, weil er seine Monopolstellung ausgenutzt und nicht auf die Bedürfnisse seiner Leser geachtet hat. Es gab ihn nur als Gesamtpaket und alternativlos in Form einer Tageszeitung. Wer Vermischtes lesen wollte oder Sport, musste immer erst an Wirtschaft und Politik vorbei. Der Leser wurde also ein Stück weit zum Qualitätsjournalismus genötigt. Man konnte es sich leisten, der Leser war auf die Zeitung oder Zeitschrift als Informationsquelle angewiesen. Journalismus hat sich lange auf einem künstlichen Plateau befunden. Nun wandelt sich der Journalismus, weg von einem Vollangebot und hin zu einem an der Nachfrage orientierten Journalismus.

Insgesamt liegt der Titel „Entzauberung eines Berufs“ vollkommen richtig. Früher war der Beruf des Journalisten irgendwie magisch. Er war der weiße Ritter gegen Korruption und Lüge. Doch die Zeiten haben sich geändert. Mit dem Internet sind Nachrichten Massenware geworden und wahrscheinlich ist es so, dass der Journalismus erst jetzt sein wahres Publikum findet. Das Buch zeigt dies gut auf, auch wenn der Anteil, den der Lesers daran hat, nicht genügend gewürdigt wird. Guter, ausführlicher, intensiv recherchierter Journalismus ist teuer, und die Gesellschaft muss entscheiden, wie viel ihr Qualitätsjournalismus wert ist.

 

„Freie Journalisten in Deutschland“-Verdünntes Weihwasser

Besprochen von Bastian Buchtaleck

  • MEYEN, Michael/ SPRINGER, Nina/ in Kooperation mit dem DFJV: Freie Journalisten in Deutschland. UVK, Konstanz 2009. ISBN: 978-3867641562.

freie journalisten ein deutschland- verdünntes weihwasser

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Bereits 2006 stellte der ehemalige Chef des Deutschen Journalistenverbandes Siegfried Weischenberg fest, dass „die Professionalität und die Identität des Journalismus bedroht“ seien. Er bezeichnete den Traumberuf vieler junger Menschen als ‚Weihwasser‘, das die Kommunikationsverhältnisse der Gesellschaft durchaus reinige, sieht es jedoch als schon reichlich verdünnt an. Nun haben Michael Meyen und Nina Springer in Kooperation mit dem Deutschen Fachjournalisten-Verband auf 180 Seiten einen umfassenden Report zusammengetragen. Er basiert auf einer vom Institut für Kommunikations­wissenschaft und Medienforschung der Universität München konzipierten Online­befragung von mehr als 1500 Journalisten und 82 Interviews. Um mehr über die berufliche Situation freier Journalisten in Deutschland zu erfahren, wurden die Teilnehmenden zu den Themen Werdegang, Arbeitsalltag und zu ihrem Selbstverständnis befragt.

Freie Journalisten seien in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, so die Autoren. Zum einen würden die Inhalte verschiedener Medien verstärkt von Freien produziert, während die fest angestellten Redakteure rein administrativ tätig seien. Zum anderen seien freie Journalisten ökonomisch attraktiv für Unternehmen, da sie häufig geringer entlohnt würden und nicht vertraglich gebunden seien. Sie stellten also zum inhaltlichen auch einen großen wirtschaftlichen Faktor dar. „Freie Journalisten benötigen im Unterschied zu Redakteuren eine doppelte Kompetenz: sie müssen nicht nur journalistisch arbeiten können, sondern auch Unternehmergeist besitzen“, stellen die Autoren fest.

Der Report entwirft ein deutliches Bild der Aufgaben, Chancen, Probleme und Möglichkeiten freier Journalisten. Auch nach dem beruflichen Status selbst und den Einkommensverhältnissen wird gefragt. Dem Selbstverständnis ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Letzteres sei geprägt vom „Ideal des neutralen Vermittlers“. Hierzu wurde eine „Selbstverständnis-Typologie“ erstellt, deren Unterteilung in Journalismus-Typen wie dem ‚Politiker‘, dem ‚Dienstleister‘, dem ‚Selbstverwirklicher‘ und weiteren sehr schlüssig scheint. Im letzten Kapitel wird zusätzlich eine ‚Typologie der freien Journalisten‘ entwickelt. Hierbei unterscheiden die Autoren zum Beispiel zwischen den ‚Redakteuren‘, den ‚Unternehmern‘ und den ‚Künstlern‘. Beide aufgestellte Typologien sind klug gewählt und begründet.

Meyen und Springer zeigen auch deutlich die Probleme auf, mit denen freie Journalisten umgehen müssen und die eine Bedrohung des ‚Weihwassers-Journalismus‘ darstellten. Selbständigkeit sei zwar die Freiheit, den Tag selbst einteilen zu können, zugleich ließen sich aber oftmals Geschäftliches und Privates nicht trennen. Außerdem klagten einige der befragten Journalisten, sie müssten aus Angst, in Zukunft nicht wieder berücksichtigt zu werden oder auch aus finanziellen Gründen jeden Auftrag annehmen. Der Report zeigt, dass die Freien – gemessen an der meist hochwertigen Ausbildung –  relativ schlecht bezahlt werden und darüber hinaus stark von den Redaktionen abhängig sind. Durch diese doppelte Unsicherheit können Freiberufler nur schwer ein missionarisches Statement oder eine eigene Politik entwickeln. Mehr noch: Freie Journalisten sind dazu gezwungen, andere Jobs anzunehmen. Die PR als verwandte Branche ist da für viele eine verlockende Alternative. Dort wird geregelter und besser bezahlt und außerdem bietet sie Raum für eigenes kreatives Schreiben – das ‚Weihwasser‘ allerdings verdünnt sich auf diese Weise.

Insgesamt ist der Report „Freie Journalisten in Deutschland“ keine Anleitung für die Praxis – der freie Journalist kann wenig mehr daraus lernen, als dass er mit seinen Problemen nicht alleine ist. Aber die Arbeit erhellt in einer verständlichen Sprache die ‚Blackbox‘ des freien Journalismus. Sie kann dabei Faktoren identifizieren, die ein besseres Einkommen ermöglichen, und die allgemeinen Bedingungen des Berufsstands deutlich darlegen. Gleichzeitig stellt der Report fest, dass Freiberuflichkeit mit Unsicherheiten und geringem Einkommen verbunden ist: Der Gehalt des ‚Weihwassers‘ nimmt mit dem Gehalt der Journalisten ab. Es mag also zwar dünner geworden sein, aber es ist – das zeigt „Freie Journalisten in Deutschland“ auch – immer noch gehaltvoll genug.

 

NAURU ist überall

Besprochen von Leif Allendorf

  • FOLLIET, Luc: Nauru – Die verwüstete Insel. Wie der Kapitalismus das reichste Land der Erde zerstörte. Wagenbach-Verlag 2011. ISBN: 978-3803126542.
Nauru                                            © Wagenbach Verlag

 

In seiner Studie „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ beschreibt der Amerikaner Jared Diamond in einem Gedankenspiel, wie der letzte Baum der Osterinsel von der Urbevölkerung gefällt wurde. Der ganze Wald ist bereits abgeholzt worden, damit die Pazifikbewohner die berühmten Steinstatuen errichten und transportieren konnten. Nun ist nur noch ein letzter Baum übrig. Die Bewohner der Osterinsel waren keine dummen Kreaturen, es waren Menschen von Verstand wie wir. Und trotzdem fällten sie um etwa 1500 nach Christus den letzten Baum und zerstörten damit sehenden Auges die letzte Möglichkeit, dass sich die Insel wieder bewaldete. Was mag den Holzfällern durch den Kopf gegangen sein, als sie den letzten Baum der Insel mit ihren Steinäxten niederwarfen?

Fünfhundert Jahre später ereignete sich auf Nauru, einer ebenfalls kleinen isolierten Pazifikinsel, ein ähnliches Desaster. Die polynesische Bevölkerung benutzte keine Steinäxte, um ihre idyllische Heimat zu ruinieren. Auch waren Bagger, Kräne und Fabrikschlote nicht das Mittel, um den Untergang herbeizuführen (obwohl sie der Insel ihre Spuren hinterlassen haben). Das Inselparadies am anderen Ende der Welt wurde mithilfe der freien Marktwirtschaft zerstört.

Nauru ist etwa 20 Quadratmeter groß und wird von weniger als 10.000 Menschen bewohnt. Der Vogelkot hat sich auf der Oberfläche aus abgestorbenen Korallen im Laufe der Jahrtausende zu einer Phosphatschicht vermengt. Phosphat ist eine Ressource, die sich mit Erdöl vergleichen lässt. Weltweit werden damit ausgelaugte Böden gedüngt. So wie die Industrie Erdöl benötigt, ist die globale Landwirtschaft auf Phosphat angewiesen. Wer über diese Ressource verfügt, ist reich. Und Nauru bestand aus Millionen und Abermillionen Tonnen dieser Substanz.

In der Zeit vor, während und nach den beiden Weltkriegen war Nauru ein Spielball der Kolonialmächte und Machtblöcke. Doch in den 60er Jahren hatten einige junge Inselbewohner Universitäten in Australien und die USA besucht und wussten nun, wie die westliche Welt ihre Heimat ausbeutete. Nach jahrelangen zähen Verhandlungen erlangte die Insel 1968 ihre Unabhängigkeit und die alleinige Kontrolle über den Handel mit Phosphat, der bislang in der Hand britischer und australischer Firmentrusts gelegen hatte. Die unermesslichen Erträge flossen direkt in die Taschen der Inselbewohner und machten die bislang armen Menschen quasi über Nacht zu Millionären. Von der Notwendigkeit der Erwerbstätigkeit befreit verbrachten die Nauruer ihre vollständige Zeit damit, ihr Geld mit vollen Händen auszugeben, mit wöchentlich neu erworbenen Luxusautos um die einzige Straße der Insel zu kurven und chinesischen Gastarbeitern die Maloche des Phosphatabbaus zu überlassen.

Wer zu viel Geld hat, um es auszugeben, der legt es an. Und wird es richtig angelegt, dann bringt dies noch mehr Geld, das wiederum angelegt werden muss. Die Befreier Naurus hatten dies auch geplant, um die Zukunft des winzigen Inselstaates zu sichern. Irgendwann würden die Phosphatvorkommen erschöpft sein – und dann musste Nauru auf anderen Beinen stehen. Durch Unerfahrenheit und Leichtsinn gerieten die Dollarmillionen in die Hände windiger Spekulanten, die es darauf angelegt hatten, die Naivität der Nauruer zu benutzen, um sich selbst zu bereichern. Das dafür verantwortliche Establishment Naurus – fast jede Familie stellte irgendwann einen verantwortlichen Minister oder Behördenchef – fürchtete sich, die Fehlschläge einzugestehen und versuchte, die Verluste mit noch größeren Unternehmungen wiedergutzumachen, die allerdings noch größere Verluste verursachten. Verdrängung und Verleugnung der dringendsten Probleme und Fehlentwicklungen ließen das reichste Land der Erde unausweichlich auf den ökonomischen Untergang zusteuern. Den Abschluss der unabwendbaren Abwärtsspirale stellte der verzweifelte Versuch dar, mit Krediten wieder zu Geldmitteln zu kommen, was aber letzten Endes nur bewirkte, dass weitere Kredite aufgenommen werden mussten, um die Zinsen des vorhergehenden Darlehens zu beziehen.

Überliefert hat uns diese Geschichte der französische Journalist Luc Folliet in seinem Buch „NAURU – Die verwüstete Insel. Wie der Kapitalismus das reichste Land der Erde zerstörte“, das soeben im Wagenbach-Verlag erschienen ist. Ende 2005 reiste er nach Nauru, „um selbst zu sehen, ob das alles wahr ist“. Können wir s glauben? Auf GoogleEarth kann man den Namen der Insel eingeben. Die Weltkugel dreht sich, wendet uns den unendlichen Pazifischen Ozean zu und zoomt auf eine winzige Insel, etwa vier Kilometer lang und drei Kilometer breit. Wir können weiter hinabtauchen und erkennen die Ringstraße, die entlang der Küste einmal um die Insel führt. Wir erkennen die Start- und Landebahn im Süden, direkt neben der Hauptstadt Yare. Im Nordosten sehen wir den verfallenen Fischereihafen Yanibare.

Die Bewohner von Nauru sind nicht törichter als andere Menschen. Auf ihrer winzigen Insel zeigen sich die Folgen ihres Handels nur rascher. Sie taten nichts anderes als die Ölstaaten, die mit gigantischen Bauvorhaben protzen, aber völlig verdrängen, dass die Millionen von Petrodollars mit dem schwarzen Gold versiegen. Und nichts anderes als jeder Bewohner der westlichen Welt, der dem Klima nichts mehr wünscht als dass es sich wieder erholt, der aber, wenn er aufgefordert wird, auf Autofahren und zwei Ferienflüge im Jahr zu verzichten, der Ansicht ist, das gehe nun wirklich zu weit, da müsse das Klima eben Zugeständnisse machen.

Das eingangs erwähnte Fällen des letzten Baums der Osterinsel ist ein noch viel schlimmeres Verbrechen, wenn man bedenkt, dass die Osterinsulaner ihr Eiland für die ganze Welt und sich selbst für die einzigen Bewohner hielten. Sie glaubten also nicht nur, den letzten Baum ihrer Insel, sondern den letzten Baum des ganzen Planeten zu zerstören. Was den Menschen der Osterinsel nicht möglich ist, könnte die globalisierte Wirtschaftsgesellschaft schaffen: die weitgehende Vernichtung der eigenen Zivilisation. Und wenn das geschieht, dann tun wir eines Tages das, was die Nauruer seit dem Zusammenbruch ihrer Wirtschaft tun: Mit einer Angel ans Ufer treten, um etwas auf dem Mittagstisch zu bekommen.

Dieser Artikel ist zunächst bei 60Minuten in Berlin erschienen (http://www.60minuten.net).