Ronja Maack zum Film Fatherhood (NOR/ DE/ ISL 2025) von Even G. Benestad und August Baugstø Hanssen, der auf den Nordischen Filmtagen 2025 in Lübeck vorgestellt wurde. Zusätzlich zur Kritik gibt es noch eine Video-Kurz-Reportage mit einem kurzen Interview des Regisseurs.
Braucht es 2025, in einer vermeintlich progressiven Gesellschaft, noch Dokumentarfilme über nonkonforme Beziehungs- und Familienkonstellationen? Diese Frage stellen sich die beiden dänischen Regisseure Even G. Benestad und August Baugstø Hanssen zu Beginn der Dreharbeiten zu ihrem Film Fatherhood (2025), den sie bei den 67. Nordischen Filmtagen in Lübeck in der Sektion Dokumentarfilm präsentieren. Hanssen beschreibt die anfänglichen Zweifel rückblickend als Ausgangspunkt des Projekts, bis der Anschlag auf einen queeren Nachtclub in Oslo 2022 für sie deutlich machte, wie notwendig es sei, diese Geschichte zu erzählen.
Über mehr als ein Jahr hinweg begleiten die Regisseure Kris, David und Sindre, die seit mehreren Jahren in einer queeren polyamorösen Beziehung leben und nun ihr erstes gemeinsames Kind erwarten. Mit Kris als gebärendem Vater. Durch die elliptische Montage erhalten Zuschauende Einblicke in ihren Alltag während und nach der Schwangerschaft, in persönliche Höhe- und Tiefpunkte, Arztbesuche und Familientreffen ebenso wie in ihre gewohnte Umgebung, Ängste und Hoffnungen. Ein Wechselspiel aus tagebuchartigen Selbstaufnahmen, Handyvideos aus privaten Alltagssituationen, beobachtenden Momentaufnahmen, interaktiven Szenen zwischen Protagonisten und Kamerateam, Interviews mit Familienmitgliedern und atmosphärischen Bildern des Wohnortes formt dabei ein intimes und emotionsgeladenes Portrait dieser Familie. Vor diesem Hintergrund eröffnet Fatherhood eine Auseinandersetzung mit Trans-Identität und queerer Elternschaft, moderiert durch Kris‘ Lebensgeschichte. Performative Szenen, die seine unfreiwillige medizinische Geschlechtsangleichung sowie die frühe Offenlegung seiner Geschlechtsidentität als Trans-Mann im Gespräch mit seiner Mutter nachstellen, Beweisaufnahmen zu den strukturellen Hürden, mit denen er konfrontiert ist, und ein von Kris‘ Perspektive getragenes Voice-Over machen sichtbar, wie er und seine Partner immer wieder auf gesellschaftliches und institutionelles Unverständnis treffen.
Fatherhood versucht zugleich die persönliche Erzählung bewusst in einen größeren politischen Zusammenhang zu verorten. Bilder von Trauer und Demonstrationen nach dem Anschlag in Oslo greifen kollektive Ängste innerhalb der Queeren-Community auf und machen deutlich, wie fragil Anerkennung weiterhin bleibt. Dafür, dass dieses Ereignis den zentralen Impuls für den Film geliefert haben soll, bleibt die politische Auseinandersetzung mit Queer-Feindlichkeit, Diskriminierung und Gewalt jedoch vergleichsweise kurz. Wie Titel und Machart bereits nahelegen, versteht sich Fatherhood in erster Linie jedoch als persönliches Familienportrait, das vor allem durch seine Subjektivität und Emotionalisierung überzeugt und die Beziehungsdynamiken und Beweggründe seiner Protagonisten nachvollziehbar macht.
Fatherhood (Tre fedre), NOR/ DE/ ISL 2025, Regie: Even G. Benestad und August Baugstø Hanssen, Produzent: Carsten Aanonsen, Produktionsfirma: Indie Film Laufzeit: 77 min.