Rendezvous statt Kampf der Kulturen?

Besprochenvon Hans W. Giessen

  • COURBAGE, Youssef/ TODD, Emmanuel: Die unaufhaltsame Revolution: Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern. Piper, München 2008. ISBN 978-3492051316 Pick It!

Der französische Originaltitel „Rendezvous der Kulturen“ („Le rendez-vous des civilisations“) ist natürlich eine Reaktion auf Samuel Huntingtons vielbeschworenen „Kampf der Kulturen“ („ Clash of Civilizations and the Remaking of World Order“) von 1996, dessen vieldiskutierte These besagt, dass die Konfliktlinien auf der Welt entlang kultureller – eigentlich: religiös-ideologischer – Großräume verlaufen. Der 11. September 2001 wurde vielfach als dramatischer Beleg für Huntingtons Szenario empfunden.

Youssef Courbage und Emmanuel Todd leugnen den Einfluss Huntingtons auf die öffentliche Meinung im ,Westen’ natürlich nicht, und ebensowenig, dass die islamischen Länder einen speziellen Kulturraum darstellen – ansonsten hätten sie ihren Titel anders wählen beziehungsweise ihr Thema anders einkreisen müssen. Natürlich streiten sie auch nicht den ideologisch begründeten Hass vieler junger Muslime auf den Westen ab. Allerdings gehen die Autoren davon aus, dass die Kultur nur eine unter mehreren Variablen ist, die menschliches Verhalten prägt – in ihren Augen ist sie nicht einmal die wichtigste Variable. Soziale und insbesondere demographische Variablen seien letztlich wichtiger. In ihrer Analyse sozialdemographischer Daten finden Courbage und Todd nun Hinweise, die Huntington (zumindest) die Brisanz nehmen: Auch der islamische Kulturkreis werde von den Kräften der modernen Welt erfasst; dies führe auch dort zu mehr Rationalität – die Globalisierung ist stärker als der Kampf der Kulturen.

Youssef Courbage ist gebürtiger Syrer und arbeitet heute als Forschungsdirektor am Institut National d’Études Démographiques in Paris. Emmanuel Todd, Urgroßcousin des Anthropologen Claude Lévy-Strauss, ist am selben Institut tätig. Ihre demographischen Daten sind eindrucksvoll. Zunächst stellen sie eine Wechselwirkung zwischen Bildung und Geburtenraten fest. Sie können zeigen, dass überall, wo Frauen Lesen und Schreiben lernen konnten, die Geburtenzahl rückläufig ist. Analphabetismus nimmt (auch) in der arabischen Welt deutlich ab; gleichzeitig sinken die Geburten pro Frau vom hohen einstelligen Bereich (sechs bis acht, in vielen Fällen über zehn Kinder) auf durchschnittlich rund zwei Kinder. Die Geburtenraten der islamischen Länder nähert sich also rapide denjenigen an, die wir seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts aus anderen Kulturkreisen kennen: natürlich aus Europa, aber beispielsweise auch aus Ostasien.

Das Buch ist wichtig, weil es strukturelle Variablen aufwertet, die in kulturwissenschaftlichen Diskussionen häufig übersehen werden – Huntington, um ein letztes Mal seinen Namen zu nennen, berücksichtigte eben nur kulturell-religiös-ideologische Parameter und kommt so nach meinem Dafürhalten zu einer Überbewertung scheinbar unüberwindlicher Gegensätze. (Im Übrigen: Courbage und Todd führen die Auseinandersetzung mit Huntington nicht explizit; vielleicht geht der Titel vom „rendez-vous des civilisations“ lediglich auf Marketingüberlegungen des Verlags zurück.).

Dass gerade demographische Variablen von großer Bedeutung sein können, zeigen komparatistische Beobachtungen zum „youth bulge“, wonach ein überproportionaler Anteil von jugendlichen Männern ohne ökonomische oder auch nur karrieremäßige Perspektive in auffälliger Häufigkeit mit Unruhen, Kriegen, Eroberungen, aber auch Bürgerkriegen und chiliastischen Bewegungen korreliert. Das war im Europa der frühen Neuzeit nicht anders als heute in der islamischen Welt. Wenn also die Demographie eine Abschwächung dieses „youth bulge“ andeutet, ist dies vermutlich ebenfalls nicht ohne Konsequenzen. Ich vermute, dass es doch zu simplifizierend ist, daraus eine kulturelle Konvergenzentwicklung abzuleiten – dass dieses Faktum aber ebenfalls kulturell wirksam ist, scheint ebenso einleuchtend. Darauf hingewiesen und es mit eindrucksvollem Zahlenmaterial illustriert zu haben ist das große Verdienst dieses Buches.

Allerdings scheinen mir Autoren in ihrem Bemühen, durch Aufwertung der früher allzu oft vernachlässigten sozialstrukturellen Variablen die globalen Entwicklungen besser zu verstehen, mitunter ins Gegenteil zu verfallen und kulturell-religiös-ideologische Parameter (oder auch nur den Wechselwirkungen zwischen Kultur und Struktur) zu wenig Bedeutung beizumessen. Ein Beispiel für diese einseitige Überbewertung ist die Annahme, die Alphabetisierung führe quasi zwangsläufig zu einer rationaleren Gesellschaft. Ein simples Gegenbespiel dazu wären die Irrationalismen, die in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts Deutschland beherrscht hatten, ein alphabetisiertes Land, das „Land der Dichter und Denker“. Solche Über- und Fehlbewertungen ändert jedoch nichts daran, dass die Mitberücksichtigung struktureller (soziodemographischer) Variablen eine Erweiterung unseres Verständnisses menschlichen Verhaltens ermöglicht.