Über „Der Psalmenstreit” von Maarten t’ Hart

Besprochen von Anabelle Assaf

  • HART, Maarten t’: Der Psalmentstreit. Piper, München; Zürich 2008. ISBN 978-3492252881.

Historie ohne Pomp und Kitsch

In seinem historischen Roman „Der Psalmenstreit“ beleuchtet Maarten ’t Hart ein Kapitel scheinbar absurder menschlicher Geschichte. In dem kleinen Fischerdörfchen Maasluis in den Niederlanden schlagen sich die Bürger Mitte des 18. Jahrhunderts die Köpfe ein über die Frage, ob die Psalmen in der Kirche nun langsam oder schnell gesungen werden sollen. Im Zentrum der Erzählung, die die Jahre 1739 bis 1811 umfasst, steht der Reeder Roemer Stroombreker, von seiner Mutter zur Hochzeit mit einer reichen Erbin gezwungen. Der junge Mann aber verliebt sich in eine arme Netzflickerin, mit der er einen unehelichen Sohn zeugt, welcher Zeit seines Lebens in kriminelle Handlungen verstrickt bleibt und dem sein ihm unbekannter Vater so nie nahe kommen kann. Bis dahin nicht viel Neues. Erfrischend ist allerdings, dass t’ Hart sich darauf beschränkt, eine historisch korrekte Episode niederländischer Geschichte zu erzählen, ohne dabei die Liebesgeschichte des Reichen und der Armen zum unzähligsten Male wiederzukäuen. Vielmehr verlegt er sich darauf, soziale Missstände zu schildern und dem Leser einen Einblick in die Fischerei und ihre Bedeutung für die Bevölkerung der holländischen Küste zu vermitteln, von der der Autor selbst gebürtig stammt. Seine Figuren aber bleiben bei all den historischen Daten leider nur oberflächlich gezeichnet. Einzig der alte Schullehrer Spanjaard erzeugt durch seine Ironie komische Momente, die die statische Erzählung ein wenig auflockern. Vielleicht hätte Maarten ’t Hart sich tatsächlich dazu hinreißen sollen, seinen Roman auf die doppelte Seitenanzahl zu verlängern, um die Geschichte tiefgründiger und auch persönlicher zu gestalten. So aber springt er mit jedem Kapitel um ein Jahrzehnt weiter vor und als Leser fragt man sich regelmäßig, was wohl aus der Fortsetzung der eben geschilderten Handlung geworden sein mag. Man kratzt die Zweifel an Bibel, Glauben und sinnvollem Kirchgang nur kurz und leider oft auch etwas lächerlich anmutend an, bleibt unfähig die Beweggründe der Charaktere wirklich nachzuvollziehen und sieht berühmte Persönlichkeiten wie Bach, Mozart, Beethoven, Napoleon und Kaiser Friedrich nur im Schnelldurchlauf vorbei ziehen. Gerade noch befindet man sich Anfang des 18. Jahrhunderts im Reich des florierenden Fischereigeschäfts, dann wieder ist man Zeuge des Psalmenstreits, kurz später gibt es bereits Krieg zwischen Holländern und Engländern, im nächsten Kapitel geht sich das Volk aber plötzlich wegen Patriotismusfragen an die Gurgel, nur um dann von Napoleon überrannt zu werden. 70 Jahre Geschichte werden doch extrem zusammenhanglos geschildert, ohne dass die Hintergründe dem historisch ungeschulten Leser klar würden.
Dennoch, bei all den schlecht recherchierten, überkandidelten Geschichtchen, die das Genre Historischer Roman in den letzten Jahren überschwemmen, bleibt t’ Hart dem eigentlichen Anliegen dieser Art Literatur wieder erwarten treu – ein Stück Geschichte zu vermitteln.