Mithu Sanyal : Vulva Renaissance

Besprochen von Bastian Buchtaleck

Es waren verschiedene Gründe, die Mithu Sanyal dazu bewogen haben, das Buch „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ zu schreiben. Zum Ersten hatte sie als junge Frau im Gegensatz zu ihrem Partner keine Vorstellung vom Aussehen ihrer Vulva. Dann fehlten ihr, nachdem sie sich ein Bild gemacht hatte, die Worte, um ihre Vulva zu beschreiben. Drittens fand sie auf der Suche nach Worten die Vulva nur im Kontext von Krankheit oder Kinderkriegen. Aus diesem dreifachen Anlass versucht Sanyal auf 240 Seiten sichtbar zu machen, was bislang unsichtbar blieb: der äußerlich sichtbare Teil des weiblichen Geschlechtes. Selbstredend geht es ihr dabei auch um die Definitionsgewalt über das eigene Geschlecht.

Im Gegensatz zu Vulva sind Vagina und Scheide weitaus gebräuchlichere Begriffe für das weibliche Geschlechtsorgan. Während die Vulva den sichtbaren Teil beschreibt, reduziert sich Vagina „ausschließlich auf die Körperöffnung“. Sie „ist nur ein Loch, in das der Mann sein Genitale stecken kann, oder, um im Bild zu bleiben: eine Scheide für sein Schwert.“ Schon das erste etymologisch angelegte Kapitel spricht sehr deutlich die Politik, die das weitere Buch verfolgt: In kämpferischer Manier führt Sanyal vor, wie die Vulva kulturell und sprachlich abgewertet und aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein ausgeklammert wurde. Im Folgenden extrahiert Sanyal Mechanismen der Unterdrückung für die ganz alten Mythen, das Christentum und für die Kunst.

Immer ist die Frau die abgewertete Folie, von der sich der Mann absetzt. „Er war vermeintlich ‚rational‘, weil sie ‚irrational‘ war. Und ‚Kultur‘ benötigte ‚Natur‘, um sie sich untertan zu machen.“ Der Mann ist der Kopf, die Frau der Körper. Mit dem Christentum nahm die Unterdrückung Fahrt auf. „Der abstrakte monotheistische Gott benötigte keine sakrale Weiblichkeit mehr, da er zumindest theoretisch alle ihre Funktionen selbst erfüllte“, begründet die Autorin. Das Buch ist geprägt durch einen locker-reflexiven Schreibstil, der zumindest für den geübten Leser eingängig sein dürfte. Damit gelingt Sanyal überzeugend und lesenswert der kulturhistorische Nachweis, wie die Mechanismen der Unterdrückung gewirkt haben (und teilweise noch wirken).

Andererseits ist das Buch weder in seiner Haltung noch in der eröffneten Perspektive zeitgemäß. Wenn Sanyal die Frau als Abziehfolie des Mannes, als unvollständiger Mann ohne Penis, mit wandernder Gebärmutter, als Kastrierte beschreibt, muss sie gerade darin kritisiert werden. Sie bewegt sich dafür in den Diskursen der 70er und schreibt über die Gesellschaft der 50er Jahre. Viel zu oft liest sich „Vulva“ wie ein Pamphlet mit dem kämpferischen Ziel der Deutungshoheit, wobei Vulva dann zu einem Kampfbegriff wird, der einzig auf die Unterdrückung durch die Männer verweist. Sanyals Ziel, einen eigens definierten, positiven Begriff von Vulva zu erschaffen, einen, auf den frau stolz sein kann, verfehlt sie jedoch. Noch immer kann sie die Schönheit der Vulva nicht in Worte fassen. Vielleicht besteht der Wert des Buchs zunächst also einfach darin, das Schweigen gebrochen zu haben. Selten haben die, die zuerst gesprochen haben, auch als erste gleich die richtigen Worte gefunden.

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Über „Die Beute“ von Phoebe Müller

Besprochen von Leif Allendorf

  • MÜLLER, Phoebe: Die Beute: Erotische Erzählungen. Konkursbuch-Verl. Gehrke, Tübingen 2007. ISBN: 978-3887693688.

Die Karlsruher Autorin Phoebe Müller hat einen beachtlichen Weg hinter sich. In den 80er Jahren veröffentlichte sie im Selbstverlag Erzählungen unter dem Titel „Die Eingeweide des Himmels“. Es waren Geschichten des Weltschmerzes, die das Gefühl schildern, wenn man literarisch interessiert ist in einer Stadt, die wie Karlsruhe nicht das geringste Interesse an Literatur hat. Ihr Romandebüt „Fernes Feuer“ landete irgendwo zwischen Nichtbeachtung und Geheimtipp. Inzwischen gibt es sogar in Karlsruhe so etwas wie eine literarische Szene – dank des unermüdlichen Einsatzes von Menschen wie dem Leiter des Oberrheinischen Dichtermuseums, Hansgeorg Schmidt-Bergmann, oder dem umtriebigen Schriftsteller Matthias Kehle. Aber Phoebe Müller hat die Karlsruher Provinzbühne verlassen. Seit einiger Zeit veröffentlicht sie erotische Erzählungen im konkursbuch-Verlag von Claudia Gehrke. Geschichten dieser Art sind zur Zeit schwer in Mode. Der Berliner Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf hat eigens ein Spin-off dafür gegründet: In der Reihe „Anais“ verlegen drei junge Verlegerinnen die Erotikromane junger Autorinnen. Das Strickmuster dieser Geschichten ist immer dasselbe. Im Gegensatz zu den Klassikern, auf die sich heutige Texte dieser Art berufen zu dürfen glauben, Anais Nin oder Pauline Reage, handelt es sich um Dutzendware, die sich konsumieren lässt wie Pralinen oder Sekt.
Nicht so die Erzählungen in Phoebe Müllers neuestem Band „Die Beute“. Zwar mutet der Handlungsablauf meist genau so an wie bei den erwähnten Routineprodukten: zwei Menschen begegnen sich, haben Sex und gehen wieder auseinander. Bei Phoebe Müller kommt aber noch eine weitere Ebene hinein, ein Gefühl des Unbehagens. Es scheint, als ob das Ungenügen, das die Protagonisten bei „konventionellen“ Sex empfinden, die Autorin daran hindert, die übliche Erotik-Wohlfühlprosa zu produzieren, jenen Prosecco zum Lesen, der gegenwärtig so erfolgreich ist. Deutliches Zeichen dieses Unbehagens sind die von Erzählung zu Erzählung sich steigernden Verletzungen, die sich die Liebespartner zufügen. Je stärker die Leere empfunden wird, desto krasser findet sich dies in den sado-masochistischen Praktiken wider. Dies verleiht dem Buch die „Beute“ eine existenzielle Tiefe, die den meisten Konkurrentinnen Phoebe Müllers fehlt.

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„Honigkuss“ – Ein politisches Luststück

Besprochen von Bastian Buchtaleck

  • NEIMI, Salwa Al: Honigkuss. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008. ISBN 978-3-455-40131-8.

Die in Damaskus geborene Muslima Salwa Al Neimi verkündet in ihrem Roman „Honigkuss“ die sich doch günstig auf Körper, Seele und Verstand auswirkende „Heilkraft des Beischlafs“. Ja, „je schamloser der Beischlaf ist, desto schöner ist er“ (Seite 10). Mehr noch, „es gibt Menschen, die Geister beschwören – ich beschwöre Körper“. (Seite 9) Schnell wird der explizit lustbetonte Ansatz deutlich, der wirkt, als wolle man auf der Welle der Empörung mitschwimmen, die durch Charlotte Roches Gequassel um Feuchtgebiete ausgelöst wurde.
Sofern es das boomende Genre des ‚Lebensbeichte-Romans‘ gibt, ist Honigkuss ein würdiger Vertreter. Angetrieben wird der Roman von einer Ich-Erzählerin, deren Reflektionen sich beständig um zwei Schwerpunkte drehen. Zum einen alte arabische Liebesliteratur, der die in einer Pariser Bibliothek arbeitende Ich-Erzählerin mit einer Mischung aus professioneller Notwendigkeit und persönlichem Interesse gegenüber tritt. Zum anderen die intensive Affäre der Ich-Erzählerin zu dem ‚Denker‘. An dieser Affäre entfaltet sich ein Widerstreit von Liebe und Lust. „Liebe ist für die Seele, Lust für den Körper. Ich habe keine Seele.“ (Seite 31) Durchgehend legt Neimi nahe, dass es Liebe ODER Lust gibt – von dem UND kann sie nicht viel berichten. Sie ist, indem sie die Lust des Körpers über das ‚Verlangen der Seele‘ stellt, taub gegenüber den Freuden der Liebe. Dabei bleibt die Beschreibung ihrer Lust stets vage, irgendwie unerfüllt.

Denn der Leser begreift schnell, was der Ich-Erzählerin nie so recht bewusst wird und sie in vielfältigen Worten abstreitet: Wenn sie keine Fragen stellt und keine Erklärungen braucht, solange der Denker da ist, dann beschreibt Neimi keinen Zustand der lustbetonten, affärenhaften Gleichgültigkeit, sondern den der Liebe.

Dann geht der Denker. „Es könnte sein, dass wir ihn verlieren wegen eines Worts, eines Schulterzuckens, (…) einer uralten Angst, eines Spiels, dessen Regeln sich uns entziehen.“ (Seite 121) Aber die Vermutungen der Ich-Erzählerin laufen ins Leere. Der Denker geht, weil ihn niemand bittet, zu bleiben. Wer zu oft hört, er sei frei, der wird auch gehen. Es berührt merkwürdig, der Ich-Erzählerin auf ihrem Pfad der Lust zu folgen, da ständig mitschwingt, dass sie nicht sexuelle Erfüllung sucht, sondern vor dem flieht, was eine Liebesbeziehung bedeuten könnte.

Das insgesamt gelungene Buch weist nur kleinere Schwächen auf. Die verwendeten literarischen Bilder sind brüchig, bekannt, manchmal kitschig – nur selten ein gelungener bildhafter Vergleich. Auch werden immer wieder vermeidbare Wiederholungen ähnlich lautender Sätze oder auch Inhalte produziert. Die Entwicklung der Geschichte tritt dabei auf der Stelle. Passend zur Ich-Erzählerin, die angehalten wird, einen wissenschaftlichen Aufsatz zu schreiben, ist die Sprache des Buchs reflektierend-beobachtend. Neimi ist vielmehr Chronistin als Erzählerin.

Was nach Verlagsangaben in arabischen Ländern einen Skandal ausgelöst hat, wirkt in den westlichen Ländern, die sich mit Bohlens Penisbruch, diversen Sexvideos und dem ‚Mädchen von Seite drei‘ konfrontiert sehen, sehr vertraut. Der intendierte Skandal verpufft am vermeintlich aufgeklärten (und zugleich übersättigten) Bürger des Abendlandes. Dafür dürfte sich dieser umso mehr über die politische Botschaft des Buchs freuen. Honigkuss betrachtet ungläubig die lustfeindliche Wandlung, die Teile der muslimischen Glaubensgemeinschaft seit den großen arabischen Werken vor mehr als tausend Jahren vollzogen haben und stellt fest, „dass sich Flauberts Orient von 1847 in Luft aufgelöst hat. Folgen des 11. September und des islamischen Dschihad.“ (Seite 60) Indem Neimi ihre Ich-Erzählerin als Erbin und Profiteurin der arabisch-erotischen Literatur profiliert, führt sie die aktuelle Lustfeindlichkeit als entwurzelte Fehlentwicklung vor.

Gerade die Vehemenz, mit der die Ich-Erzählerin an ihrer Lust festhält, kann als eine politisch-ideologische Abgrenzung verstanden werden: Muslimische Frauen haben Sex, Lust auf Sex und manchmal sogar so viel von beidem, dass darüber geschrieben werden muss. Neimis Buch ist die Versicherung: Ich, eine Muslima, bin ein Mensch, der (sexuelle) Bedürfnisse hat – genau wie du. Bei Honigkuss handelt sich sich also um eine politische Botschaft, ein politisches Luststück sozusagen. Denn das eine zeigt das Buch deutlich: Eine Frau ist eine Frau und ein Mann ist ein Mann und die Lust, die man füreinander empfindet ist menschlich. Und nun sage mal einer, diese Botschaft allein sei nicht schon ein ganzes Buch wert.

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