Paradiesisches. Über ‚Que reste-t-il du paradis?‘ von Jean Delumeau

Besprochenvon Michael Tillmann

In der Frage Jean Delumeaus, was vom Paradies noch übrig bleibe, lässt sich eine gewisse Resignation erkennen, die der Leser dieser mit großer Akribie dokumentierten Geschichte der schriftlichen und ikonographischen Paradiesdarstellungen am Ende seiner Lektüre mit Nachdruck beipflichten möchte. Im fortgeschrittenen Stadium der Säkularisierung unserer westlichen Gesellschaften ist nicht allein der Glaube an jenseitige Heilsvorstellungen verloren gegangen. Selbst dort, wo diese noch mit einiger Glaubwürdigkeit gepflegt werden, ist – aus einem sehr einfachen Grunde – der Bildervorrat zur Darstellung des Unsagbaren abhanden gekommen: das Jenseits entzieht sich der Präzision bildlicher Darstellbarkeit. Eine Folge dieser Entwicklung besteht nun gerade darin, dass uns der Symbolgehalt der Paradies-Darstellungen zumeist verschlossen bleibt und wir die himmlischen Gefilde in all ihrer Pracht alles in allem mit einiger Verständnislosigkeit betrachten. Es ist nicht eben das geringste Verdienst Jean Delumeaus, uns wieder mit den Wurzeln der gemeineuropäischen Tradition des Christentums und seiner Bildersprache vertraut zu machen und uns somit die Möglichkeit zu eröffnen, Denkmäler des christlichen Abendlandes mit Gewinn erschließen zu können. Ihren Ausgang nimmt die Untersuchung Jean Delumeaus bei dem Genter Altar (1432) von Jan van Eyck, der dem Autor über die verschiedenen Kapitel hinweg als Referenz dient, erkennt er doch darin ein formvollendetes Werk, das sich mit unnachahmlicher Meisterschaft aus dem Vorrat der paradiesischen Bilderwelt bedient, um das friedliche Himmelsgefilde nach dem Jüngsten Gericht in all seinem Glanz erstrahlen zu lassen. Dabei entgeht dem Verfasser auch keineswegs, dass die Einbettung in einen religiösen Zusammenhang diesem Kunstwerk einen ganz anderen Status im Alltag der gläubigen Christen zuwies als der Blick des nachgeborenen Betrachters zu verstehen im Stande ist. In einem steten Hin und Her zwischen grundlegenden schriftlichen Quellen – von der Genesis über die Apokalypse bis hin zu Dantes „Paradiso“ – und einer ikonographischen Beschreibung bildlicher Darstellungen entdeckt der Leser nach und nach den Fundus an für diese Thematik grundsätzlichen Bildelemente und deren Symbolgehalt. So führt uns der Autor beispielsweise in die Geschichte der Farbsymbolik ein, die alles andere als statisch verläuft. Die Farbe Blau hat so zum Beispiel erst im Laufe der Jahrhunderte an Geltung gewonnen, bis sie schließlich in das Reich der edlen Farben aufgenommen wurde. Seitdem erscheint die Jungfrau Maria in samtenes Blau gehüllt. Nach zwei Kapiteln („Éblouissement“, „Bonheurs“), die im wesentlichen der Rekonstruktion dieser typischen Bildelemente der Paradies-Darstellungen gewidmet sind, wird auf den folgenden Seiten der Eindruck des Statisch-Unveränderlichen, der sich aus den vorangegangen Beschreibungen hätte ergeben können, korrigiert, und diese Geschichte des Paradieses erlangt so ihre eigentlich historische Dimension. In den „Transformations“ beschreibt der Autor die Veränderungen, die diese Bilderwelt prägen und die ihren Anstoß teils aus der weltgeschichtlichen Entwicklung, teils aus den Fortschritten und Entdeckungen in Wissenschaft und Kunst beziehen. Perspektivisches Malen und die Trompe-l’oeil-Technik geben den Künstlern nämlich ungeahnte Mittel an die Hand, die Gläubigen in andächtiges Erstaunen zu versetzen. Diese Entwicklung erfährt eine radikale Richtungsänderung, als im Laufe der Jahrhunderte das irdische Königtum an Macht gegenüber der kirchlichen Autorität gewinnt und die ikonographischen Elemente gleichsam in beiden Sphären zur Verklärung irdischer und himmlischer Macht in Konkurrenz zueinander treten. Darüber hinaus brechen heidnisch-mythologische Bilderwelten in die christlichen Paradiesvorstellungen ein, die schließlich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr Schritt zu halten vermögen: „Das Jenseits wird nicht länger im Himmel verortet. Es ist kein eigentlicher Ort mehr. Es verliert seine Farben und Formen. Bedeutet das aber auch, dass es selbst verschwindet? Jesus hat nicht das Paradies beschrieben, sondern von der Wirklichkeit einer ewig andauernden Zukunft des Friedens und des Glücks gesprochen“. Somit scheint spätestens im Laufe des 19. Jahrhunderts der Kampf zwischen zwei, dem Christentum eingeschriebenen, widersprüchlichen Tendenzen entschieden: Die Bilderpracht ist der Vorstellung gewichen, dass Unverstellbares auch undarstellbar zu bleiben habe.

© passerelle.de, Sommer 2001

Bestellen!