Rzayeva, Sevindsh: Gesellschaft kontra Persönlichkeit. Zum Menschenbild im Roman ‚Der Mann ohne Eigenschaften’ von Robert Musil, 15.06.07

Im Roman Der Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil bedingt die Konzeption der Gesellschaft auch die Konzeption der Persönlichkeit; Gesellschaft und Persönlichkeit sind dialektisch verbunden: Grundlegende Eigenschaften der Persönlichkeit reifen in der Tiefe der gesellschaftlichen Beziehungen, die Persönlichkeit bewirkt ihrerseits soziale Tendenzen. Das bedeutet allerdings keineswegs die harmonische Vereinigung und Eintracht von Gesellschaft und Persönlichkeit. Tatsächlich fügt sich keine einzige Romanfigur bedingungslos ins Gesellschaftssystem ein.

Dies liegt vor allem daran, dass die Gesellschaft selbst kein logisches System darstellt, sondern zutiefst widersprüchlich ist und kein fruchtbares Feld für die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit bietet. In Der Mann ohne Eigenschaften ist die Gesellschaft als eine aggressive Macht dargestellt, die jeden Versuch, sich zu einer Persönlichkeit zu entwickeln, im Keim erstickt. Daher tritt keine Figur – Ulrich vielleicht ausgenommen – auf, die für sich in Anspruch nehmen könnte, eine vollwertige Persönlichkeit zusein. Dem Zustand einer dem Untergang geweihten Gesellschaft entspricht der Verfall der Persönlichkeit. Dieser Verfall zeigt sich in verschiedenen Formen: die intellektuelle Impotenz des Generals von Stumm, das Fehlen moralischer Werte bei Arnheim, die psychische Unausgeglichenheit von Klarissa, die Plattheit der Gefühle bei Diotima, die Beschranktheit von Tutti, und schließlich die Unbändigkeit Ulrichs. Dies geht einher mit der totalen Verneinung irgendeines Lebenszwecks oder gültigen Weltordnung sowie der Überzeugung, dass sich niemals etwas ändern wird. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen, der Verlauf der Oktoberrevolution und ihr Münden im Stalinismus, und schließlich das Aufkommen des Faschismus und der Zweite Weltkrieg sollten zumindest das pessimistische Weltbild bestätigen.

Die Konzeption des Menschen ist nicht nur mit den sozialpolitischen Realitäten zur Entstehungszeit des Romans verbunden, sondern auch mit Traditionen der künstlerischen und philosophischen Geistesgeschichte. Die Vorstellung, Kunst und Leben zu vereinen, haben erstmals die deutschen Frühromantiker geprägt. Viele Musil-Forscher weisen auf Parallelen mit der Konzeption der romantischen Persönlichkeit sowie auf Einflüsse von Friedrich Hölderlin hin. Neben dem Werk Dostojewskis hatte besonders die Philosophie Friedrich Nietzsches Eindruck auf den österreichischen Schriftsteller gemacht. In seinen Tagebüchern und Artikeln formulierte Musil seine Vorstellung von einer Persönlichkeit, die sich vom Menschen seiner Zeit diametral unterscheidet. Er wollte sich nicht abfinden mit Unmoral, Willensschwäche, Charakterschwäche und intellektueller Unbeweglichkeit.

Wie Dostojewski beschäftigte sich Musil mit dem Grundproblem des Menschen zum Ende des 19. und zum Beginn des 20. Jahrhunderts: der Entfremdung und Selbstentfremdung der Persönlichkeit. Beide Schriftsteller schildern Menschen, denen die menschlichen Eigenschaften abhanden kommen, und entwickeln daraus ihre Weltanschauung. Und diese Anschauung wird maßgeblich für das 20. Jahrhundert sein: die Vorstellung einer Welt, in der die Persönlichkeit sich nur eingeschränkt entwickeln kann.

‚Der Mann mit Eigenschaften’ ist in dieser Hinsicht ein entfremdeter Mensch, weil er im System der gesellschaftlichen Beziehungen eingeschlossen ist und deshalb ohne individuelle Eigenschaften dasteht. Ulrich dagegen, der ‚Mann ohne Eigenschaften’, ist die einzige nicht entfremdete Person in Roman. Er verkörpert nicht der Weisheit letzter Schluss oder die edelsten menschlichen Eigenschaften. Ein Mensch ‚ohne Eigenschaften’ zu sein ist die einzige Weise, die persönliche Integrität zu wahren.

So propagiert Musil einen neuen Menschen – den ‚Mann ohne Eigenschaften’, der frei ist von gesellschaftlichen Konventionen und sich quasi außerhalb von Zeit und Raum befindet. Diese Vorstellung ist das Ergebnis einer längerfristigen künstlerischen Entwicklung Musils, vom Frühroman Die Verwirrungen des Zöglings Törleß bis zu den späten Novellen. Aber diese Konzeption scheitert – was meiner Ansicht nach letztlich dazu führte, dass der Roman Der Mann ohne Eigenschaften niemals vollendet wurde.

In der Ästhetik Robert Musils spielt die Idee der romantischen Ironie eine zentrale Rolle. Dabei ist Ironie für den österreichischen Schriftsteller nicht nur künstlerisch-technisches Verfahren, sondern höchstwahrscheinlich das Universalverhältnis des Künstlers zur Wirklichkeit, insbesondere zur menschlichen Persönlichkeit. Musil glaubte, dass viele Mängel des Menschen mit dem „zu ernsten“ Verhältnis zu sich selbst zusammenhingen. Das ironische Verhältnis zur eigenen Person lässt den Menschen seine seelischen und intellektuellenFähigkeitenrealistisch einzuschätzen. Ein ironisches Verhältnis zu sich selbst führt dabei auf paradoxe Weise zu geistiger Reinigung und moralischer Erhöhung. Ironie entwickelt sich zu Musils Bewertungsmaßstab geistlicher und intellektueller Fähigkeiten. Gerade diese Eigenschaft ist die grundlegende Eigenschaft des Haupthelden Ulrich. ‚Der Mann ohne Eigenschaften’ hat nämlich doch eine Eigenschaft – es ist die allgegenwärtige Ironie.

Oft wird vernachlässigt, dass es neben dem Bild des harmonischen Idealmenschen wie in Gemälden von Leonardo da Vincis oder Werken wie Boccaccios Dekameron und Petrarcas Sonetten noch eine pessimistischePersönlichkeitsvorstellung gab, die ihren künstlerischen Ausdruck in Cervantes’ Don Quichote und in Werken des deutschen Barock, aber auch in Stücken Shakespears wie Hamlet, Macbeth und König Lear fand. Und während Goethe beharrlich danach strebte, in seinen Werken einen harmonischen Menschen zu schildern, unternahmen es andere deutsche Dichter wie Novalis und Hölderlin, später auch E.T.A. Hoffmann, Heinrich Heine und andere, den geistig asymmetrischen Menschen darzustellen.

Das konstruierte Herangehen an den Bildaufbau und die ständige Kommentierung der geschilderten Ereignisse unterstreichen den ironischen Charakter von Musils Texten. Mit Ironie untersucht der Schriftsteller die Unterscheidungsmerkmale der Menschen ‚mit Eigenschaften’ und ‚ohne Eigenschaften’, er zeigt sie von verschiedenen Seiten und stellt sie einander gegenüber. Thomas Mann, ein Bewunderer Musils, schrieb: „Das Kunstsystem von Musil – ist die Waffe der Reinheit, der Richtigkeit, der Natürlichkeit gegen alles Fremdes, finsteres Falsches, gegen das, was er in seiner träumerischen Verachtung ‚die Eigenschaften’ nannte.“ [6, 367]

Aus Musils Tagebüchern ist ersichtlich, dass der Schriftsteller mehrere Varianten für den Schluss des am Ende unvollendeten Romans in Erwägung zog. Tatsächlich stellte keine ihn zufrieden. Aber unter den möglichen Fassungen verdient jene besondere Aufmerksamkeit, deren Konzept der Autor als „Utopie des induktiven Denkens oder der sozialen Anlagen“ bezeichnete. [2, 155] Das Prinzip des „Mann ohne Eigenschaften” ist die totale Verneinung, wohingegen die Liebe die unbedingteste Form gesellschaftlicher Bindung darstellt. Schon früh ist sich Musil der Gefahr bewusst: eine Liebe „zu zweit“ hat unvermeidlich egoistischen Charakter. Sie isoliert zwei Menschen von der Gesellschaft und vertieft den Graben zwischen individueller Persönlichkeit und Gesellschaft. Sowohl Ulrich als auch Agatha legen sich Rechenschaft über diese Gefahr ab, sind aber nicht bereit, ihre Gefühle zu leugnen. Stattdessen suchen sie nach einer allumfassenden Lösung. Durch die individuelle Liebe zueinander streben sie danach, den Weg zu den Herzen aller Menschen zu finden. Aber je näher sie ihnen kommen, desto mehr wird ihnen klar, dass sie nicht imstande sind, ihre Nächsten, geschweige denn die ganze Menschheit zu lieben. Ein Mensch, der alle anderen liebt, verliert seine Gefühle; die Liebe zerstreut sich, löst sich im Allgemeinen auf und verschwindet schließlich ganz. Ulrich beginnt zu begreifen, dass er nicht imstande ist, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. „Alles lieben und nichts im Einzelnen“, resümiert Ulrich schließlich die Hoffnungslosigkeit seiner Situation.

Es scheint mir, dass eine der grundlegenden Ursachen des Scheiterns des Experiments, sich ins System der gesellschaftlichen Beziehungen einzureihen, in Zusammenhang mit der Liebeskonzeption der deutschen Frühromantik steht. Musils Äußerungen stimmen verblüffend überein mit Sentenzen seines Lieblingsdichters Hölderlin.

Eine Zusammenstellung:

Hölderlin: „Meine Liebe gehört zur Menschheit, nicht lasterhaften, sklavisch unterwürfigen, konservativen, mit der wir sehr oft zusammenstoßen. Ich liebe die Menschheit von Zukunft.“

Musil: „Ich widme diesen Roman der deutschen Jugend. Nicht der heutigen, geistig verheerten nach dem Krieg – die sind nur spaßhafte Abenteurer, sondern der, die einmal kommen wird.“

Hölderlin: „Ich liebe den Menschen nicht menschlich.“

Musil: „Den Menschen lieben – nicht imstande sein, ihn zu lieben.“

Ulrich versucht den Aufstand gegen alle moralischen Vorschriften. Er entsagt den Gesellschaftsnormen und öffnet sich einer verbotenen Liebe. Dabei versucht Musils Protagonist, ein einmal erlebtes Gefühl wieder zu erleben und es für immer zu bewahren, es zum Sinn seines Lebens zu machen und nach seinen Gesetzen zu leben. Doch immer, wenn der Schriftsteller den Gefühlen seiner Figuren auf den Grund geht, erlischt deren vermeintliche Erhabenheit. Ulrichs vorübergehende Verliebtheit in die „Frau Major“ wird von Musil ironisch kommentiert. Der Autor teilt den Lesern mit, dass das Experiment, ein Anderer zu sein, meistens tragisch endet. A. Karelski charakterisiert Ulrichs Grundproblem präzise: „Musil will die beimischungslosen, sozusagen destillierten Formen von 2 Komponenten (Rationalismus und Emotionalität) erreichen. Dieses Streben hat dem klassischen Dilemma ‚Verstand – Gefühl’ in Musils Variante eine besondere Spannung und Schärfe verliehen: je klarer sich zwei Prinzipien wähnen, desto tiefer ist der Abgrund zwischen ihnen und desto unlösbarer die Aufgabe, sie zusammenzuführen ist.“ [5, 15]

Bei der Beschreibung der Liebe Ulrichs zu seiner Schwester bleibt der Autor auffällig neutral gegenüber der Blutschande, die doch Objekt der schärfsten und unversöhnlichsten Kritik zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte war. Doch der Inzest dient hier in erster Linie als Symbol. Er dient dem Zweck, dem Teufelskreis der Trostlosigkeit zu entrinnen. Aber auch dieser verwegene Schritt hilft ihnen nicht. Ulrich und Agatha übertreten die Normen der menschlichen Gemeinschaft und fühlen sich zu einander hingezogen. Aber das strenge Tabu des Inzests überschattet ihre Gefühle. Strebend zu lieben sind sie nicht imstande zu lieben. Die Beziehungen zwischen Ulrich und Agatha charakterisierend schreibt Musil: „Den Menschen lieben – und nicht imstande sein, ihn zu lieben.“

Literatur

  • Kraft, Herbert: Musil. Wien: Paul Zsolnay Verlag 2003
  • Musil, Robert: Tagebücher, Aphorismen, Essays und Reden. Hamburg: Rowohlt Verlag 1955
  • Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften (hg. v. Adolf Frise). Hamburg: Rowohlt Verlag 1978
  • Музиль Р. О книгах Роберта Музиля. – В кн.: Называть вещи своими именами, стр. 367-373
  • Карельский А. Утопии Роберта Музиля.- Вкн.: Musil R. Ausgewählte Prosa. Moskau, 1980, стр. 5-27
  • Corino, Karl: Musil. Leben und Werke in Bildern und Texten. Hamburg: Rowohlt 1988
  • Honnef-Becker, Irmgard: Ulrich lächelte, Techniken der Relativierung in Robert Musils Roman «Der Mann ohne Eigenschaften». Frankfurt am Main: Verlag Peter Lang 1991
  • „R. Musil“, in: Text+Kritik. Zeitschrift für Literatur (hg. v. Heinz Lüdwig Arnold). München: Weidenbaum Piper Verlag 1983


Poesie gegen die Kultur des Todes. Fernando Rendón im Interview mit Camilo Jiménez, anlässlich der Verleihung des Alternativen Nobelpreises 2006, 08.12.06

Eine gekürzte Version dieses Interviews erschien am 6. Dezember 2006 in der kolumbianischen Tageszeitung El País (www.elpais.com.co).
 
Das Interview wurde von Britta Astrid Verlinden übersetzt.
 

Das Internationale Festival der Poesie in Medellín (FIPM), Kolumbien, ist das größte und eins der renommiertesten Poesiefestivals der Welt. Als es 1991 vom Dichter Fernando Rendón gegründet wurde, war die weltberühmte Mafiastadt Medellín eine der gefährlichsten und gewalttätigsten Städte der Welt. Ein blutiger Krieg zwischen den von Drogenkartellen geforderten Paramilitärorganisationen und dem kolumbianischen Staat herrschte damals im Lande, und im Mittelpunkt der Kämpfe stand mit rund 60 Toten pro Tag Medellín als „Welthauptstadt der Gewalt“.

Es war in diesen Gewaltjahren, dass ca. 4000 Mitglieder der linksliberalen Unión Patriótica (UP, Patriotische Union) sowie schätzungsweise 2500 Gewerkschafter systematisch eliminiert wurden. Mitte der 80er Jahre hatte der kolumbianische Präsident Belisario Betancurt einen enormen Erfolg, als 1984 der Waffenstillstand von den Guerrillaorganisationen im Land unterzeichnet wurde. Die Friedenspolitik des Präsidenten stieß jedoch auf allen Seiten auf erbitterten Widerstand, wurde von Paramilitärs, Militärs und Politikern behindert und führte dann zu einer weiteren Eskalation des bewaffneten Konfliktes.

Die Krise erreichte ihren Höhepunkt, als 1985 die Guerillagruppe M-19 den Justizpalast in Bogotá besetzte. Die darauf folgende blutige Erstürmung der Militärs hinterließ hunderte von Toten, den niedergebrannten Palast und eine äußerst kritische politische Lage, in der die Bevölkerung Kolumbiens Opfer von Angst und Gewalt wurde. 4 Jahre folgten, in denen jedwede Friedensbemühung im Land scheiterte. Es waren aber 4 Jahre, in denen die Regierungskritiker, die sich noch nicht den Guerillaorganisationen im Urwald anschließen und zu den Waffen greifen wollten, hatten zunächst immer noch die Patriotische Union als einzige politische Bühne der Opposition. Die 1989 durchgeführten Massaker an den Mitgliedern der linken Patriotischen Union verstärkte jedoch das allgemeine Klima des Misstrauens und vertiefte den gewalttätigen Konflikt in Kolumbien in einem bis dahin nicht gekannten Maß.

Es war in dieser Zeit, dass die Dichter Fernando Rendón und Ángela García die Idee hatten, ein Poesiefestival zu gründen, das in Medellín stattfinden und die Dichtung als „Waffe gegen den Terror“ verwenden sollte. 13 Mitglieder des renommierten Literatur Magazins Prometo, dessen Herausgeber Rendón und García waren, sammelten ihre Kräfte zusammen und veranstalteten 1991 das Poesiefestival. Das FIPM gilt bis heute als Protestakt gegen die politische Gewalt in Kolumbien. Die Verwendung der Dichtung als Waffe gegen den Terror ist bis heute die Grundidee des Festivals geblieben.

Über achtzig Dichter aus 55 Ländern nehmen jährlich am Festival teil, dessen 17. Ausgabe im Juli 2007 mit der Teilnahme von namhaften Belletristen wie Hans Magnus Enzensberger, Breyten Breytenbach und Elke Erbe stattfindet. Das Festival ist das größte Poesiefestival der Welt und ein außerordentliches Ereignis: Auf den gefährlichen Straßen Medellíns, in Parks, Wohnvierteln, Theatern, Universitäten, Schulen und Bibliotheken tragen die Dichter während 10 Tagen ihre Werke in mehr als 60 Sprachen und Dialekten vor. Rund 200 000 Besucher in 33 kolumbianischen Städten und Dörfern hören die rund 900 öffentlichen Lesungen.

 

Der Alternative Nobelpreis

„Das FIPM hat bewiesen, dass die Kreativität, die Schönheit, die freie Meinung und die Gesellschaft gegenüber einer Lage der tief greifenden Angst und Gewalt zusammen gedeihen und diese Lage überwinden können“, so die Erklärung der Stiftung Right Lifelihood Award, die Fernando Rendón und den Organisatoren des FIPM den Alternativen Nobelpreis 2006 am 8. Dezember verlieh. Der 1980 gestiftete Alternative Nobelpreis (der nur in Deutschland als solchen gekannt und offiziell Right Lifelihood Award genannt wird) wird jährlich an 3 oder 4 Preisträger verliehen. Sie wurde von einer Gruppe Intellektueller und Politiker in Schweden gegründet, als der Vorstand der Nobelstiftung den Vorschlag des ehemaligen Mitglieds des Europäischen Parlaments Jakob Uexküll ablehnte, einen Nobelpreis für Ökologie und Entwicklung zu vergeben. Daher ehrt der Alternative Nobelpreis Menschen oder Organisationen, die „Lösungen zu den dringendsten Problemen unserer Zeit finden und umsetzen.“ Aus diesem Grund ist der Preis nicht in strengen Kategorien geordnet. Seit 20 Jahren bekommen den Alternativen Nobelpreis Umweltschützer, Friedensaktivisten, Menschenrechtskämpfer sowie prominente Menschen aus den Bereichen Entwicklung, Kultur, Verbraucherschutz, Bildung, Gesundheit, Energie und Ressourcenschonung.

Ende November 2006 befand sich Fernando Rendón, Direktor des FIPM, auf seinem Weg nach Stockholm, wo er den Alternativen Nobelpreis bekam, in Berlin. Im Gespräch mit dem AVINUS Magazin spricht Rendón über die Schwierigkeiten, heutzutage das Festival in Kolumbien zu veranstalten, und über die Kultur des Todes in Kolumbien.

Wie haben Sie nach 14 Jahren des unerbittlichen Kampfes für das Überleben des Internationalen Festivals der Poesie in Medellín (FIPM) die Ankündigung aufgenommen, dass Ihnen der Alternative Nobelpreis verliehen wird?

Wir erhalten diese Auszeichnung als Anerkennung der weltweiten Einzigartigkeit des FIPM. Wir waren mit einer krassen Situation des Terrors und der Gewalt konfrontiert und haben teilweise zu ihrer Überwindung beigetragen. Ich sage teilweise, weil die paramilitärischen Gruppen Kolumbiens weiterhin viele Zonen Medellíns beherrschen. In der Begründung des Alternativen Nobelpreiskomitees heißt es, „die Verleihung dieses Preises ehrt den Mut und die Hoffnung in Momenten der Verzweiflung.“ Ich sehe das genauso und freue mich sehr, dass unsere jahrelangen Bemühungen nun belohnt werden. Wir möchten diesen Preis den jungen Menschen in Kolumbien widmen, da sie die eigentlichen Kämpfer für den Frieden sind.

Und was wird aus den 200 000 Euro, mit denen der Preis dotiert ist?

Wir befinden uns seit vielen Jahren in einer defizitären Situation. Vor kurzer Zeit verlangte der kolumbianische Staat eine Steuernachzahlung in Höhe von ca. 30 000 Euro von uns. Wir haben also Verwendung für einen guten Teil des Preisgeldes. Darüber hinaus wollen wir auch das Festival finanziell stärken, denn dies ist der einzige Weg, uns Kredite zu verschaffen und unser Poesie-Projekt auch in schwierigeren Zeiten erhalten zu können.

Das FIPM ist das größte Poesiefestival der Welt. Wie kam es zu seiner Gründung und wie erreichte es solche Anerkennung?

Ich war immer der Meinung, dass die Poesie ein außergewöhnliches Gut ist, zu dem jeder Mensch Zugang haben sollte. In Zeiten, in denen das kollektive Leben eine sekundäre Rolle in der Gesellschaft spielt, bleiben den meisten Menschen ihre Gemeingüter verwehrt. Ich wollte nicht, dass dasselbe für das Gemeingut Poesie passiert. Poesie ist in meinen Augen ein Erbe der Menschheit. Und 1991, nach dem Genozid der Unión Patriótica in Kolumbien und mitten im Krieg zwischen dem Medellínkartell und dem kolumbianischen Staat, also in einer Epoche, in der die Bürger Medellíns den Terror dieses Krieges am eigenen Leib erfahren mussten, entschied ich mich, diesem Terror die Poesie entgegenzusetzen. Meine Absicht war es, ein Projekt aufzubauen, mit dem ich die Poesie nach und nach in alle Bereiche der Gesellschaft einführen könnte – und zwar für den Frieden.

Um sich am Leben zu halten, musste das FIPM seit seiner Entstehung große Hindernisse überwinden, die oft sogar von staatlichen kolumbianischen Institutionen ausgingen. Inwiefern wird sich diese Situation nach der Verleihung des Alternativen Nobelpreises Ihrer Meinung nach ändern?

Wir haben immer große Probleme gehabt, vorwärts zu kommen. 2003 unterrichteten uns die Paramilitärs, dass sie uns mit Kugeln durchsieben würden, sollten wir in Kolumbien das Erste Weltgipfeltreffen der Poesie für den Frieden veranstalten. Die Person, die uns diese Drohung mitteilte, war niemand Geringeres als ein Funktionär des Präsidialamtes der kolumbianischen Republik. Derselbe Funktionär – was für ein Zufall! – legte uns einige Tage später nahe, dass auch das Präsidialamt der Planung dieser Veranstaltung nicht gerade wohlwollend zusehe, da das FIPM schon genügend politisch ausgerichtet sei – was eine Lüge ist. Das FIPM hatte nie die Absicht, den kolumbianischen Staat zu verärgern, sondern hat im Gegenteil immer versucht, Brücken zu schlagen zwischen dem Staat und den verschiedenen Sektoren, die an der Schaffung eines Rahmens für den politischen Dialog in Kolumbien interessiert sind. Auf der anderen Seite hat es auch Hindernisse auf finanzieller Ebene gegeben: Praktisch alle Bürgermeister Medellíns, außer dem jetzigen, strichen während ihrer jeweiligen Amtszeit jegliche Zuschüsse für das Festival. Ebenso haben wir Widerstand durch die Medien erfahren. Anfangs begeisterten sie sich für die Entstehung des FIPM, aber als sie begriffen, dass unsere Organisation nicht manipulierbar war, ließ die Berichterstattung nach. Angesichts dieser Situation machen wir heute sämtliche Öffentlichkeitsarbeit alleine. Dazu kommt, dass El Mundo, eine renommierte Zeitung Medellíns, vom Staat einmal verlangte, unsere Förderung komplett einzustellen. Mir scheint, dass all das über die politischen Absichten der Medien in Kolumbien hinaus auch eine Konsequenz des mangelnden Wissens um die Natur der Poesie vieler Kulturjournalisten im Lande ist.

Und welches Verständnis haben die Organisatoren des FIPM von der Natur der Poesie?

Im Unterschied zu den Kulturredakteuren Kolumbiens verstehen wir die Poesie – und das wird jeden Tag nötiger – als eine Form der Erkenntnis, der Interpretation und der Transformation der Realität.

In einem von Ihnen veröffentlichten Kommentar zur Preisverleihung schreiben Sie: „Die Auszeichnung ist eine Anerkennung der historischen Rolle der Poesie und des Geistes im Widerstand zur Kultur des Todes.“ Was meinen Sie mit der „Kultur des Todes“?

Die Kultur des Todes ist die Kultur des Krieges, die der kolumbianische Staat offen fördert. Diese Kultur kommt zum Vorschein, wenn die paramilitärischen Organisationen Kolumbiens erklären, dass 60% des Senats in ihren Händen ist, und dies niemand im Land dementiert. Diese Kultur spiegelt sich in der Tatsache wider, dass im Laufe der letzten Monate immer mehr Mitglieder des kolumbianischen Kongresses sich in Strafprozessen wieder finden. Sie drückt sich auch aus in Fällen wie dem des Senators Álvaro Araujo, der kürzlich verkündete, sollte er aufgrund vermeintlicher Verbindungen zu den Paramilitärs in einen Prozess verwickelt werden, so würde er bedauerlicherweise wegen ähnlicher Gründe auch seine Schwester denunzieren müssen (die niemand Geringeres ist als die Außenministerin) und seinen Ex-Schwager (der niemand Geringeres ist als der Vorsitzende Richter des Obersten Gerichtshofs) sowie einen weiteren Verwandten (der Richter am Verfassungsgericht ist) und sogar den Präsidenten der Republik, Álvaro Uribe. Auf diese Art herrscht in Kolumbien eine Kultur des Todes, die Gewalt, Terror und Krieg rechtfertigt und die zur weltweit höchsten Rate an ermordeten Gewerkschaftern, zur höchsten Anzahl ermordeter Journalisten der westlichen Hemisphäre in den letzten dreißig Jahren und zu zahllosen Vertreibungen in Lateinamerika geführt hat. Zu Letzterem gehören vier Millionen Menschen und ihre Enteignung von mehr als fünf Millionen Hektar Land.

Wie schätzen Sie die aktuelle Beziehung der kolumbianischen Regierung zur Kultur ein?

Vor wenigen Jahren wurde das kolumbianische Kulturministerium mit einer langen bürokratischen Namensliste und einem dermaßen geringen Budget gegründet, dass vermutlich sogar das Kulturbudget der Stadt Medellín mit einer Höhe von 10 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch ist – ich bezweifle, dass das Budget des Kulturministeriums auch nur fünf Millionen Euro beträgt. Auf eine höchst elitäre Art nimmt der kolumbianische Kulturminister nur ausgesuchte kulturelle Events unter seine Fittiche, wie zum Beispiel das Iberoamerikanische Theaterfestival in Bogotá. Es wird vom Ministerium mit mehr als 600 000 Euro unterstützt, findet allerdings nur in Bogotá statt und bleibt somit den Bogotanern vorbehalten. Währenddessen erhielt das FIPM, das bereits 35 kolumbianische Städte erreicht hat, im letzten Jahr nur 20 000 Euro, wovon uns die Hälfte erst vor zehn Tagen überwiesen wurde. Ich denke, wenn die Regierung aufhört, der Kultur weiter Steuerzwänge aufzuerlegen, und einen Teil ihres Kriegsbudgets auf die Kultur umverteilt, könnte sie zur Stärkung des Kultursektors beitragen und so mithelfen, das Ende der Barbarei im Land herbeizuführen.

Und wer vertritt unter diesen Bedingungen den Kultursektor in Kolumbien?

Zurzeit befinden sich die Freunde der Kultur in Kolumbien auf der Seite der Opposition. Die Mehrheit der kolumbianischen Intellektuellen, und die der Dichter, befürworteten die Präsidentschaftsambitionen des Mitte-links-Kandidaten Carlos Gaviria in den vergangenen Wahlen. Wir werden dies fortsetzen und der Mitte-Links-Partei Polo Democrático Alternativo in den Kommunal- und Landeswahlkampf 2008 helfen. Bei den Präsidentschaftswahlen 2010 erwarten wir einen Sieg mit Carlos Gaviria an der Spitze, der alle Dimensionen des Lebens in unserem Land erneuern wird.

Was hat Ihnen und dem FIPM der Besuch in Berlin gebracht?

Die Sicherheit, dass das Festival fortbestehen und sogar an Stärke gewinnen wird. Im Gespräch mit dem Bundestagsvizepräsidenten, Wolfgang Thierse, und anderen Abgeordneten gab es großes Interesse seitens verschiedener deutscher Politiker, im nächsten Jahr eine Gruppe von Parlamentariern nach Kolumbien zu entsenden und dem Festival den Rücken zu stärken. Auf einem Treffen mit mehr als vierzig Vertretern von Zusammenarbeitsorganisationen und Kulturministerien aus Afrika, Asien, Europa und Lateinamerika wurde mir gesagt, dass die Unterstützung für das Festival angesichts der derzeitigen Situation in Kolumbien so wichtig ist wie nie zuvor. Aus Deutschland nehme ich außerdem die Gewissheit mit nach Kolumbien, dass, auch wenn der kolumbianische Staat weiterhin die Unterstützung verweigert, große europäische Nationen fest davon überzeugt sind, dass das Festival eine wichtige friedensstiftende Rolle für Kolumbien spielt.

Jiménez, Camilo: Tagebuch eines Ehrgeizigen. Arthur Schopenhauers Studienjahre in Berlin, 11.08.06

Einleitung

Die folgende Arbeit befasst sich mit dem deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer und seinem Leben als Student der Friedrich-Wilhelms Berliner Universität. Schopenhauer lebte zwischen 1811 und 1813 in Berlin, wo er drei Semester studierte. Diese Jahre stehen für die erste von drei Perioden, die Schopenhauer in Berlin verbrachte: 1820 kehrte er in die Stadt zurück und blieb dort bis 1822, während er dort als Privatdozent tätig war. 1825 kam er wieder nach Berlin und lebte dort bis zum Ausbruch der Cholera-Seuche im Jahr 1830, wobei er ein Einzelgänger im intellektuellen Milieu der Berliner Universitätsphilosophen blieb.

Die drei Berliner Aufenthalte Arthur Schopenhauers bieten aufschlussreiche Einblicke für die Erforschung der frühen Geschichte der Berliner Universität.

In Glossen, Notizen-, Vorlesungs- und Studienheften, Briefen, Gesprächen sowie in den Vorworten und an zahlreichen Stellen seiner philosophischen Werke zeigte sich Schopenhauer — als Student, Doktorand und Privatdozent — als unermüdlicher und ständiger Kritiker der Berliner Universität, besonders ihrer zwei wichtigsten Akteure: Fichte und Hegel.

Diese Kritik an die Universitäts-Philosophie, die oft nur als willentlicher und sarkastischer Spott betrachtet wird, vermochte die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen allerdings kaum zu erregen. Das allgemeine Desinteresse an Schopenhauers Aversion gegen Hegel und die Universität allgemein hatte zunächst bei den Studierenden und Kollegen, aber langfristig auch in der akademischen Umgebung deutscher Universitäten eine unmittelbare Wirkung auf das philosophische und biographische Ansehen Schopenhauers. Nicht ohne Grund entzündete sich das Interesse für sein Werk und seine Person erst 1848, zwölf Jahre vor seinem Tod, als um die Zeit der März-Revolution auch der Gesamtanspruch des Deutschen Idealismus’ obsolet wurde und die Philosophie neue Wege ging, wobei Schopenhauers Willens-Lehre eine wichtige Rolle spielte.

Aber obgleich Schopenhauers Teilnahme am Diskurs der Universitäts-Philosophie keine historische Relevanz zuerkannt werden kann, haben seine Berliner Jahre — dies bestätigen alle wichtigen Biographen des Philosophen sowie die detaillierte Studie des Schopenhauer-Forschers Yasuo Kamata — eine für die Begriffsentwicklung des jungen Schopenhauer wesentliche Bedeutung. Schopenhauer war nie gerne in Berlin. Trotzdem befand sich dort die Universität, wo er als Student zwischen dem 23. und 25. Lebensalter zu den Überzeugungen kam, die ihn allmählich dazu führten, Fichtes Bewusstseinslehre abzulehnen und sich somit von dem aufblühenden Deutschen Idealismus definitiv abzugrenzen. Dort verfasste er einen großen Teil seiner Dissertation Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Vermutlich sind die Grundlagen seines philosophischen Hauptwerks, Die Welt als Wille und Vorstellung, ebenfalls dort entstanden. Auch war Berlin der Ort, wo der 32-jährige zwischen 1820 und 1822 — unmittelbar nach der Veröffentlichung der ersten Auflage von Die Welt als Wille und Vorstellung —sich vergeblich als großer Philosoph und Antipode Hegels zu etablieren versuchte; wo er sich als Dozent versuchte und in dem Vorhaben vollkommen scheiterte. Es ist nicht zuletzt auch der Ort, wo der Philosophie Professor zwischen 1825 und 1830 auch die unfruchtbarste Periode seines Lebens erlebte.

Eine kritische Gesamtdarstellung von Schopenhauers Berliner Jahren existiert bisher nicht. Trotzdem haben neueste Auseinandersetzungen sowohl mit dem Leben des Philosophen[1] als auch mit der Geschichte der Berliner Universität[2] Schopenhauers drei Berliner Perioden eine beträchtliche Bedeutung zuerkannt. Es ist die Absicht der vorliegenden Arbeit, sich einer der drei Berliner Aufenthalte — nämlich dem ersten — kritisch zu nähern.

Die folgenden Seiten bieten eine Darstellung vom Leben des Studenten Arthur Schopenhauer. Folglich werden neben dem Berliner Aufenthalt zwischen 1811 und 1813 die zwei Jahre miteinbezogen, die der junge Schopenhauer zuvor als Medizin-Student in Göttingen verbrachte. Besonders berücksichtigt wird hier das zugängliche Quellenmaterial. Der vorliegende Text will diese Dokumente im biographischen Kontext der Studienjahre Schopenhauers einordnen anstatt sie selbst zu analysieren. Auch werden fünf der einschlägigsten Werke über das Leben Schopenhauers zu Rate gezogen, nämlich die Biographien von Wilhelm vom Gwinner, Eduard Grisebach, Arthur Hübscher, Walter Schneider und Rüdiger Safranski.

Der Medizin-Student in Göttingen

Am 9. Oktober 1809 immatrikulierte sich der 21-jährige Arthur Schopenhauer als Student der Medizin an der Göttinger Universität. Vier Semester verbrachte Schopenhauer in Göttingen, bevor er nach Berlin abreiste, um dort das Studium der Philosophie zu beginnen. Von diesen zwei Jahren in Göttingen weiß man, dass sie dafür ursächlich waren, dass der einst überzeugte Medizinstudent seine Absichten in dem Bereich aufgab und sich für die Philosophie entschied.[3]

Und in der Tat verwandelte sich das Medizinstudium an der Göttinger Institution bereits nach dem ersten Semester zu einer Beschäftigung mit der Medizin, vor allem aber mit den Naturwissenschaften und der Philosophie. Schopenhauers Biograph Eduard Grisebach — zusammen mit Wilhelm von Gwinner eine der wichtigsten Quellen zur Lebensgeschichte Schopenhauers — beide haben den Philosophen persönlich gekannt — berichtet, es sei im Sommersemester 1810 gewesen, als Schopenhauer zum Entschluss gekommen sei, sich dem Studium der Philosophie zu widmen.[4] Schopenhauers Vorlesungshefte sowie die Register der Universitätsbibliothek liefern ein anschauliches Bild dieses Wandels.

Ein Vergleich von Schopenhauers Fächerauswahl[5] im Wintersemester 1809/10 und dem darauf folgenden Sommersemester zeigt drei relevante Änderungen im Studienplan des Medizinstudenten. Zum einen fällt sofort auf, dass weder Anatomie, die Schopenhauer bei Hempel neben Naturgeschichte und Mineralogie bei Blumenbach, Mathematik bei Thibaut und „Staatengeschichte“ bei Heeren im Wintersemester besucht hatte, noch andere Fächer der Medizin auf dem Studienkalender für das Sommersemester 1810 erscheinen. Dagegen vermehren sich die naturwissenschaftlichen Fächer auf dem Plan: Er besuchte Vorlesungen über Chemie bei Stromeyer, Physik bei Tobias Mayer und Botanik bei Schrader.

Zweitens muss man die Vorlesung über die „Geschichte der Kreuzzüge“ beim Historiker Arnold Heeren sowie die über „Allgemeine Philosophie“ bei dem damals berühmten Philosophen Gottlob Ernst Schulze hervorheben, die Schopenhauer auch während des zweiten Göttinger Semesters hörte. Der Autor der anonym veröffentlichten Kritik der Kantischen Vernunftkritik Aenesidemus oder die Fundamente der von dem Herrn Professor Reinhold in Jena gelieferten Elementar-Philosophie habe dem jungen Studenten geraten, „sich im ‚Privatfleiß’ nur Platon und Kant zuzuwenden und keinen anderen zu sehen, nämlich nicht den Aristoteles und den Spinoza.“[6] Es scheint, dass der Einfluss Schulzes eine bedeutende Rolle bei Schopenhauers Abwendung von der damals aufkeimenden nachkantischen Entwicklung der deutschsprachigen Philosophie spielte. Und das, obwohl Schopenhauer in den Randglossen der Vorlesungshefte vom „Rindvieh Schulze“ sprach, den Vortragenden öfters für einen „Sophisten“ hielt und den Vorlesungsstoff nicht selten als „Gewäsch“ oder „Unsinn“ bezeichnete.[7] Er blieb dennoch Zeit seines Lebens dankbar gegenüber Schulze,[8] an dessen viva vox im Vorlesungssaal er sich Jahre später im Gespräch mit Julius Frauenstädt erinnerte.[9]

Entschlossen, Philosophie zu studieren, besuchte Schopenhauer Schulzes Vorlesungen weiter: eine über „Metaphysik und Psychologie“ im dritten und noch eine über „Logik“ im vierten Semester.

Die dritte Neuigkeit in Schopenhauers Studienplan im zweiten Semester an der Göttinger Universität ist der lateinische Privatunterricht, den Arthur wöchentlich bei Professor Kirsten besuchte. Seine „Freizeit“ in Göttingen, welche mit dem Desinteresse an der medizinischen Fakultät zunehmend länger wurde, verbrachte Schopenhauer fern vom so genannten „Studentenleben“. Zusätzlich zum Lateinunterricht widmete er täglich mehrere Stunden der Nachlektüre von den von Professor Kirsten besprochenen lateinischen Autoren. Außerdem weiß man, dass Schopenhauer das Flötenspielen weiter lernte, dass er sogar Gitarrenunterricht nahm, dass er ein in der Stadt bekannter Spaziergänger war und ansonsten hauptsächlich dafür sorgte, sich genügend Zeit für die Bewältigung seines ehrgeizigen Studienplans zu nehmen.

Zu den erwähnten Vorlesungen kamen dann im dritten und im vierten Semester die Philosophievorlesungen Schulzes sowie Vergleichende Anatomie und „Physiologie“ bei dem von ihm geschätzten Professor Blumenbach zu[10]; dann im Wintersemester 1810/11 Vorlesungen über Physik, Astronomie und Meteorologie bei Tobias Mayer sowie „Alte Geschichte“ bei Heeren; und zuletzt — im Sommersemester 1811 — eine Vorlesung über „Alte Geschichte und Ethnographie“ bei Heeren und „Reichsgeschichte“ bei Lüder.

Der persönliche Studienplan Arthur Schopenhauers in Göttingen bestand allerdings nicht nur aus Vorlesungen, die er oft ungern besuchte,[11] sondern auch im privaten Studium der Schriften Fichtes und Schellings. Arthur Hübscher, Biograph und Herausgeber von Schopenhauers Werken und Briefen, bestätigt — nach einer Prüfung der Ausleih-Register der Göttinger Universitätsbibliothek —, dass Schopenhauer sich schon bald von Fichtes und Schellings nachkantischen Lehren, die unter Studenten und Lehrenden en vogue waren, wieder abwandte[12]. Stattdessen, so Hübscher, habe sich Schopenhauers Denken, „Schulzes Rat gemäß, in der geistigen Nachfolge Platons und Kants“ gebildet. „Aristoteles, Spinoza und nicht minder Leibniz (…) bleiben zunächst beiseite“[13]: In der Tat waren die ersten Bücher, die Schopenhauer aus der Bibliothek entlieh, zwei Schriften Schellings, Von der Wertseele und Idee zu einer Philosophie der Natur, sowie die gesamten Dialoge Platons in der Schleiermacherschen Übersetzung[14]. Das Wintersemester 1810/11 begann für Schopenhauer — nach der Lektüre von Schulzes Aenesidemus und von der „Metaphysik“ Vorlesung Schulzes beeinflusst — „mit einem nachhaltigen Studium Platons und Kants“[15]. Zu Anfang des Sommersemesters 1811 entlieh er die Kritik der reinen Vernunft, worauf die systematische Auseinandersetzung mit den Schriften Kants im Herbst folgte[16].

Trotz des engen Kalenders des Medizinstudenten Schopenhauer und seiner allgemeinen Aversion gegen das Studentenleben in Göttingen („man schlüge überhaupt viel zu viel Zeit mit den Collegen todt“[17] pflegte Schopenhauer regen Umgang mit Kommilitonen, insbesondere mit zwei Schulfreunden aus dem Gymnasium in Gotha, Friedrich Gotthilf Ossan[18] und Ernst Anton Lewald; mit dem US-Amerikaner William Backhouse Astor, dem sich Schopenhauer „der Sprache halber“ genähert hatte, und der später als Begründer der Astor Bibliothek in New York Millionär wurde; sowie mit Christian Carl Josias von Bunsen.[19] Die Gruppe Schopenhauer, Astor und Bunsen hieß schon bald der „Göttinger Bund“, von dem Bunsen und Schopenhauer bis ins hohe Alter sprachen[20].

Grisebach berichtet außerdem von einem Göttinger Tischgenossen Schopenhauers, Karl Peck, von dem man weiß, dass er Jahre später den Philosophen Schopenhauer zu Besuch hatte und, nachdem der eher unangenehme Besucher fort war, seine Meinung zu dem Altbekannten grundlegend änderte[21].

Besonders gut verstand sich Arthur Schopenhauer mit Carl Bunsen, „dem Leibgesellschafter Schopenhauers“ — wie ihn Carl Georg Bähr einmal nannte[22] -, der auf Schopenhauer den Eindruck eines Genies machte. Arthur lud ihn nach Weimar ein, um die Osterferien im Haus seiner Mutter zu verbringen.

In diese Zeit fällt das erste Treffen des eher schüchternen Schopenhauer mit Goethe.[23] Schopenhauer brachte während dieser Weimarer Ferien seinen Freund Bunsen ins Haus des Dichters, Philosophieprofessors und Lehrer des Fürstensohns Christoph Martin Wieland mit.Zwei schriftlich festgehaltene Gespräche mit dem Weimarer Dichter[24] sowie ein Brief von Wielands Enkelin,[25] Wilhelmine Schorcht, dokumentieren die Besuche im März 1811 bei Wieland. Schopenhauer war von seinem Vorhaben, nach Berlin zu ziehen und Philosophie zu studieren, überzeugt. Im Gespräch mit Wieland gelang es ihm, die Vorbehalte des alten Professors gegenüber dem Philosophiestudium auszuräumen („Sie haben recht getan [dass Sie richtig gewählt haben], junger Mann, ich verstehe jetzt Ihre Natur; bleiben Sie bei der Philosophie“.[26] Jahre später, so beschrieb Carl August Bähr, stand eine Büste Wielands auf einem Postament im Arbeitszimmer von Schopenhauers Frankfurter Wohnung.[27] Über Schopenhauers Besuch schrieb die Enkelin Wielands ihrem Freund, dem Juristen Karl Reinhold:

”Neulich war der junge Schopenhauer auf einige Zeit in W[eimar]. Er kam von ganz filosophischen Ideen voll, er hat sich einer Filosofie mit Leib und Seele ergeben (ich weiß sie nicht namentlich zu sagen), die sehr streng ist; jede Neigung, Begierde, Leidenschaft müssen unterdrückt und bekämpft werden, dazu wünsche ich ihm nur die erforderliche Kraft, den Krieg zu bestehen, denn es gehört wohl eine Riesenseele dazu, die Forderungen alle ganz zu erfüllen, wie er den guten Willen hat.”[28]

Biographen wie Hübscher und Grisebach sind der Meinung, dass die Göttinger Jahre „für den Grund und die Richtung“ des Denkens des jungen Schopenhauers entscheidend waren:[29] Der 68-jährige Schopenhauer selbst erwähnte einmal seinem Freund Carl Georg Bähr gegenüber die Bedeutung der Studienjahre in Göttingen[30]. Andere Biographen, wie Schneider[31] und Safranski,[32] oder Forscher des „jungen Schopenhauer“ wie Kamata[33] weiten diese Periode auf die ersten Berliner Jahre aus und gehen davon aus, dass die Semester in Göttingen mit der darauf folgenden Zeit in Berlin Teile des gleichen Entwicklungsprozesses sind. Auch wenn eine erste Annäherung an die Naturwissenschaften sowie der Beginn des Studiums Platos und Kants in Göttingen geschahen, war es erst in Berlin, wo Schopenhauer Kant gründlich studierte, sich eigene philosophische Prinzipien aneignete und, konfrontiert mit den Ansichten des gängigen Deutschen Idealismus’ diesen zu verachten erlernte.

Nach Ende des Sommersemesters 1811 verließ Schopenhauer Göttingen mit der Absicht — trotz aller Liebe zum Harz und allen Abscheus gegen Berlin —, in die preußische Großstadt zu ziehen, um Fichte, Wolf und Schleiermacher[34] zu hören und den weit gerühmten Geist der Universitätsphilosophie näher kennen zu lernen[35].

Die Reise nach Berlin

Schopenhauer traf Anfang Oktober 1811 in Berlin ein. Nach dem vierten Semester in Göttingen und dem eher übereilten Abschluss des Medizinstudiums war Schopenhauer den Sommer lang aus eigenem Wunsch in den Harz gereist, bevor es im Frühherbst desselben Jahres endgültig nach Berlin hieß. Dies geschah entgegen dem Wunsch der Mutter, die den Sohn lieber in Weimar gesehen hätte. Die Liebe Schopenhauers zur Göttinger Landschaft, schreibt Grisebach,[36] war stärker. Und so blieb Goethes eher reservierter Empfehlungsbrief (und einige Bücher, die der große Dichter auch nach Berlin schicken wollte) in Weimar.

Aus der Reise im Harz stammt ein einziges Dokument, das Auskunft über Schopenhauers Begeisterung für das geplante Philosophiestudium und seinen Geisteszustand gibt. Es handelt sich um einen Text, der am 8. September einige Wochen vor der Ankunft in Berlin wahrscheinlich in Ellrich im Harz verfasst wurde. Es handelt sich dabei, was allerdings noch umstritten ist[37], vermutlich um einen Brief an seine Schwester Adele:

Die Philosophie ist eine hohe Alpenstraße, zu ihr führt nur ein
steiler Pfad über die spitze Steine und stechende Dornen: er ist einsam und wird immer öder je höher man kommt, und wer ihn geht, darf kein Grausen kennen, sondern muß alles hinter sich lassen, und sich getrost im kalten Schnee seinen Weg selbst bahnen. Oft steht er plötzlich am Abgrund und sieht unten das grüne Thal: dahin zieht ihn der Schwindel gewaltsam hinab; aber muß sich halten und sollte er mit dem eigenen Blut die Sohlen an den Felsen kleben. Dafür sieht er bald die Welt unter sich, ihre Sandwüsten und Moräste verschwinden, ihre Unebenheiten gleichen sich aus, ihre Misstöne dringen nicht hinauf, ihre Rundung offenbart sich. Er selbst steht immer in reiner, kühler Alpenluft und sieht schon die Sonne wenn unten noch schwarze Nacht liegt.

Einen Trost gibt es, eine sichere Hoffnung, und diese erfahren wir
vom moralischen Gefühl. Wenn es so deutlich zu uns redet, wenn wir im Innern einen so starken Bewegungsgrund auch zur größten, unserm scheinbaren Wohl ganz widersprechenden Aufopferung fühlen: so sehen wir lebhaft ein, daß ein anderes Wohl unser ist, demgemäß wir so allen irdischen Gründen entgegenhandeln sollen; daß die schwere Pflicht auf ein hohes Glück deutet, dem sie entspricht: daß die Stimme, die wir im Dunkeln hören, aus einem hellen Orte kommt. —Aber kein Versprechen gibt dem Gebote Gottes Kraft, sondern sein Gebot ist statt des Versprechens…
Diese Welt ist das Reich des Zufalls und des Irrthums: darum sollen wir nur nach dem streben, was kein Zufall raubt, und nur das behaupten und nach dem handeln, worin kein Irrthum möglich ist.”[38]

Berlin hatte Schopenhauer bereits während eines kurzen Besuches im Jahr 1800 und nochmals am Ende seiner Europa Reise im Jahr 1804 kennen gelernt — und verabscheut:[39] Die Luft war voll mit vom Wind aufgewühlten Sand. Die Bewohner bedrückten ihn.[40] Die Abneigung gegen Berlin blieb ein Leben lang[41]. Mit Sarkasmus schrieb er mehr als vierzig Jahre später an seinen Freund Julius Frauenstädt: „Viel Selbstmord in Berlin? Glaub’s; ist physisch und moralisch ein vermaledeites Nest, und ich bin der Cholera sehr dankbar, daß sie mich vor 23 Jahren daraus vertrieben hat (…)“[42].

Universität

Berlin war trotz der Abneigung Schopenhauers ein Ort, wo der Philosoph wichtige Schritte in seinem Bildungs- und Begriffentwicklungsprozess machte. Zunächst entdeckte er seine Antipathie gegen die Universitätsphilosophie – was später mit der Bekanntschaft mit Hegel umso noch stärker werden sollte.

Er erlangte Kenntnisse von Fichtes und Schellings Bewusstseinsphilosophie sowie von Kants Vernunftkritik.Diese wirkten bei aller Ablehnung des damals aufblühenden Deutschen Idealismus’ bei der Entwicklung des eigenen Gedankengebäudes nach. Eine Grundvoraussetzung dafür war die intensive Beschäftigung mit Kant. Als Student in Berlin entwarf Schopenhauer die Vorarbeiten seiner Dissertationsschrift Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde. Wichtige Überlegungen, die später in Die Welt als Wille und Vorstellung grundlegend sind, entstammen zumindest im Grundriss ebenfalls dieser Zeit.

Diese Vielfalt an Beschäftigungen während etwa anderthalb Jahre war nur mit einer strengen Disziplin zu bewältigen. Wie in Göttingen hielt sich Schopenhauer auch in Berlin fern vom Leben der societé der aufwachsenden Metropole. Es liegen keine Briefe aus dieser Zeit vor;[43] man weiß lediglich, dass er sein Studium im Herbst 1812 einmal unterbrach, um die Ferien bei seiner Mutter und Schwester in Dresden und Leipzig zu verbringen.[44] Alle gesellschaftlichen Kontakte, von denen man in späteren Briefen und Gesprächen erfährt, fanden innerhalb der universitären Umgebung statt.

Tatsächlich war das einzige Anliegen des 23jährigen Studenten, zwei Jahre lang in Berlin zu bleiben und sich dort zu „rüsten, [um] bei der hochansehnlichen philosophischen Fakultät der Berliner Universität den Doktorgrad im verordneten Wege zu erlangen.“[45] Schopenhauer ließ sich folglich von dem ihm bereits aus dem Weimarer Kreis seiner Mutter Johanna bekannten Zoologieprofessor Lichtenstein über die „Bedingungen und Erfordernisse“[46] zur Erfüllung seines Vorhabens informieren und machte sich an die Bewältigung seines anspruchsvollen Studienplans.

Der Studienplan

In den drei Berliner Semestern absolvierte Schopenhauer ein gewaltiges Pensum. Grisebach behauptet, Schopenhauer sei die „24 Bücher allgemeiner Geschichte“ im ersten Semester durchgegangen.[47] Schopenhauers Studienhefte zeugen von den vielfältigen intellektuellen Beschäftigungen des jungen Studenten, vor allem der unermüdlichen Auseinandersetzung mit Kants Schriften, die bis zur Abfahrt Schopenhauers von Berlin im Jahre 1813 fortgeführt wurde und im Heft „Zu Kant“[48] dokumentiert ist. Aus den Vorlesungsheften[49] weiß man, dass Schopenhauer in diesem ersten Wintersemester 1811/12 neun Kurse besuchte: Drei Vorlesungen Fichtes („Über das Studium der Philosophie“, „Über die Tatsachen des Bewußtseins“ und „Über die Wissenschaftslehre“); „Experimentalchemie“, „Magnetismus“ und „Elektrizität“ bei Martin Heinrich Klaproth; „Ornithologie, Amphibiologie, Ichtyologie“ bei Paul Eman; die Vorlesung „Über weißblutige Tiere und Haustiere“ bei Lichtenstein; und „Nordische Poesie“ bei Rühs. Besonders gefiel Schopenhauer Lichtensteins Kollegium,[50] wo ihm, so Hübscher, die beliebte Stunde zur „lebendigen Anschauung“ in den zoologischen Gärtnern und Menagerien vorbehalten war.[51]

Im zweiten Semester, von Fichte bereits geistig distanziert[52], hörte Arthur Schopenhauer im Fach Philosophie lediglich Schleiermachers Vorlesung über die „Geschichte der Philosophie zur Zeit des Christentums“. Das Sommersemester 1812 wird durch ein gesamtwissenschaftliches Interesse Schopenhauers charakterisiert. Er blieb den Naturwissenschaften treu und besuchte zwei Kollegien Lichtensteins, „Zoologie“ und „Entomologie“, sowie Weiß’ Kurs über „Geognosie“. Schopenhauer richtete sein Interesse aber auch auf die Vorlesungen des Altertumsforschers Friedrich August Wolf, mit dem Schopenhauer zunächst aufgrund der Berühmtheit seiner Mutter Johanna in den Hofkreisen in Weimar in einem guten Verhältnis stand[53]. Damit befasste sich Schopenhauer wieder mit humanistischen Fächern. Neben Wolfs Vorlesungen, „Über die Wolken des Aristophanes“ und „Über die Satiren des Horaz“, gab es die Vorlesung des damals nur 25jährigen Altertumsforschers Phillip August Boeckh, „Über das Leben und die Schriften Platons“, ein Kollegium, das Schopenhauer, so Schneider[54], aus Zeitgründen nicht besucht hatte, von dem er aber aus den Skripten seines Freundes Carl Iken erfuhr.

Der Studienplan für das letzte Semester des Studenten Arthur Schopenhauer in Berlin, das Wintersemester 1812/13, folgte seinem Interesse für eine gesamtwissenschaftliche Ausbildung. Beim Humanisten Wolf lernte Schopenhauer über „Griechische Altertümer“ in einer für den jungen Studenten reizvollen Vorlesung, um deren Hefte er dann von Wolf gebeten wurde. Diese bekam Schopenhauer dann mit Verbesserungsvorschlägen und einer aufmunternden Widmung zurück[55]. „Physik“ hörte Schopenhauer bei Fischer, „Astronomie“ bei Bode, „Allgemeine Physiologie“ bei Horkel, „Zoologie“ bei Lichtenstein und „Anatomie des menschlichen Gehirns“ bei Rosenthal.

Der Unterricht von Rosenthal fand oftmals in der Berliner Charité statt, wo, so Gwinner, „zwei in der sogenannten melancholischen Station detinirte Unglückliche [Schopenhauers] Interesse erregten“[56]. Die Patienten seien geistesgestört, aber im Bewusstsein ihrer Krankheit gewesen. Schopenhauer habe ihnen Mitleid gezeigt; dafür seien ihm „interessante Gefühle und Gedanken“ mitgeteilt worden. Einem der Kranken habe der 24jährige Student sogar eine Bibel geschenkt. Als Dank habe Schopenhauer am Ende des Wintersemesters von ihnen zwei Geschenke bekommen: eine biblische Textauswahl von dem einen und ein Gedicht von dem anderen, welches lautete:

„Dem Edlen, welcher hold erscheint,
Auch dem, der in der Zelle weint,
Der leidende Menschenfreund.“[57]

Die Studien- und Vorlesungshefte

Bei jeder Vorlesung bekam Arthur Schopenhauer ein Heft, auf dem die für jede Sitzung vorgesehenen Vorträge standen. Fiel dem jungen Schopenhauer beim Verfolgen der Vorlesung etwas ein, so merkte er es an den Texträndern des jeweiligen Vorlesungsheftes an. Besonders auffällig sind die turbulenten Hefte aus Fichtes Vorlesungen[58]. Die drei Dokumente zeugen von Schopenhauers ersten verehrenden und respektvollen Anmerkungen zum gefeierten Autor der Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre; jedoch aber zeigen sie auch an zahlreichen Stellen, wie, so Hübscher, diese „Verehrung a priori“ sich rasch in „Geringschätzung und Spott verwandelte“[59].

„Fichtes Vortrag ist wohl deutlich und er spricht langsam, doch verweilt er mir zu lange auf leicht zu verstehenden Dingen und wiederholt sie mit anderen Worten, so daß die Aufmerksamkeit ermüdet, das schon Begriffene wieder anzuhören, und man eher dadurch zerstreut wird“,

so heißt es nach dem ersten Vortrag über „das Studium der Philosophie“[60]. Ähnliche, abgemilderte Kritiken zeigen die ersten Protokolle aus den anderen zwei Vorlesungen Fichtes. Nach dem ersten Vortrag über die „Wissenschaftslehre“ zitiert z.B. Schopenhauer die englischen Versen: „Though this be madness/yet there’s method in it“[61]. Dem Titelblatt dieses Heftes fügte er den Verweis auf eine Fußnote neben der Rubrik „Wissenschaftslehre“ hinzu: So befindet sich unten auf dem Blatt ein Sternchen und neben diesem die Anmerkung: „vielleicht ist die richtige Leseart Wissenschaftsleere“[62]. Auf der Rückseite desselben Titelblatts stehen zwei Zitate: ein längerer Absatz von Kant über die Lüge und die Verse Goethes: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, /Es müsse sich dabey doch auch was denken lassen— “.

Schopenhauers sorgfältiges Studium der Philosophie und die intensive Auseinandersetzung mit Fichte zeitigten aber nicht lediglich Spott und Sarkasmus. Im Einklang mit Hübscher[63] und Safranski[64] zeigt der japanische Schopenhauer-Forscher Yasuo Kamata[65] anhand der sog. Frühen Manuskripte[66] Schopenhauers sowie seinerVorlesungs- und Studienhefte, dass der Besuch der Fichteschen Vorlesungen (und auch natürlich das Studium von Fichtes Schriften, welches unter dem Titel „Zu Fichte“ in den Studienheften protokolliert ist[67] eine entscheidende Rolle in der Begriffsentwicklung des jungen Philosophen spielte. Ein Dialog sei in den Glossen und Notizen entstanden. Man könne z.B. den Prozess verfolgen, wie Schopenhauer sich vom Begriff des Absoluten zur konkreten Vorstellung, „zu genauer Beobachtung und Begriffsentwicklung“ abwendete. Aus dem Fichteschen und Schellingschen ‚empirisches Bewußtsein’ sei Schopenhauers unabhängiges, ‚besseres Bewusstsein’ entstanden[68]; Modifikationen vom ‚intellektuellen’ bzw. ‚intelektualen’ Anschauungskonzept Fichtes und Schellings seien vollzogen worden[69]. Die für Schopenhauers Weltvorstellung grundlegende Idee einer ‚Duplizität des Bewußtseins’ sei aufgetreten[70]; und der Auftakt des Schopenhauerschen Willensbegriffes und der Schopenhauerschen „Lösung“ vom Problem des Kantischen Dings an sich ebenso geschehen[71]. Diesen letzten Schritt erörtert Hübscher wie folgend:

„Inzwischen ist die Synthese von Platons Idee und Kants Ding an sich erfolgt. (…) Vom Willen wird nichts gesagt. Scheinbar unvermittelt wird kurz darauf die Alleinherrschaft des einen weltschaffenden Willens verkündet: ‚Die Welt als Ding an sich ist ein großer Wille (…)’. Von der Idee wird hier nichts gesagt. Immer mehr führt die Überzeugung dazu (…), den Willen aller verstandesmäßigen Elemente zu entkleiden, ihn als blind und ziellos aufzufassen. Aber sollen Willens- und Ideenlehre nun im unbestimmten Nebeneinander bleiben? Plötzlich kommt, wie ein Blitz der Evidenz, der Zusammenschluß beider Gedankenreihen. ‚Der Wille’, heißt es, ‚ist die Idee’—ein Satz, der in einer späteren Fußnote sogleich widerrufen wird: ‚Das ist unrichtig: die adäquate Objektivität des Willens ist die Idee.“[72]

Indem dieser Prozess während der drei Berliner Semester zustande kommt, wächst die Empörung gegen Fichte in den Randglossen der Vorlesungshefte weiter. In der Vorlesung über die „Wissenschaftslehre“ heißt es: „Das Ich ist, weil es sich setzt, und setzt sich, weil es ist“; dies bereitete Schopenhauer Gelegenheit zur Ironie: Am Rand, neben dem Satz, malte er einen Stuhl.[73] Auf dem Heft der fünften Sitzung von „Über die Tatsachen des Bewußtseins“ scheint Schopenhauer von der Vorlesung ermüdet. Er kritzelt auf dem Rand:

„Ich muß gestehen, daß Alles hier gesagte mir sehr dunkel ist, ich es auch unrecht verstanden haben mag; auch daß F[ichte] in dieser Vorlesung Vieles gesagt hat, was ich durchaus nicht verstanden habe. Ob Fichte Schuld zu geben ist, oder meinen Mangel an Aufmerksamkeit, an gehöriger Stimmung dazu, oder an Verstande, oder endlich meinem Befangen-seyn in der kantischen Elementarlehre, weiß ich nicht.“[74]

Sechs Wochen danach, als „über die Reflektion“ gesprochen wird, schreibt er wütend über Fichtes Vortrag:

„In dieser Stunde hat er außer dem hier Aufgeschriebenem Sachen gesagt die mir den Wunsch auspressten, ihm eine Pistole auf die Brust sezzen zu dürfen und dann zu sagen: sterben muss du jetzt ohne Gnade; aber um deiner armen Seele Willen, sage ob du dir bey dem Gallimathias etwas deutliches gedacht hast oder uns blos zu Narren gehabt hast?“[75]

Und noch in der letzten Sitzung wird der vortragende Professor — diesmal wegen eines aufgedeckten Trugschlusses — bezüglich des Inhalts kritisiert:

„Nach F[ichte] ist die Ersch[einung] (das Ich und die Welt) uns nur faktisch bekannt, d.h. als Tatsache gegeben, und zwar ganz wie sie ist in dem Sicherscheinen d.h. in der Trennung des Ich von seinen Vorstellungen. Dies Getrennt-seyn nun (Subjekt und Objekt) wird erklärt aus dem was er (vel quasi) herleitet aus jenem faktisch gegebenen, also aus sich selbst. Folglich wird nichts erklärt, sondern gesagt: es muß so seyn, weil es ebenso ist. —‚Der Rest ist —Wind.’ Hamlet“[76]

Nicht nur Fichte war Gegenstand heftiger Kritik. Auch der Theologe und Philosoph Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher wurde von Schopenhauer in den Studien- und Vorlesungsheften in einem, so Hübscher[77], „kühnen, selbstbewussten Ton“ angegriffen[78]. „Keiner der religiös ist“, steht es in einer Glosse im Heft zur Vorlesung „Über die Geschichte der Philosophie zur Zeit des Christentums“, „gelangt zur Philosophie; er braucht sie nicht. Keiner der wirklich philosophirt ist religiös: er geht ohne Gängelband, gefährlich aber frey“. Schopenhauer antwortete somit auf eine genau gegensätzliche Behauptung Schleiermachers. Aber die Beziehung Schopenhauers zum Philosophen und Theologen Schleiermachen war verschieden von der Verehrung, die Schopenhauer für diesen als Philologe und Übersetzer Platos fühlte[79]. Gwinner berichtet, dass Schopenhauer von Schleiermacher „köstliche Anekdoten“ zu erzählen gewusst habe, dass er seinen Witz gelobt und vor allem den Satz: „[A]uf Universitäten lerne man nur, was man nachher zu lernen habe“ sehr gemocht habe[80].

Der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling wurde, wie Schleiermacher, von Schopenhauer mit größerem Respekt als Fichte behandelt. „Schelling (…), entschieden der Begabteste unter den Dreien [den drei Hauptgestalten des deutschen Idealismus’, Fichte, Schelling und Hegel]“ schrieb Schopenhauer Jahre später in Parerga und Paralipomena[81]. Schopenhauers Studium von Schellings Schriften entwickelt sich in drei Studienheften, „Schelling I“, „II“ und „III“[82], und ist genauso reich an Randglossen und Kommentaren wie die übrigen Studienbücher Schopenhauers. Wie schon erwähnt bildet die Bearbeitung des Schellingschen Willensbegriffes wahrscheinlich die wichtigste Stelle der Auseinandersetzung Schopenhauers mit Schelling[83].

Aber wichtiger als Schelling, Schleiermacher oder Fichte war Schopenhauers Beschäftigung mit Kant während der drei Berliner Semester. Die Notizen im Heft „Zu Kant“, welche zwischen 1812 und 1813 entstanden, enthalten die Ergebnisse einer kritischen Studie der Kritik der reinen Vernunft, der Kritik der Urteilskraft und der Prolegomena. Arthur Hübscher meint, dass die dort formuluierte Kant-Kritik noch von der Kritik in Die Welt als Wille und Vorstellung stark abweiche. „Neben dem ‚Phänomenalismus’“, schreibt Hübscher, „(…) und neben den Hauptsätzen der transzendentalen Ästhetik und der Lehre vom intelligiblen Charakter übernimmt Schopenhauer damals noch, mit Einschränkungen, die Lehre von den Kategorien. Sonst aber lehnt er Kants Philosophie noch immer und manchmal mit großer Schroffheit ab.“[84] Andere Forscher denken jedenfalls, dass vor allem Schopenhauers Auseinandersetzung mit Kants „problematischem“ Ding an sich in diesen Semestern besonders zu berücksichtigen sei[85]. Es ließe sich sogar behaupten, dass Fichte — zumindest mit seinem anti-empirischen Ansatz und als Partizipant der früh nachkantischen Polemik um Kants Ding an sich —auf Schopenhauers Idee von zwei von einander abgetrennten Bewusstseinswelten gewirkt und zusammen mit Plato einen besonderen Einfluss auf die einige Jahre später von Schopenhauer in Die Welt als Wille und Vorstellung völlig entfaltete Lösung zu diesem kantischen Dualismus gehabt habe.

Die drei Semester zwischen Herbst 1811 und Frühling 1813 sind geprägt von der Anpassung des jungen Schopenhauers auf die akademische Umgebung und die Erfordernisse der akademischen Beschäftigung mit der Philosophie. Man kann aber den Wert nicht gering achten, den die anderen Fächer und die sie lehrenden Dozenten für die geistige Entwicklung des Philosophen hatten. In dem 1820 an die Berliner Universität ausgehändigten lateinischen Lebenslauf erinnert sich Schopenhauer: „Dem großen Verdienst dieser ausgezeichneten Männer um mich werde ich stets dankbaren Sinnes eingedenk bleiben.“ Und dann fügte er über Fichte, den bisher unerwähnt geblieben war, hinzu: „Auch Fichten, der seine Philosophie vortrug, folgte ich, um sie nachher um so gerechter beurteilen zu können, aufmerksam“[86].

Nicht nur im einsamen Studium oder im stillen Sitzen im Hörsaal focht Schopenhauer während dieser anderthalb Jahre einen inneren Kampf um seine Philosophie aus. Bekannt ist, dass er einmal während der Sprechstunde Fichtes eine heftige Diskussion mit dem Professor auslöste, „deren sich die dabei zugegen Gewesenen vielleicht erinnern werden“[87]. 42 Jahre später erzählte Schopenhauer seinem Freund Carl Heber folgendes über das Geschehen: „In dem philosophischen Conservatorium, das Fichte hielt, habe er (Schopenhauer), vierundzwanzig Jahre alt, ihn auf den Hund gesetzt, worauf Jener (wenn ich richtig verstanden habe) sich durch Verlegung der Stunde zu helfen gesucht, dann aber Schopenhauer wieder eingeladen habe, was aber abgelehnt worden sei“[88].

Der Berliner Freundeskreis

Von den freundschaftlichen Beziehungen Schopenhauers während der ersten Berliner Zeit weiß man wenig. Es lässt sich vermuten, dass Schopenhauers ehrgeizige Attitüde als Student dafür sorgte, dass sein Freundeskreis in Berlin sehr klein blieb und dass seine Beziehungen, gute und schlechte, sich im engen Rahmen seines akademischen Umfelds beschränkte. Der Streit mit Fichte war lediglich eine von mehreren Gelegenheiten, in denen Schopenhauer sich öffentlich zu erkennen gab. Gute Beziehungen unterhielt der eifrige Student, soweit man dies von den Quellenzeugnissen ableiten kann, mit den Dozenten Wolf, Lichtenstein und Blumenbach[89].

Schopenhauers Kommilitone in Göttingen, das „Wunderkind“ Karl Witte, den der Philosoph im Winter 1818/19 traf, schrieb in einem Brief an Wilhelm von Gwinner, dass „[u]ngünstige Urtheile“ über Schopenhauer aus Weimar und Berlin, wo Wittes Eltern gewohnt hätten, verbreitet worden seien[90]. Derselbe Witte berichtet aber, dass er in seinen vielen Treffen mit dem Philosophen „nichts Schlechtes an ihm“ bemerkt habe[91].

Schopenhauers Umgang mit seinen Freunden unterschied sich grundsätzlich von seinem sonstigen sozialen Verhalten. Mit Carl Iken, den Schopenhauer im ersten Berliner Semester im zoologischen Kollegium bei Lichtenstein kennen lernte und mit dem er im Herbst zusammen nach Dresden fuhr, behielt der Philosoph eine ausgezeichnete Beziehung bis ins hohe Greisenalter[92]. Seinem Freund Julius Frauenstädt erzählte Schopenhauer Jahre später, dass er Iken immer für das, „was Jean-Paul ein passives Genie nennt“, gehalten habe. Iken habe große Empfänglichkeit für alles Ästhetische gehabt, selbst aber nichts hervorbringen können[93]. Iken schrieb, wie bereits oben angeführt, für Schopenhauer während des zweiten Semesters in Boeckhs Vorlesung „Über das Leben und die Schriften Platons“ mit. Die beiden Freunde hätten gemeinsame Interessen gehabt: Einmal — berichtet Frauenstädt — habe Iken Schopenhauer Christian Reuters Satire Schelmuffsky’s Abenteuer zu Wasser und Land geliehen und der junge Philosoph sei „ganz vernarrt in dieses Buch gewesen“[94].

Zu solchen literarischen „Intimitäten“ gelang Schopenhauer mit keinem anderen seiner Berliner Kommilitonen. Aber in sehr guten Verhältnissen stand der junge Philosoph noch mit zwei Mitstudierenden, Josef Gans und einem gewissen Helmholtz, dieser letzte vermutlich der Vater des prominenten Physikers. Außer diesen drei Beziehungen und der oben erwähnten Beziehung zu den zwei Geisteskranken in der Charité weiß man nichts weiteres über Schopenhauers Freundeskreis — sofern man von einem solchen überhaupt sprechen kann — während der Studienzeit in Berlin.

Ob Frauen unter Schopenhauer Bekanntschaften in Berlin waren, ist von keiner Quelle herzuleiten. Man weiß, dass Schopenhauer fast zehn Jahre später eine Geliebte (Caroline Medon) in Berlin hatte und, wie er Julius Frauenstädt einmal erzählt habe, er sei im Punkte der Geschlechtsliebe kein Heiliger und „arg nach Weibern gewesen“; er habe „in Italien nicht blos das Schöne, sonder auch die Schönen genossen“[95].

Schopenhauers Frauenfeindlichkeit ist allgemein bekannt. Von Beziehungen zu Frauen während dieser Berliner Semester berichten weder die vorliegenden Dokumente noch Schopenhauers Biographen – sogar Safranski, der neueste unter den Biographen, wagt die Vermutung, dass Schopenhauers sexuelle Abstinenz bzw. dass seine „sehr späte Pubertät“ Effekte auf die eigene Begriffsentwicklung gehabt habe, besonders auf das Erscheinen eines „besseren Bewusstseins“, welches unabhängig von den Sinnen und vom Verstand immer noch in uns lagere, unsere Welt aber beherrsche[96]. Safranski schreibt:

„Schopenhauer hat Pech gehabt. Ihm widerfuhr bis zu dem Zeitpunkt, als er seine Blitze gegen die Sexualität schleuderte, kein Liebeserlebnis, bei dem er die Sexualität als etwas hätte erleben können, das in die ganze Person integriert ist, das die ganze Person schwungvoll mit auf Reisen nimmt. Dort, wo er Sexualität fand, liebte er nicht, und wo er liebte, blieb die Sexualität ausgegrenzt.

(…) Wir haben in der Regel gegen unsere Sexualität keine Chance, lehrt er. Als die grellste Manifestation des ‚Willens’ ist sie das ‚Ding an sich’ in Aktion, blamiert das arme Ich und treibt es vor sich her. Die Sexualität als Blamage der Selbstherrlichkeit hat Arthur Schopenhauer sehr konkret erlebt in seinen unbefriedigenden Verhältnissen zu Frauen.
Er hat Pech gehabt.“[97]

Unmittelbar betroffen von Schopenhauers Misogynie — zumindest teilweise — waren seine Mutter Johanna und besonders seine Schwester Adele gewesen. Der Briefwechsel mit Adele, im Unterschied von der seit frühester Jugend untergekühlten und distanzierten Korrespondenz mit der Mutter, bezeugt eine lebenslang emotional wechselhafte Beziehung zwischen den Geschwistern. Die drei bekannten Brüche in der Familie Schopenhauer geschahen erst nach Arthurs Studienzeit in Berlin: zum ersten Mal im Jahr 1814, dann 1819 und schließlich 1832. Trotzdem hat man herausfinden können, dass die anderthalb Jahre, die Schopenhauer ausschließlich dem Studium in Berlin widmete, sich verschlechternd auf die familiären Beziehungen auswirkten[98]. Nach der Abreise von Berlin traf Schopenhauer in Weimar ein, kam aber nicht zum Familienhaus sondern wohnte in einem Gasthof[99]. Ein Brief von der ersten Hälfte des Jahres 1814 liegt vor, den Johanna Schopenhauer ihrem Sohn schrieb, in dem ihm mitgeteilt wurde: „Seit unserer letzten Unterredung habe ich mir fest vorgenommen lieber Arthur, nie wieder von Geschäften mündlich mit Dir zu sprechen, weder von angenehmen noch unangenehmen, weil meine Gesundheit dabei leidet“[100]. Im selben Jahr brach die familiäre Beziehung zusammen.

Die Abreise

Ab Neujahr 1813 ist Berlin von der wachsenden Erregung über die sich nähernde militärische Auseinandersetzung mit Napoleon erfasst[101]. Russische Kosakentruppen kommen zwischen dem 16. und dem 17. Februar, „mit Jubelgeschrei vom Pöbel empfangen und an einigen Stellen auch kräftig unterstützt“[102], in der Stadt an. Tausende Berliner begeben sich auf die Flucht und emigrieren aus der militarisierten Stadt, hauptsächlich nach Frankfurt an der Oder und Breslau. „Die Stadt glich einem Hexenkessel“, wird berichtet[103]: Kosaken und Patrioten befinden sich in einem tödlichen Kampf gegen die in Berlin eindringenden Franzosen. Was zuerst in Straßenkämpfen die Angst der Berliner Einwohnern erweckt, wird am 20. Februar, als die Stadt nach einer Explosion verbarrikadiert und die Sicherheitsmaßnahmen an fast jeder Ecke verschärft werden, zum „erregendste[n] Tag, den Berlin seit Beginn des Krieges erlebt“ habe[104]. Über die „fieberhafte Unruhe“, die die Stadt seit diesem Tag erfasst, wird in einem zeitgenössischen Bericht erzählt[105]. Der König von Preußen entschließt sich am 23. Februar zum Bruch des Bündnisses mit Napoleon. Am 26. März wird die Landwehr in Berlin einberufen: Alle männlichen Einwohner vom 17. bis zum 40. Lebensjahr müssen sich kampfbereit vor den Zelten des Militärs in der Stadt melden (was übrigens großes Echo findet). Über die Lage in der Stadt zitiert Rüdiger Safranski den Bericht Bettina von Armins:

„Während Landsturm und Landwehr in Berlin errichtet wurden, war ein seltsames Leben da. Da waren alle Tage auf offener Straße Männer und Kinder (von 15 Jahren) von allen Ständen versammelt, die dem König und Vaterland schwuren, in den Tod zu gehen (…). Auch war es seltsam anzusehen, wie bekannte Leute und Freunde mit allen Arten von Waffen zu jeder Stunde über die Straßen liefen, so manche, von denen man vorher sich’s kaum denken konnte, dass sie Soldaten wären. Stelle Dir zum Beispiel in Gedanken Savigny vor, der mit dem Glockenschlag 3 wie besessen mit einem langen Spieß über die Straße rennt (…), der Philosoph Fichte mit einem eisernen Schild und langen Dolch, der Philologe Wolf mit seiner langen Nase hatte einen Tiroler Gürtel mit Pistolen, Messern aller Art und Streitäxten an gefüllt (…).“[106]

Der Krieg gegen Napoleon beginnt am 28. März. Schlacht um Schlacht nähert sich Napoleon Berlin. Bei Lützen wird am 2. Mai die Lage am kritischsten. Schopenhauer ist von den Unruhen auch betroffen. Er beschließt, Berlin zu verlassen. 1820 erinnert er sich an die Tage:

In Berlin wäre ich zwei Jahre lang geblieben, wenn mich
nicht während des letzten Halbjahres, 1813, die Kriegsunruhen
vertrieben hätten (…). Da jedoch infolge des ungewissen
Ausgangs des Treffens bei Lützen die Stadt Berlin bedroht
schien (…) [und] ich (…) es für das beste hielt, dem Feind
entgegenzugehen, so richtete ich meinen Weg nach Dresden,
wo ich nach mancherlei Zwischenfällen und Gefährden
endlich am zwölften Tage ankam.[107]

In einem Brief an Professor Eichstädt, den Dekan der philosophischen Fakultät Jena, erzählt Schopenhauer über seine Entscheidung:

„Als zu Anfangs dieses Sommers der Kriegslärm von Berlin (…) die Musen verscheuchte (…) zog ich auch, da ich einzig zu ihren Fahnen geschworen hatte, in ihrem Gefolge von dannen (nicht sowohl deshalb), weil ich, durch besondere Verkettung der Umstände überall fremd, nirgends Bürgerpflichten zu erfüllen hatte, als vielmehr, weil ich aufs tiefste von der Überzeugung durchdrungen war, daß ich nicht dazu geboren sei, der Menschheit mit der Faust zu dienen, sondern mit dem Kopfe, und daß mein Vaterland größer als Deutschland sei.“[108].

Das Projekt, den Doktorgrad an der Berliner Universität zu erlangen, war gescheitert[109], und Schopenhauer, der sich einige Monate zuvor in dieser Sache an den Rektor der Universität Jena gewandt hatte, reiste im Sommer 1813 nach Dresden und von dort nach Weimar. Während fünf Jahre gibt sich dann der Philosoph — nach seiner Flucht aus Berlin — „der Arbeit seines Lebens“ hin[110]. „Die Stunde des Schauens und Schaffens“, wie Hübscher diese Zeit nach 1813 bezeichnet,[111] hinterlässt Schopenhauers Dissertationsschrift und sein Werk, Die Welt als Wille und Vorstellung. Dafür hat sich Schopenhauer in Rudolstadt niedergelassen, nicht weit entfernt von Weimar, aber weit genug, um die „häuslichen Missverständnisse“, die ihm missfielen, zu vermeiden und „sich zu den unauspresslichen Reizen der dortigen Gegend“ begeben zu können.[112] Im Gasthaus „Zum Ritter“ bleibt Schopenhauer bis zum 5. November. Dann, die Dissertation schon abgegeben, zieht er nach Weimar. Am Fenster der Herberge lässt er die folgende Inschrift zurück:

„Arth. Schopenhauer majorem anni 1813 partem in hoc conclave degit.
Laudaturque domus, longos quae prospicit agros.“[113]

Quellen

Von Arthur Schopenhauer:

Sekundär-Literatur

Abkürzungsverzeichnis

  • B =Gesammelte Briefe (1978)
  • G = Gespräche (1971)
  • HN = Der handschriftliche Nachlass, 1. Bd. (1966) & 2. Bd. (1967)
  • WWV = Die Welt als Wille und Vorstellung (1938)
  • P = Parerga und Paralipomena (1938)
Endnoten    (↵ returns to text)

  1. Safranski (2004), S. 183-227 und 372-432.
  2. Gerhardt/Reinhard/Rindert (1999): Teil II, Kap. 8, a („Der Randgänger als Querulant: Arthur Schopenhauer“) S. 112-114.
  3. „Nachdem ich aber mich selbst und zugleich die Philosophie, wenn auch nur oberflächlich, so doch einigermaßen kennen gelernt hatte, änderte ich meinen Vorsatz, gab die Medizin auf und widmete mich ausschließlich der Philosophie.“, aus: B, Nr. 56: Dezember 1819, Vitae-Curriculum Arthurii Schopenhaueri, Phil: Doct:, an die philosophische Fakultät der Königlichen Friedrich-Wilhelms Universität zu Berlin (Orig. auf Latein; dt. Übers. aus Brahn [1911], S. 110).
  4. Grisebach (1897), S. 55.
  5. B, Nr. 56: Dezember 1819, Vitae-Curriculum Arthurii Schopenhaueri, Phil: Doct:, an die philosophische Fakultät der Königlichen Friedrich-Wilhelms Universität zu Berlin (Orig. auf Latein; dt. Übers. aus Brahn [1911], S. 111).
  6. Hübscher (1952), S. 37 ff.
  7. HN 2. Bd., S. 13.
  8. Hübscher (1952), 37 ff.
  9. G, Nr. 231: Julius Frauenstädt.
  10. Den Physiologen Johann Friedrich Blumenbach wusste Schopenhauer in einem späteren Gespräch mit Julius Frauenstädt zu loben, in dem er jenen zusammen mit Schulze, als er sich an die Studien Jahre erinnerte, wie folgend beurteilte: „Wenn da ein Docent lebhaft ist, so kann er mächtig wirken“ (G, Nr. 231: Julius Frauenstädt); auch seinem Freund Carl Georg Bähr fiel besonders auf, dass Schopenhauer, als er über die an der Universität erworbenen Kenntnisse sprach, immer sagte: „(…) was sagt hier Blumenbach (…)“ oder „ah, das steht bei Blumenbach da und da (…)“ (G, Nr. 357: Carl Georg Bähr).
  11. „…ich hätte oft weit mehr zu Hause aus guten Büchern, als in den Hörsälen aus den Vorlesungen gelernt…“: G, Nr. 231: Julius Frauenstädt.
  12. Hübscher (1952), 39 f.
  13. Hübscher (1973), S. 170.
  14. Hübscher (1973), S. 112.
  15. Hübscher (1973), S. 129-30.
  16. Die ersten Randglossen Schopenhauers zu Kants Kritik der reinen Vernunft stammen aus dieser Zeit (siehe: Ibid).
  17. G, Nr. 231: Julius Frauenstädt
  18. Ossan war bereits ein Kamerad Schopenhauers aus der Jugendzeiten in Weimar und blieb lebenslang sein Freund, dessen Sohn mit der Zustimmung Schopenhauers den Namen Arthur erhielt.
  19. Sowohl Julius Frauenstädt (G, Nr. 231) als auch Wilhelm Gwinner (G, Nr. 441) bestätigen, dass in späteren Gesprächen mit Schopenhauer dieser immer sich an die Freunde Astor und Bunsen erinnerte, als es selten über die Göttinger Jahre gesprochen wurde.
  20. G, Nr. 409: Christian Carl Josias von Bunsen; auch in einem Gespräch mit Johann August Becker erinnert sich Schopenhauer an die Freunde: „(…) aus den drei befreundeten Studenten, die damals (1809) die Collegia von Heeren besuchten, sind doch drei Capitalkerle geworden: Astor (der Amerikaner) mit seinem Krösus Reichtum; Bunsen mit seiner Vornehmigkeit; ich mit meiner Sapientia“, aus: G, Nr. 115: Becker. Siehe auch G, Nr. 231: Julius Frauenstädt: „Der Eine, fügte er hinzu, ist nun Diplomat, der Andere ein Millionär und der Dritte ein Philosoph; so verschieden sind die Lebenswege.“
  21. Grisebach (1897), S. 55 f.
  22. G, Nr. 377a: Carl Georg Bähr.
  23. Ibid.
  24. G, Nr. 21: Christoph Martin Wieland.
  25. G, Nr. 22: Wilhelmine Schorcht (aus einem Brief vom 10. Mai 1811 an Karl Reinhold).
  26. G, Nr. 21: Christoph Martin Wieland.
  27. G, Nr. 377b: Carl Georg Bähr.
  28. G, Nr. 22: Wilhelmine Schorcht (aus einem Brief vom 10. Mai 1811 an Karl Reinhold).
  29. Hübscher (1952), S. 44; Grisebach (1897) 40-55.
  30. G, Nr. 357: Carl Georg Bähr.
  31. Schneider (1985), S. 120-130.
  32. Safranski (2004), S. 155-183.
  33. Kamata (1988), S. 119-128.
  34. B Nr. 256.
  35. „Im Herbst des Jahres 1811 zog ich nach Berlin …, war nach Kräften bemüht, in der Schule der berühmten Lehrer, an welchen diese Universität so reich ist, Geist und Gemüt höher auszubilden“, aus: Briefe, Nr. 56: Dezember 1819, Vitae-Curriculum Arthurii Schopenhaueri, Phil: Doct:, an die philosophische Fakultät der Königlichen Friedrich-Wilhelms Universität zu Berlin (Orig. auf Latein; dt. Übers. aus Brahn [1911], S. 111).
  36. Grisebach (1897), S. 57; siehe auch Safranski (2004), S. 183 f.
  37. Lüdtkehaus (1991), S. 210.
  38. Lüdtkehaus (1991), S. 209-210.
  39. B, Nr. 279.
  40. Safranski (2004), S. 184 f.
  41. Ibid.
  42. B, Nr. 325: 09.04.1854, Schopenhauer an Julius Frauenstädt
  43. Schopenhauers Schwester, Adele, hat den größten Teil der an sie und die Mutter gerichteten Briefe vernichtet. Es ist (nur) wahrscheinlich, dass Briefe aus Berlin während dieser Zeit an die Familie gerichtet wurden (siehe: Lütkehaus [1998], S. 10).
  44. Es liegt ein Gespräch, aus Schopenhauers Aufenthalt während dieser Herbstferien in Dresden stammend: In einem Brief an Friederike und Wilhelm von Volkmann schrieb die Adeldame Helene von Kügelen Anfang Oktober 1812, sie habe sich mit einem Braunschweiger unterhalten, der anwesend gewesen sei, als der junge Arthur Schopenhauer „tags zuvor gelehrt beweisen wollte, es gäbe keinen Gott.“ (G, Nr. 24: Ein Braunschweiger).
  45. B, Nr. 56: Dezember 1819, Vitae-Curriculum Arthurii Schopenhaueri, Phil: Doct:, an die philosophische Fakultät der Königlichen Friedrich-Wilhelms Universität zu Berlin (Orig. auf Latein; dt. Übers. aus Brahn [1911], S. 112).
  46. Ibid.
  47. Grisebach (1897), S. 59.
  48. HN, 2. Bd., S. 251-301.
  49. HN, 2. Bd.
  50. In einem Brief an Schopenhauer von 1816 erinnert sich sein Freund Carl Iken an die einmal im Gespräch vom Philosophen selbst mitgeteilte Begeisterung für Lichtensteins zoologisches Seminar (G, Nr. 23: Winter 1811/1812, Carl Inken).
  51. Hübscher (1952), S. 43 f.
  52. Ab dann habe Schopenhauer Fichte immer für einen „Charlatan“ gehalten (G, Nr. 347: Carl Hebler); in der Vorrede zur zweiten Auflage von Die Welt als Wille und Vorstellung unterschrieb er ihn und Schelling offenkundig zu den Philosophen der „Windbeutelei“ (WWV, S. 18).
  53. G, Nr. 123: Julius Frauenstädt. 1816 saßen Wolf und Schopenhauer drei Abende zu Tisch mit Goethe in Weimar (G, Nr. 27: Goethe). Auch an Wolf war der Empfelungsbrief adressiert, den Goethe 1811 für Schopenhauer schrieb (siehe oben Seite 7).
  54. Schneider (1985), S. 136.
  55. HN, 2. Bd., S. 224.
  56. Gwinner (1910), S. 79, auch: G, Nr. 25: Zwei Kranke der Berliner Charité.
  57. Ibid.
  58. HN, 2. Bd., S. 29-216.
  59. Hübscher (1973), S. 128.
  60. HN, 2. Bd., S. 45.
  61. HN, 2. Bd., S. 46.
  62. Ibid.
  63. Hübscher (1973), S. 127-154.
  64. Safranski (2004), S. 201-212.
  65. Kamata (1988), S. 119-128.
  66. HN, 1. Bd.
  67. HN, 2. Bd., S. 340-361.
  68. HN, 2. Bd., S. 30 f.
  69. HN , 1. Bd., S. 26, (Berlin, 1812 B).
  70. HN, 1. Bd., S. 23 (Berlin, 1812 A).
  71. HN, 1. Bd., S. 188.
  72. Hübscher (1973), S. 137 f.
  73. Hübscher (1952), S. 46. Im HN wird die Zeichnung nicht aufgenommen; von ihr wird aber bei Gwinner (1910) als einen späteren Einfall Schopenhauers gesprochen (S. 69).
  74. HN, 2. Bd., S. 38.
  75. HN, 2. Bd., S. 41.
  76. HN, 2. Bd., S. 120.
  77. Hübscher (1952), S. 48 f.
  78. HN, 2. Bd., S. 224-229.
  79. Safranski (2004), S. 183.
  80. Gwinner (1910), aus: G, Nr. 443: Wilhelm Gwinner.
  81. P, 1. Bd., S. 26. Auch Carl Hebler äußerte Schopenhauer Jahre später über Schelling: „Der Gescheidenste von den dreien sei immer noch Schelling gewesen“ (G, Nr. 347: Carl Hebler).
  82. HN, 2. Bd., S. 304-338.
  83. HN, 2.Bd., S. 309; siehe oben auch S. 12.
  84. Hübscher (1973), S. 130 f.
  85. Grisebach (1897), 68 f.; Safranski (2004), 196 ff.
  86. B, Nr. 56: Dezember 1819, Vitae-Curriculum Arthurii Schopenhaueri, Phil: Doct:, an die philosophische Fakultät der Königlichen Friedrich-Wilhelms Universität zu Berlin (Orig. auf Latein; dt. Übers. aus Brahn [1911], S. 112).
  87. Ibid.
  88. G, Nr. 347: Carl Heber.
  89. Lichtenstein, wie oben angeführt, kannte Schopenhauer bereits aus dem Kreis seiner Mutter Johanna in Weimar. Diesem und Blumenbach schrieb Schopenhauer im Jahr 1819 respektvolle Briefe, in denen er sie über sein Habilitationsvorhaben informierte und sie, besonders Lichtenstein, um Rat und Hilfe bat (B, Nr. 53, 54 und 55).
  90. Gwinner (1910), S. 134 f.
  91. Ibid.
  92. G, Nr. 23: Carl Iken.
  93. G, Nr. 184: Julius Frauenstädt.
  94. Ibid.
  95. G, Nr. 238: Julius Frauenstädt.
  96. Safranski (2004), S. 207 ff.
  97. Ibid.
  98. Lütkehaus (1998), S. 22 ff.
  99. Lütkehaus (1998), 213.
  100. Lütkehaus (1998), Brief Nr. 64: Nach Gwinner ist der Brief vom April 1814.
  101. Mieck (1987), S. 462.
  102. Zitiert nach Mieck (1987), S. 464 (Quelle: Treitschke, Heinrich von: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Bd. 1, Leipzig 1907-1912. S. 428).
  103. Zitiert nach Mieck (1987), S. 463 (Quelle: Stulz, Percy: Fremdherrschaft und Befreiungskampf. Die preußische Kabinettspolitik und die Rolle der Volksmassen in den Jahren 1811 bis 1813, Berlin [Ost] 1960. S. 241).
  104. Mieck (1987), S. 464.
  105. Zitiert nach Mieck (1987), S. 464 (Quelle: Parthey, Gustav: Jugenderinnerungen [neu hrsg. v. Ernst Friedel], Berlin 1907. S. 339).
  106. Zitiert nach Safranski (2004), S. 223 (Quelle: Armin, Bettina von: Werke und Briefe. Deutscher Klassiker Verlag: Frankfurt am Main, 1986-95).
  107. B, Nr. 56: Dezember 1819, Vitae-Curriculum Arthurii Schopenhaueri, Phil: Doct:, an die philosophische Fakultät der Königlichen Friedrich-Wilhelms Universität zu Berlin (Orig. auf Latein; dt. Übers. aus Brahn [1911], S. 112).
  108. B, Nr. 43.
  109. B, Nr. 56: Dezember 1819, Vitae-Curriculum Arthurii Schopenhaueri, Phil: Doct:, an die philosophische Fakultät der Königlichen Friedrich-Wilhelms Universität zu Berlin (Orig. auf Latein; dt. Übers. aus Brahn [1911], S. 112).
  110. HN, 2. Bd., S. 345.
  111. Hübscher (1952), S. 50 f.
  112. B, Nr. 56: Dezember 1819, Vitae-Curriculum Arthurii Schopenhaueri, Phil: Doct:, an die philosophische Fakultät der Königlichen Friedrich-Wilhelms Universität zu Berlin (Orig. auf Latein; dt. Übers. aus Brahn [1911], S. 113).
  113. Grisebach (1897), S. 74 (das Zitat ist von Horaz) ; Safranski (2004) bietet die deutsche Übersetzung: „Man lobt ein Haus, das auf weite Felder schaut“ (S. 248).

Neumann, Miriam: Kopftuch und Geheimpolizei. Über Marjane Satrapis politischer Comic ‚Persepolis‘, 30.11.05

Wir haben ihren Geschichten – mehr oder weniger interessiert – zugehört. Nun ist es an der Zeit, den so genannten jungen deutschen Popliteraten und ihren noch seichteren Geschwistern, den Zonenkindern, die Tür zu weisen. In einer Zeit, in der unter dem Stichwort des Antiterrorkampfes täglich schwerste Verstöße gegen Grund- und Menschenrechte begangen werden und das Beherrschen der arabischen Sprache in Verbindung mit dem Tragen von Bart oder Kopftuch bereits als höchst verdächtig gelten kann, sollten wir junge Autoren zu Wort kommen lassen, deren Lebensweg einen Einblick in die Vielfalt islamischer Lebenswelten gewährt.

Marjane Satrapi, 1969 geboren und in Teheran aufgewachsen, hat im Jahr 2000 (Erscheinungsjahr der deutschsprachigen Ausgabe: 2004) den ersten Teil einer Comic-Autobiographie vorgelegt, in der sie anhand ihrer eigenen „kleinen“ eine wirklich große Geschichte erzählt. Motiviert wurde Satrapi dabei v.a. durch verschiedenste Vorurteile gegenüber ihrem Heimatland, die der Künstlerin in ihrer Wahlheimat Frankreich entgegenschlugen: „Ich musste pausenlos gegen Klischees und Vereinfachungen anreden. Eines Tages hatte ich dann das Bedürfnis, die letzten zwanzig Jahre, die Iran so gänzlich umgekrempelt haben, festzuhalten.“

Dieses Vorhaben ist ihr in der Tat eindrucksvoll gelungen. So schildert der erste Band mit dem Titel „Persepolis. Eine Kindheit im Iran“ in beinahe erdrückend schlichten Worten und Bildern die Ereignisse im Iran der frühen 1980er Jahre aus der Sicht der Zehn- bis Vierzehnjährigen Marjane. Als einziges Kind linksintellektueller Eltern aus dem gebildeten Mittelstand erlebt die zuweilen recht altkluge Marjane den Sturz des letzten Schahs, die islamische Revolution und den Krieg gegen den Irak mit. An die Hand genommen durch die Perspektive des wissbegierigen Kindes und aufbegehrenden Teenagers Marjane wird der Leser an eine schillernde iranische Gesellschaft herangeführt, die sich auch im scheinbar permanenten Ausnahmezustand, zwischen religiöser Repression, Krieg, materieller Not, politischer Unterdrückung, Indoktrination und Propaganda immer wieder Rückzugsnischen schafft und so eine gewisse Normalität zu bewahren versucht.

Eine schnörkellose Bildersprache

Wort- und Bildsprache Satrapis, die in Frankreich lange Zeit als Kinderbuchillustratorin arbeitete, sind schnörkellos, klar und einfach, ohne jemals vereinfachend zu sein, zutiefst berührend, ohne einseitig anklagend zu werden, von entwaffnendem Humor, wo man das Lachen erstorben glaubt. Wo die Künstlerin an die Grenzen ihrer Vermittlungsfähigkeit stößt, lässt sie bewusst Leerstellen: Bilder bleiben unkommentiert, jegliche abschließende Bildrahmung fehlt. Der Tod einer gleichaltrigen Spielkameradin wird in Wort und Bild nur als Möglichkeit angedeutet, dabei bildet eine vollständig schwarz ausgemalte Bildfläche mit der Unterschrift „Kein Schrei auf der Welt hätte mein Leid und meine Wut auszudrücken vermocht“ den einzigen (möglichen) Kommentar.

Nach den vielbeachteten MAUS-Comics des Künstlers Art Spiegelman hat Marjane Satrapi mit dem ersten Band ihrer Autobiographie einmal mehr gezeigt, wie viel Potential das Medium Comic im zutiefst empfindlichen Bereich der „kleinen und großen“ Geschichtsaufarbeitung entfalten kann.

Fortsetzung der Lebensgeschichte

Nachdem die deutschsprachige Ausgabe von „Persepolis. Eine Kindheit im Iran“ auf der Frankfurter Buchmesse 2004 als „Comic des Jahres“ ausgezeichnet wurde, liegt seit Anfang des Jahres mit „Persepolis. Jugendjahre“ (französisch 2002/03) endlich der zweite Band ihrer bewegenden Autobiographie vor. Zwischen Wien und Teheran, Kommune und Kopftuch, der offiziellen iranischen Selbstdarstellung und dem „wirklichen Leben der Menschen, das hinter den Mauern stattfand“ lässt Satrapi den Leser erneut in gekonnter Zurücknahme der Ausdrucksmittel an den Höhen und Tiefen ihres Lebens und Heranwachsens teilhaben. Obwohl auch der zweite Teil der Comic-Autobiographie eine übersichtliche Kapiteleinteilung aufweist, ist es schlichtweg unmöglich, Satrapis Lebensgeschichte in Etappen zu lesen. Die kleine große Erzählung Persepolis zieht den Leser schnell in ihren Bann und lässt ihn nur langsam wieder los. Es bleibt zu hoffen, dass Satrapi uns auch weiterhin an ihrem Leben und Fühlen teilhaben lässt und ihr Vorhaben Beifall, Nachahmung und Weiterentwicklung erfährt. In jedem Fall werden wir all denen, die in dieser Zeit tatsächlich etwas zu erzählen haben, Herz und Ohr weit öffnen.

Hinweise

Rückblick ohne Ostalgie. Musiker André Herzberg im Interview mit Leif Allendorf, 03.11.05

André Herzberg, Jahrgang 1955, war als Sänger der DDR-Band „Pankow“ für eine Jugendgeneration von Ostdeutschen das, was im Westen Herbert Grönemeyer oder Marius Müller-Westernhagen waren. Nach der Wende war es still um das einstige Idol. 2005 sprach er erstmals über das Thema jüdische Identität in der DDR.

Was bedeutete jüdische Herkunft in der DDR? Gab es da eine bestimmte Erwartungshaltung der anderen?

Das wurde überhaupt nicht thematisiert. Es gab einen Status, den man von offizieller Seite Leuten zuerkannt hat, die in direkter Konfrontation zum Nazi-Regime gestanden hatten: entweder „Opfer des Faschismus“ oder „Kämpfer gegen den Faschismus“. Meine Mutter gehörte aufgrund ihrer frühen KPD-Mitgliedschaft zu der zweiten Gruppe, die höher angesehen wurde. Es gab in diesem Zusammenhang kleine Privilegien, eine Wohnung, Geld. So bekam ich bis zum Ende des Studiums einen monatlichen Zuschuss. Dass meine Eltern Juden waren, wurde dabei nicht angesprochen

Es gab also eine Gemeinsamkeit von Gegnern des Faschismus, es wurde kein Schisma gemacht zwischen jüdisch und kommunistisch?

Meine Tante, die Auschwitz überlebt hatte, hatte den etwas niedrigeren Status als Opfer des Faschismus, was ich absurd finde, da meine Mutter mit der Emigration ein vergleichsweise harmloses Schicksal hatte.

Wurde das Thema jüdische Herkunft im Freundes- und Bekanntenkreis zur Sprache gebracht?

Der Bekanntenkreis meiner Eltern bestand zum größten Teil aus jüdischen Immigranten. Es war ein familiärer Kreis, zu dem beispielsweise die Schriftstellerin Barbara Honigmann gehörte. Die Kinder verkehrten mit den anderen Immigrantenkindern. Ich gehörte schon nicht mehr richtig dazu, wohl aber meine älteren Geschwister.

Ihre Mutter hat sich stark mit dem Staat DDR identifiziert. Wie ist sie mit dem Thema jüdische Herkunft umgegangen?

Meine Mutter hat in traumatischer Weise über diese Dinge gesprochen. Sie erzählte, wie sie aus ihrer Wohnung geflüchtet ist und ihre Mutter zurückgelassen hat, wie sie nach Deutschland zurückgekehrt ist und die Mutter war tot. Aber all das nur in Andeutungen. Was Judentum ausmacht und jüdisches Leben, damit wollten meine Eltern nichts zu tun haben. Sie waren nicht religiös und sind als gute Kommunisten aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten.

Wie stehen Sie selbst dazu? Hat jüdische Identität für Sie eine Relevanz?

Das ist ein ganz langer Prozess, von den Andeutungen über die Wahrnehmung der Andersartigkeit bis zum Abbröckeln des vorgegebenen Antifaschismus in der DDR. Während meiner Lehre in der NVA erlebte ich, dass die meisten kein Problem mit der Nazi-Zeit hatten und in dem Kriegsende keinen Bruch, sondern einen nahtlosen Untergang sahen. So wurde beispielsweise auf unserer Stube von den Soldaten heimlich Hitlers Geburtstag gefeiert.

Ein zynischer Scherz?

Das war eher nach dem Motto: Was verboten ist, macht uns gerade scharf. Das kam bei der Sauferei dann zum Vorschein. Für mich war das völlig verblüffend, weil es in völligem Widerspruch zu meiner Erziehung und dem Weltbild stand, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich war entsetzt, habe das aber für mich behalten.

Ist die Militärzeit nicht generell eine Notsituation, die man zu überstehen versucht und erst später darüber nachdenkt?

Dieses Später hat bei mir sehr lange gedauert. In den Siebzigerjahren war der Staat Israel noch der zionistische Feind gewesen. In der letzten Phase der DDR wurde das Thema Israel etwas freundlicher behandelt. Ich hatte in erster Linie eine ablehnende Haltung gegen die Schule, gegen meine Eltern, gegen das Leben in der DDR. Irgendwann trug die jüdische Identität dazu bei, dass ich mich völlig als Außenstehender fühlte. Eine tiefere Beschäftigung damit kam aber erst nach der Wende.

Wie sah die aus?

Das ist ein noch nicht abgeschlossener Prozess. Ich habe Schwierigkeiten mit der jüdischen Identität. Das halte ich in Deutschland überhaupt für schwierig, wenn man sich nicht völlig religiös orientiert. Die jetzt bestehende jüdische Gemeinde wird im Osten von russischen Einwanderern dominiert, die weitgehend unter sich bleiben. Und die westdeutsche Gemeinde ist mir ebenfalls fremd, weil diese Menschen ebenfalls einen ganz anderen Lebenshintergrund haben als ich. Erst bei meinen Reisen nach Israel zu Verwandten dort in den Neunzigerjahren hat bei mir ein Nachdenken über die eigene Familie eingesetzt, und damit verbunden ein gewisser Normalitätsprozess. Vorher war das bei mir alles unter der Decke gewesen.

Wessen Initiative waren die Besuche in Israel? Die Ihrer Eltern?

Nein, meine eigene. Meine Eltern sind diesen Schritt nicht mitgegangen, sondern bei 1989 stehen geblieben. Mein Vater blockt das bis heute völlig ab. Er war kommunistischer Hardliner und hat diese Seite seiner Biografie ausgeblendet.

Welche Verwandten haben Sie in Israel besucht?

Verwandte meines Vaters, die mein Vater nie gesehen hat, die aber von uns wussten und mich sehr herzlich aufgenommen haben. Dass sie im Kibbuz leben, hat mir den Kontakt erleichtert. Die Kibbuzbewegung hat ja starke Ähnlichkeit mit der linken Bewegung des Sozialismus. Als ich dort ankam, kam mir das alles sehr vertraut vor. Es war wie im Osten, LPG, sozialistischer Großbetrieb, die blauen Arbeitsoveralls, die die Leute trugen, Wandbilder, die mich an Planerfüllung erinnerten. Nur mit dem wichtigen Unterschied, dass dort das Tor offen war, und nicht, wie in der DDR, verschlossen. Jeder kann kommen, und wer nicht bleiben will, kann gehen. Ich habe mich dort so wohl gefühlt, dass ich mit diesem Begriff jüdische Identität erstmals unbefangen umgehen konnte.

Sie sind ganz ohne Großeltern aufgewachsen?

Absolut. Meinen Großeltern väterlicherseits ist es gelungen, nach Amerika zu kommen. Von dort aus sind sie dem Bruder meines Vaters nach Südafrika gefolgt, wo sie mittlerweile verstorben sind. Ich habe sie nie gesehen, nur ein paar dürftige Zeilen bekommen, in einem Brief, den mein Großvater mir geschrieben hat. Daneben gab es in dieser Generation nur noch die Großmutter mütterlicherseits, die in Auschwitz umkam. Es ist also der totale Bruch in der Familie.

Ein Bruch, den die übrige Bevölkerung nicht hatte.

Da gibt es natürlich auch Einschnitte, Väter, die nicht aus dem Krieg zurückkehrten. Ich bin nicht der einzige, den das betrifft. In Familien beispielsweise, wo Angehörige in die Nazi-Diktatur involviert waren, dürfte das Schweigen ebenfalls verbreitet sein. Ich glaube allerdings, dass im Fall meiner Eltern, wo das Jüdischsein überhaupt nicht artikuliert wurde, das Sprechen darüber extrem schwierig ist.

Sie sind das jüngste von drei Kindern. Wie gehen Ihr Bruder und Ihre Schwester mit diesem Thema um?

Über den Kopf. In meiner Familie ist es typisch, mit so etwas sehr rational umzugehen. Mein Bruder hat sich geradezu wissenschaftlich mit dem Thema Judentum, Nazizeit und Überleben beschäftigt und hat Bücher zu dem Thema veröffentlicht. Das Gefühl bleibt auf diese Art meiner Ansicht nach außen vor.

Kennen Sie Menschen, die damit anders umgegangen sind?

Barbara Honigmann kommt aus ähnlichen Verhältnissen wie ich. Ihre jüdische Hochzeit in Ost-Berlin 1984, die ich miterlebt habe, hat große Aufmerksamkeit erregt. Sie ist dann nach Straßburg übergesiedelt, und ich hatte den Eindruck, dass hier jemand völlig unvermittelt von einer Identität in die andere springt. Es hat mich irritiert, dass sie sich in ihren darauf folgenden Büchern nur noch jüdisch definiert. Ich lebe mit einer gebrochenen Identität, ich fühle mich genauso als Deutscher wie als Jude.

Wir haben über Einschnitte gesprochen. Die Wende war sicher auch ein Einschnitt für den Musiker André Herzberg. Sie haben den Westen aber bereits vor 1989 kennen gelernt.

Ich durfte ab Mitte der Achtzigerjahre reisen. Ideologisch hat man sich abgeschottet. Aber es gab gleichzeitig Wirtschaftsinteressen, und die Band „Pankow“ war ein kleiner Wirtschaftsfaktor. Die wirtschaftlichen Interessen siegten, und sie ließen uns touren. Für mich war das ein Ventil. Auch wenn der Wahnsinn, die Verhältnisse, in denen ich in der DDR lebte, von außen betrachtet noch viel wahnsinniger erschien, ich konnte mich wie ein Engel auf beiden Seiten bewegen. Ich habe das genossen, aber auch gemerkt, wie wahnsinnig fremd und verloren ich mich im Westen fühlte und wie froh ich war, anschließend wieder in die heimische Höhle zu kriechen, wo ich mich auskannte.

Nun existiert die Höhle nicht mehr und der Westen ist zu Ihnen nach Prenzlauer Berggekommen. Fühlen Sie sich fremd und verloren?

Eine gewisse Fremdheit ist geblieben. Das hängt auch mit meiner beruflichen Situation zusammen. Das Publikum nimmt mich nach wie vor als Sänger der Gruppe „Pankow“ wahr. In diese Rolle werde ich – wie bei der jüngsten Ostalgie-Welle – immer wieder hineingedrängt.

Um aus Rolle herauszutreten haben Sie Ihr letztes Album als André Herzberg und nicht unter dem Etikett „Pankow“ herausgebracht. Außerdem sind Sie als Autor tätig. Mit Erfolg?

Ich verstehe mein Handwerk und ich weiß, was ich tue. Die Resonanz auf die Musik und das Buch ist gut, aber der kommerzielle Erfolg ist bislang ausgeblieben.

Sicherlich war es in einer Nischengesellschaft leichter, etwas bekannt zu machen, als im gegenwärtigen Überangebot.

Es mag auch daran liegen, dass das Thema DDR gerade nicht en vogue ist – es sei denn, im Rahmen von Ostalgie-Shows.

Mit dem Blick fürs Ungewöhnliche. Regisseurin Tonie Marshall im Gespräch mit Caroline Elias und Thomas Weber, 12.08.05

Im Rahmen der Reihe „Mit Frankreich am Set“ hatten Thomas Weber und Caroline Elias die Gelegenheit mit der französischen Regisseurin Tonie Marshall über die Filmszene in Frankreich und ihre eigenen Filme zu sprechen.

War es schwierig für Sie, die Finanzierung für Ihren ersten Film zu bekommen?

Nein, damit hatte ich ganz und gar keine Schwierigkeiten, denn er wurde von Produzent Charles Gassot finanziert, der damals gerade mit dem Film „Das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss“ (La vie est un long fleuve tranquille) großen Erfolg gehabt hatte. Daher hatte er Kapital und bekam außerdem Referenzfilmförderung („fonds de soutien“ des CNC), so war mein Film leicht zu finanzieren, dennoch war er meiner Meinung nach zu teuer. Dafür hatte ich aber dann Probleme, das Geld für den zweiten Film zu finden.

Da waren Sie ja nicht allein, vielen Regisseuren geht es so.

Ja, in Frankreich ist der erste Film oft nicht so schwer zu finanzieren.

Wie kam die Finanzierung für „Pas très catholique“ am Ende doch zusammen?

In Frankreich muss man einen Produzenten finden, der gute Beziehungen zu Sendern, Verleihern und Filmfonds pflegt. Der Produzent hat den Film dann mit Canal+ und M6 koproduziert, außerdem gab es einen Vorschuss vom Verleih und Filmfonds-Geld, aber trotz der vielen Partner mussten wir mit sehr wenig Geld auskommen. Pas très catholique war eher ein Erfolg, und daher war es mit dem folgenden Film, Enfant de salaud, den wieder Gassot produziert hatte, einfacher. Der Film entstand als franko-belgische Koproduktion, denn wir hatten keine Möglichkeit in Paris auf einem sehr alten Friedhof zu drehen wie dem „Père Lachaise“. Wir entdeckten dann in Brüssel einen Friedhof, der ähnlich aussieht, so war es vorteilhaft, in Belgien die Hälfte des Films zu drehen, und wir haben auch ein sehr luxuriöses Haus dort gefunden, das in Paris sehr viel mehr gekostet hätte…

Der Film Pas très catholique ist auch heute noch sehr wichtig für Sie…

Ja, klar. Zunächst ist es so, dass ich diesen Film wirklich mag, wahrscheinlich ist es der Film, den ich am meisten mochte, es ist der, der mir am nächsten ist. Ich hatte gar nichts erwartet, und immer wenn man nichts erwartet, geschieht das Unerwartete. Ich wurde für die Berlinale ausgewählt, das war wunderbar. Und der Film lief gut in Frankreich, er lief gut in Deutschland.

Wie ist Ihr Verhältnis zur jungen Generation der Filmemacher der 90er Jahre, der „Génération Fémis“? Sind Sie da als Autodidaktin assoziiertes Mitglied?

Nein, aber es gibt diese Gruppe befreundeter Regisseure, und mit vielen von ihnen bin ich auch befreundet, z.B. mit Noémie Lvosky, Pascale Ferrand, Claire Denis und Nicole Gracia. Trotzdem: wir sind alle Individuen und das, was uns verbindet, ist, dass wir das Kino lieben und eine enge Beziehung zu ihm haben; Kino ist etwas Heiliges, das uns verbindet. Und darüber hinaus macht jeder von uns seine Filme, manchmal mögen wir die Filme der anderen nicht, aber das zerstört nicht das Verständnis, das wir füreinander aufbringen. Wir lieben das Kino mit Leidenschaft und wir respektieren uns aufgrund dieser Leidenschaft für das Kino.

Was ist ihre Haltung gegenüber der anderen großen Kinogeneration, der „Nouvelle Vague“?

Oh, mon Dieu! Ich verorte mich nur ungern innerhalb einer historischen Perspektive. Da bin ich diskreter, ich weiß nicht, wie man das beschreiben kann, aber ich sage nicht, ich „realisiere ein Werk“, ich mache die Filme, die ich machen möchte und die ich machen kann. Was die „Nouvelle Vague“ betrifft, nun, da denke ich an Filme von Godard oder Truffaut, Baisers volés zum Beispiel. Auch wenn er nicht der größte Film von Truffaut ist, so hat er mich doch stark inspiriert. Ich liebe auch Une femme est une femme. Die Unbeugsamkeit und die Energie dieser Generation hat der Generation danach viel gegeben …

Gehören Sie also einer Art „Nouvelle nouvelle vague“ an?

Nein, ich glaube nicht, dass die heutige Generation von Filmemachern etwas mit der Idee der „Nouvelle Vague“ zu tun hat. Damals entstand sie aus dem Bruch mit dem herrschenden Akademismus heraus, mit der überlieferten Art, Filme zu machen. Ich persönlich musste mich von gar nichts abgrenzen, denn den Bruch haben ja andere vor mir gemacht. Das ist wie mit den Nachgeborenen der „Résistance“… Sie werden mich also nicht sagen hören, ich sei im Widerstand gegen irgendetwas, das habe ich nicht nötig, das haben andere erledigt. Natürlich, ich bin Nutznießerin der Geschichte, von dem, was gut oder schlecht in ihr war. Aber all das, was heute den Filmmarkt bestimmt, die Digitalisierung, das Internet, diese Schnelligkeit sind Veränderungen, die nicht mit der Nouvelle Vague zu erklären sind. Das hat einfach mit der Zeit zu tun, in der wir leben. Wir drehen Filme über die Themen, die uns interessieren. Aber die Schnelllebigkeit erlaubt es vielen Filmen nicht mehr, sich im Kino zu beweisen, dabei wissen wir, dass sich diese Filme so lange wie möglich im Kino halten müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden, was angesichts des Überangebots oft gar nicht mehr klappt, so dass viele Filme in der Masse untergehen.

Welche ist die störungsanfälligste Etappe der Filmherstellung?

Es gibt immer Probleme in den verschiedenen Phasen, in denen ein Film entsteht – während des Schreibprozesses, während der Dreharbeiten, beim Kinostart, da kann viel danebengehen. Aber ich habe viel gelernt als Schauspielerin, als Scriptgirl usw., und das war dann sehr nützlich bei meiner Arbeit als Produzentin für Arte. Da war die Funktion des „künstlerischen Produzenten“ zu besetzen, also jemand, der von Abteilung zu Abteilung flitzt, angefangen beim Drehbuch über Kostüme, Licht und Technik, und der einigermaßen weiß, welche Informationen ergänzt werden müssen. Und da ich mit Schauspielern genauso wie mit der Lichtabteilung oder dem Produktionsbüro umgehen kann, war das schon sehr praktisch. Ich komme mir deswegen nicht mehr wie eine kleine einsame Person vor, die völlig alleingelassen Filme dreht. Ich stelle mir nicht einmal mehr diese Frage, denn ich weiß, ich habe die Fähigkeit und das Wissen, mit Schauspielern zu arbeiten, oder auch wie die Dreharbeiten beschleunigt, wie man 26 Minuten in dreieinhalb Tagen dreht und welche Drehkapazität man dafür benötigt.

Es gibt Leute, die sagen, Sie haben eine weibliche Art Filme zu drehen. Die neunziger Jahre waren ein sehr frauendominiertes Jahrzehnt im französischen Kino. Es gab viele Frauen, die plötzlich ihre Filme machten oder die als Schauspielerin und Regisseurin hervortraten wie z.B. Valeria Bruni Tedeschi

Die wirklich Erste, die zu unserer Generation gehört, war die Schauspielerin und Regisseurin Christine Pascale, die auch mit ihrem Produzenten verheiratet war. Sie hat sich vor einigen Jahren umgebracht. Sie hatte eine kompromisslose Beziehung zum Kino. In Frankreich gab es anschließend viele Frauen, denen es plötzlich möglich war, Filme zu drehen. Als Regisseurin komme ich in der Welt viel herum und nirgendwo sonst gibt es so viele Regisseurinnen wie in Frankreich. Frauen werden so stark gefördert, dass die Männer manchmal das Gefühl haben, es gäbe eine Art von positiver Diskriminierung.

Heute gibt es nicht wenige Schauspielerinnen, die ins Regiefach wechseln. Wenn man als Zuschauer das Kino liebt, Schauspieler ist und dazu auch noch schreiben kann, ergibt sich dies zwangsläufig.

Warum, glauben Sie, sind es trotzdem so viele Frauen?

Nun, ich weiß es nicht. Vielleicht weil plötzlich die Produzenten und Finanziers die Frauen entdeckten, die erfolgreich waren wie z.B. Coline Serreau mit Trois hommes et un couffin (Drei Männer und ein Baby) mit 10 Mio. Eintritte in Frankreich.Nun gab es von einem auf den anderen Moment die Idee, dass Frauen Kino machen können, aber trotzdem hat man nie bemerkt, dass es nun außerordentlich weibliches Kino sei. Man könnte sagen, dass die neunziger Jahre sich dadurch auszeichneten, dass die Frauen plötzlich sehr viel direkter, deutlicher und differenzierter über Sexualität sprachen. Da sie selbst Frauen sind, gab es vielleicht eine andere Vertrauensbasis, auf der sie sich berechtigt fühlten, den Körper einer Schauspielerin zu benutzen, dass sie weiter gingen, sehr viel weiter gingen als die Männer, die, so könnte man sagen, immer noch die Klischees reproduzierten. Und das hat wahrscheinlich in besonderer Weise die Produzenten interessiert und die Fernsehkanäle. Heute gibt es in Frankreich fast genauso viele Regisseurinnen wie Regisseure.

Worin liegt für Sie der Grund zu dieser Veränderung des Kinos gerade in den neunziger Jahren?

Nun, das war eine Zeit, in der Canal+ begann, sich sehr für das Kino zu engagieren und Filme zu finanzieren und das hat vielen erlaubt, ihre Filme zu drehen; oft waren es die ersten Filme. Und wenn man die erste Finanzierungszusage hatte, war es nicht so schwer, weitere zu finden und dann gab es diesen Sog des Neuen. Denn das Neue steht immer für das Lebendige, das sich bewegt und etwas wagt. Das hat Lust auf mehr gemacht. Ich profitierte von dem, was Christine Pascale, Josiane Balasko und andere schon gemacht hatten, und ich fand einen Produzenten. Hätte ich den nicht gefunden, wäre ich da geblieben, wo ich war. (Charles Gassot war zunächst als Werbefilmproduzent sehr erfolgreich gewesen und hatte daher eine andere Beziehung zum Risiko.)

Wie verhält sich Canal+ heute?

Es gibt ein Überangebot an Filmen, was die Verwertungskette verändert. Ein Kinostart ist ziemlich teuer, die Filme halten sich nicht mehr so lange im Kino. Früher war die Ausstrahlung auf Canal+ kurz nach dem Kinostart, heute schieben sich Piraterie und DVD-Ver­öf­fent­lichung dazwischen. Die Filme sind nicht mehr taufrisch, wenn sie auf Canal+ zu sehen sind. Vor ein paar Jahren war das Fernsehen eine Möglichkeit, nach dem Filmstart noch im Gespräch zu bleiben, und heute kommt der Film oft gleich ins Fernsehen. Das hat die Reihenfolge der Finanzierung der Filme extrem verändert.

Wenn Sie die Filme betrachten, die in diesem Jahr schon angelaufen sind, dann bemerken sie, dass diese eher schlicht, sehr teuer und stark inspiriert vom Fernsehen sind, für das breite Publikum. Das hat viel verändert und Canal+ folgt diesem Trend. Es gibt eben nicht mehr die Produzenten wie Humbert Balsan oder Gilles Sandoz, und Pierre Chevalier hat Arte-cinema verlassen. Und Arte versucht insgesamt, ein größeres Publikum zu gewinnen, was zu einem Wettbewerb führt, der darauf ausgerichtet ist, die kurze Zeit der Auswertung möglichst profitabel zu nutzen. Der Kinostart ist nur die Werbephase für die DVD, die erst das Geld bringt. Der Film läuft vier bis sechs Wochen im Kino, und die DVD wird schnell nachgeschoben, um die Piraterie zu begrenzen.

In ihren Filmen spielen Frauen eine wichtige Rolle. Verweist das auf eine bestimmte Art von Feminismus?

Nein, ganz und gar nicht. Ich schreibe Rollen für Schauspielerinnen, mit denen ich gerne arbeiten möchte. Ich stelle mir diese Frage nicht.

Sie haben sehr starke Frauenfiguren in ihren Filmen…

In Pas très catholique ist es eine Figur, die sehr früh ihr Kind verlassen hat und ich habe ihr nie die Schuld dafür gegeben. Ich lasse das Bedauern darüber zu, aber keine Schuld. Das ist etwas ganz anderes. Die Figur fühlt sich berechtigt, ein Leben zu leben, das nicht unmittelbar den gesellschaftlichen Ansprüchen genügt, ohne sich dabei permanent schuldig zu fühlen, und trotzdem mit dem Schmerz, den so eine Entscheidung mit sich bringt, leben zu lernen. Denn für alles zahlen wir einen Preis. Die Filme, die ich mache, sind Komödien, die erzählen, dass das Leben hart ist.

Vielen Dank!

Das Gespräch führten Caroline Elias und Dr. Thomas Weber am 11.05.05 in Babelsberg im Rahmen der Reihe „Mit Frankreich am Set”. Dank an HFF, Institut Français, Mediaoffice und das MAE. Übersetzung: Dörte Richter

Jiménez, Camilo: Neue kolumbianische Autoren, 11.08.05

Der Roman wurde Antioquia als Gattung versagt. Viel zu viele waren wir, um in Fiktionen zu schwelgen. Außerdem stand unsere Realität immer im harten Licht der Mittagssonne, die jede Art von Atmosphäre ausschloss.

Das Rot war rot und das Weiß weiß und basta. Was für eine Atmosphäre kann es geben, wo es dunkel wird und wie aus Strömen gießt in der unermesslichen Ewigkeit um sechs Uhr abends? Ohne Winter, ohne Herbst, ohne Sommer, ohne Zyklone, ohne Brandung, in einer Vorhölle von abgewaschenen Bergen, wo der anmutige Krummsäbel eine einfache Machete ist… Natürlich kann es in Antioquia keinen Roman geben!“, schreibt Fernando Vallejo in seinem ersten, 1986 erschienenen Roman Los días azules. Diese Behauptung scheint offenbar nicht für ganz Kolumbien zu gelten.

Dabei hat der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez für die Schilderung der fiktiven Stadt Macondo den Nobelpreis erhalten. Alvaro Mutis, ebenfalls Kolumbianer, erhielt 1993 den Cervantespreis. Der Roman La tejedora de coronas von Germán Espinoza wurde sogar in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. Und Fernando Vallejo bekam erst 2003 den venezolanischen Literaturpreis Rómulo Gallegos. Doch erst seit kurzem wird die Literatur Kolumbiens in Deutschland zur Kenntnis genommen. Suhrkamp, Klaus Wagenbach und Rotpunkt, also ein Frankfurter, ein Berliner und ein Schweizer Verlag, wagten das Experiment. In den vergangenen zwei Jahren sind Bücher der Autoren Fernando Vallejo, Santiago Gamboa und Memo Ánjel auf Deutsch erschienen.

Man darf sich fragen, was der Grund dafür ist, dass in einem Land, das angeblich nicht literaturwürdig ist, die Belletristik gerade jetzt einen positiven Schub erlebt. Die Antwort: Kolumbien ist eine noch nicht geschriebene Geschichte. Kolumbien steckt voller Historien, als Hort korrupter Politiker, blutdurstiger Mafiosi oder Gossenkinder, die sich als Boxer, Radfahrer oder Fußballer aus dem Elend hocharbeiten. Kinderbanditen, jugendliche Klebstoffschnüffler, verhungernde Familien unter durchgeweichten Kartondächern prägen das Bild, das man sich hierzulande von dem Land macht. Kolumbien ist als ehemalige Kolonie Spaniens eine zwischen Indígenas und den Nachfahren unzähliger Zuwanderer aus aller Welt bunt zusammengewürfelte Gesellschaft.

Fernando Vallejo, Santiago Gamboa & Memo Ánjel

Fernando Vallejo, Santiago Gamboa und Memo Ánjel erobern nun die deutsche Leserschaft.

Der 1942 geborene Fernando Vallejo verließ seine Heimat. Seine kritischen Filme wurden zensiert, er selbst von Guerillas bedroht. Er lebt heute in Mexiko City. Der studierte Biologe beschäftigt sich mit Sprachtheorie, jeden Morgen spielt er auf seinem Steinway-Flügel. Die Filmemacherei hat er eingestellt, seit einiger Zeit schreibt er Romane. Er ist bekannt als militanter Tierfreund, bekennender Homosexueller und Frauenfeind, aber auch als höchst sympathischer und warmherziger Mensch, der wie die Leute aus dem Hügelgebiet Antioquias spricht und denkt. 2001 veröffentliche er den Roman El desbarrancadero (Der Abgrund), der sofort riesigen Erfolg hatte. Vallejo erhielt 2003 den mit 100 000 Dollar dotierten Premio Rómulo Gallegos, die er für die Pflege der Straßenhunde von Caracas spendete, was in seiner Heimat für einen Skandal sorgte.

Der ehemalige Journalist und studierte Literaturwissenschaftler Santiago Gamboa wohnt in Rom, ist von Natur aus ein Literat, ein mit seiner Heimatstadt Bogota zutiefst verbundener Weltreisender, ein Schriftstellerfreund und Autorenförderer, selbst ein Talent, das dieses Jahr zu einer Lesetour durch Deutschland eingeladen wurde und dabei mit seinen heiteren Geschichten seinen Anhängern großes Vergnügen bereitete. 2002 erschien sein dritter Roman, eine Kriminalkömodie mit hohem Niveau, intelligente Unterhaltung für Krimifans und Freunde gut geschriebener Prosa mit Humor: Los impostores (Die Blender). Gamboa war nach China geschickt worden, um einen Reiseführer zu schreiben. Die Arbeit brachte ihn auf die Idee für seinen Roman: Drei Männer begeben sich auf die Suche nach einer Urkunde des 19. Jahrhunderts. Sie finden in der Riesenstadt Peking aber nichts weiter als sich selbst und einen Haufen subtiler Späße für Gelehrte. Die kolumbianischen Leser nahmen die weltbürgerliche und anspruchsvolle Geschichte von sophistischen Loser begeistert auf. Das Buch war der Renner der letzten Buchmesse in Bogotá.

Memo Ánjel wohnt zurzeit in Berlin, ist ein Sepharde aus Medellín, der Hauptstadt der bereits erwähnten Region Antioquia, ein leidenschaftlicher Raucher mit der eigenartigsten Sprachart, ein vielseitiger Autor für Zeitungen und das Radio, außerdem Professor für Kommunikationsmanagement in seiner Heimatstadt und DAAD-Stipendiat im Berliner Friedenau. Der Autor von bislang acht Romanen ist ein geborener Erzähler, der von der Kritik gefeiert wird. Unter dem humboldtschen Motto: „Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache” stellte er in Berlin seinen neuesten, auf spanisch noch nicht erschienenen Roman La mesa de los judíos (Das meschuggene Jahr), im Deutschen Historischen Museum vor. Die Veranstaltung mit seinem Übersetzer, dem Kolumbienkenner Peter Schulze-Kraft, war ein voller Erfolg. Ánjel gewann mit Sympathie und Klugheit Publikum und Rezensenten in Deutschland und in der Schweiz.

Der Abgrund

Svenja Beckers Übersetzung des anspruchvollen Roman Der Abgrund (Suhrkamp) ist rundum gelungen. Dabei ist der hochstilistische Vallejo für jeden Übersetzer eine harte Nuss. Das sah man beim Scheitern des Wiener Zsolnay Verlags mit Klaus Laabs liebloser Übersetzung von Vallejos meist verkauftem Werk, La Virgen de los Sicarios (Die Madonna der Mörder, Wien 2001; 1993 orig. ersch.). Svenja Becker zeigt dagegen Sorgfalt bei der Verwandlung der künstlerisch verschlüsselten Sprachformen Vallejos ins Deutsche. Für sie ist Vallejo vor allem ein „Sprachfreak“.

Der Autor hat sich immer skeptisch zu Übersetzungen seiner Werke geäußert. Er schreibe für die spanische Sprache. Svenja Becker hat sich nicht abschrecken lassen und eine deutsche Übertragung vorgelegt, deren einziger Mangel ist, dass die Leichtigkeit des Originals an manchen Stellen verloren geht.Die iberoamerikanische Jury des Rómulo Gallegos-Preises in Caracas lobte den Abgrund: „Wir stehen vor einem tiefst literarischen und bewegenden Roman, der Themen von dramatischer Aktualität durch eine unerhörte Kraft der Sprache zu reflektieren vermag.“ Die Schilderung der täglichen Gewalt, der Familienkrise und Krankheit, so die Jury, schafften eine Erneuerung der spanischsprachigen Literatur.

Vallejo mischt in seinem Roman Realität und Fiktion. Der Autor schildert die Aids-Krankheit, das Leiden und den Tod seines Bruders Darío. In Medellín, in den achtziger und neunziger Jahren Ort brutaler Auseinandersetzungen rivalisierender Drogenkartelle, spielt sich die absurde Inszenierung einer zerbrechenden Familie ab. Vallejo beschreibt den Todesweg eines geliebten Menschen. Der Ich-Erzähler schützt sich mit zynischen Sprüchen über Politiker, Kolumbien, Gott und die Welt. Sein Motto lautet: Die Existenz ist ein Müllsack von Erinnerungen.

Die Blender

Die Übersetzerin Stefanie Gerhold ist mit Santiago Gamboa vertraut. Die 1999 mit dem Preis der spanischen Botschaft für junge Übersetzer ausgezeichnete Münchenerin hat bereits Werke des spanischen Krimiautors Manuel Vázquez Montalbán sowie drei Romane von Gamboa übertragen und arbeitet im Moment am Neuprojekt des 2004 in Bogotá erschienenen El retrato de Ulises, Gamboas letztem Buch.

Gamboa bedient sich des Genres Krimi, um seine aberwitzige Geschichte voll subtiler Ironie voranzutreiben. Die Herausforderung an die Übersetzung liegt in den Details und den kleinen Wortspielen. Obwohl man die deutsche Version, genauso wie die spanische, schnell und gut gespannt liest, bleibt der im Original unmittelbar wirkende Witz mitunter auf der Strecke.

Die Story ist eine Verkettung von Absurditäten. Drei Männer suchen das verschollene Manuskript einer Sekte aus dem Umkreis des Boxer-Aufstands um 1900 in China. Sie treffen in Peking aufeinander und fangen an, gegeneinander zu intrigieren. Indessen ist ihnen die Boxer-Sekte bereits auf der Spur. Die unzähligen Abenteuer enden in einer doppelten Verfolgungsjagd: Die Blender sind hinter dem Manuskript her, und die Anhänger der Sekte jagen die Blender.

Das meschuggene Jahr

Memo Ánjel betraute auf eigenen Wunsch den Kolumbien-Literaturexperten Peter Schultze-Kraft und den bekannten Schriftsteller Erich Hackel aus Österreich mit der Übersetzung des noch nicht einmal auf Spanisch erschienenen neuesten Romans. Die Übersetzung ist hervorragend. Der leichte Humor und die Kraft mancher Stellen zeigen die Feinsinnigkeit des Übertragungsteams. Ein ausführliches Glossar der verwendeten jüdischen Begriffe ergänzt die prachtvolle Edition des Schweizer Rotpunktverlags. Kolumbien, das unbelesene Land, verbleibt zwar uninformiert über Ánjel, im deutschsprachigen Raum aber können Leser und Kritiker sich freuen. Memo Ánjel verspricht übrigens im Klappentext eine Fortsetzung.

Im Herzen der kolumbianischen Kaffeeregion prophezeit eine jüdische Großfamilie in den fünfziger Jahren den Auftakt des „meschuggenen Jahres“, der Zeit, in der sie sich endlich den Traum erfüllen können, das auserwählte Land Israel zu besuchen. Der Autor schildert aus der Sicht eines 13-jährigen eigene Erlebnisse. In Das meschuggene Jahr weiß man nicht, ob das Medellín im Roman in der Tat die Gewaltmetropole der letzten Jahrzehnte ist oder ob es sich um eine Fantasie Ánjels handelt. Aber abgesehen davon ist das Werk außergewöhnlich innerhalb der Literatur Kolumbiens, wo Autoren, der márquezschen Legenden müde, sich fast zwanghaft der realistischen Schilderung der tagtäglichen Gewalt verschrieben haben. „Ich schreibe ganz bewusst nicht über Gewalt“, sagt ein stets lächelnder Memo Ánjel auf die Frage nach dem Fehlen von Killern oder von den Liebesgeschichten zwischen toten Kaimanen, toten Flussfahrten und was das márquezsche Genre noch zu bieten hat.

Hinweise

  • Vallejo, Fernando: Der Abgrund (übers. v. Svenja Becker; Originaltitel: El desbarrancadero,Madrid: Alfaguara 2001). Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004. ISBN: 3-5184-1655-3. 19,80 Euro. Gebunden. 192 Seiten.
  • Gamboa, Santiago: Die Blender (übers. v. Stefanie Gerhold; Originaltitel: Los impostores, Barcelona: Seix Barral 2002). Berlin: Klaus Wagenbach 2004. ISBN: 3-8031-3195-2. 21,10 Euro. Gebunden. 320 Seiten.
  • Ánjel, Memo: Das meschuggene Jahr (übers. v. Erich Hackl u. Peter Schultze-Kraft; Originaltitel: La mesa de los judios, unersch.). Zürich: Rotpunktverlag 2005. ISBN: 3-8586-9290-5. 19,50 Euro. Gebunden. 194 Seiten.

Schmidt, Stefanie: Solaris in Neuhardenberg. Martin Wuttkes Theater-Inszenierung des Stanislaw Lem-Romans erfasst nicht die Komplexität des Originals, 21.02.05

  • Solaris. Theaterstück nach Stanislaw Lem. Textbearbeitung und Regie: Martin Wuttke. Mit Jeanne Balibar, Inga Busch, Fedja van Huêt, Christophe Kotanyi, Jörg Pohl und Volker Spengler. Premiere: 26.08.2004, Hangar, Flugplatz Neuhardenberg.

Adaptionen von Büchern sind nicht leicht. Ein futuristischer Roman wie Stanislaw Lems „Solaris“ stellt dabei eine besondere Herausforderung dar, der sich bereits Regisseurgrößen wie Steven Soderberg gestellt haben. Inwiefern Martin Wuttkes „Solaris“-Inszenierung gelungen ist, beschäftigte Stefanie Schmidt.

„Solaris ist ein kleiner Totentanz vor dem Hintergrund einer bedrohlich erscheinenden Vergangenheit in Form von aufdringlichen, leidenden und tobenden Wiedergängern – Unerlöste allesamt – und einer Zukunft in Form eines breiigen Ozeans, der sich jeder Erforschung entzieht – launisch und unberechenbar. Der Ort: eine ächzende Forschungsstation, vollgestopft mit unbrauchbarem, in Netzwerken zirkulierendem Wissen und fragmentarischen Geschichten über die Verletzlichkeit des Menschen. Die Schauplätze: allesamt Räume des Zwangs und der Unfreiheit; alles, was sich zur Simulation der Hölle eignet.”
Martin Wuttke

Martin Wuttkes Theater-Inszenierung von Solaris auf dem ehemaligen Flugplatz in Neuhardenberg hat nochmals – wie bereits vor zwei Jahren die Soderbergh-Verfilmung mit George Clooney oder der in den 70er Jahren produzierte Tarkowskj-Film – an den legendären Science-fiction-Roman zurückdenken lassen, den der polnische Philosoph und Schriftsteller Stanislaw Lem vor mehr als 40 Jahren verfasst hat.

Überbordende Spielfassung, die Textkenntnis voraussetzt

Obwohl inhaltlich der Versuch gemacht wird, sich an den Originaltext zu halten, tut man als Zuschauer gut daran, wenn nicht das Buch, so zumindest einen der beiden Filme zu kennen. Leider nämlich ist das Ergebnis der von Castorf geprägten modernen Inszenierung weniger ein besseres Verständnis des Textes, als vielmehr eine überbordene Spielfassung, die in ihrer kausalen Logik kaum mehr nachvollziehbar ist, dafür aber zumindest visuelles Vergnügen verspricht. Die Dominanz des Optischen über das gesprochene Wort steht gleichzeitig in einem Missverhältnis zu der Schwere ambitioniert dozierter Fremdtexte: Neben Nietzsche und Heidegger, lässt Wuttke Brecht und Heine, ja sogar Goethes Mephisto – in Gestalt eines kleinen über die Wiese laufenden Hündchens – in seine Interpretation miteinfließen.

NVA-Fluggelände als Spielstätte

Dennoch erscheint der gewählte Ort für diese Geschichte mehr als passend: so kann man sich vom Hangar aus aufs weite Feld des ehemaligen NVA-Fluggeländes schauend, sehr gut vorstellen, man befände sich eben nicht mehr auf der Erde, sondern auf jener Raumstation auf Solaris, die zu Forschungszwecken dieses unbekannten plasma- und gallertartigen Ozeans gebaut wurde. Jahrzehntelange Versuche, Sinn und Zweck dieser lebendigen Materie zu erforschen – so die Story – sind erfolglos geblieben. Die Geschichte kreist nun um das Schicksal des Psychologen Kelvin (hier gespielt von dem Holländer Fedja van Hujet), der eines der letzten Forschungsteams auf dieser Raumstation retten soll.

Die Labors, in die sich die Wissenschaftler Snaut (Jörg Pohl) und Satorius (Christophe Kontanyi) verstört zurückgezogen haben, sind in Nina von Mechows Szenenbild kleine, an gläserne Gewächshäuser erinnernde Behausungen, die verloren in der Weite des Hangars oder des davor liegenden Flugfeldes herumstehen. Dort draußen steht auch ein seltsam unwirklicher Garten. Leser von Lems Buch werden sich erinnern, dass der Flieger Berton in seinem Bericht vor einer Kommission von jenem Garten spricht, der von den Strahlen des Ozeans aus seinen prägenden Erinnerungen herausdestilliert und in eine Scheinwirklichkeit versetzt worden ist.

Relativität von Moral und Erinnerung

Kaum dort angekommen, findet Kelvin Solaris und seine verbliebenen Besatzmitglieder in einem desolaten Zustand vor, deren mysteriöse Ursachen er erst mit der Zeit und anhand seiner Geschehnisse aufklären kann. Der denkende Ozean Solaris – der im Übrigen von Wuttke individualisiert wurde (Volker Spengler) – ist nämlich der Spiegel des menschlichen Bewusstseins und konfrontiert jedes einzelne Mitglied der Besatzung mit seinen am intensivsten gespeicherten Erinnerungen in Form von menschlicher Gestalt. Kelvins „Gast“ ist seine bereits vor 10 Jahren verstorbene Frau, die in Wuttkes Theaterstück – „um Verwirrungen vorzubeugen“ – von zwei Personen (Jeanne Balibar und Inga Busch) gespielt wird. Doch dem Text nach kann Kelvin – genauso wenig wie seine Kollegen – diese Gestalt nicht von der Erinnerung der wirklichen Harey unterscheiden: Eben weil sie weder Mensch, noch Kopie, sondern die materialisierte Realisierung seines Gedächtnisses ist. So kreist „Solaris“ primär um die Fragen der Relativität von Vergangenem und Zukünftigem, Moral und Erkenntnis, Schein und Sein, die Lem – wie auch Tarkowskj, der im übrigen für seine Verfilmung 1972 den Spezialpreis der Jury auf dem Filmfestival in Cannes erhielt – in seinem Buch zu größeren philosophischen Gedanken wie etwa der Unmöglichkeit des menschlichen Verstandes, letzte Erkenntnis zu erlangen, ausweitet.

Castorfsche Vermengung von Video und Theater

Während Lem in seinem Buch verstärkt auf den unsere Vorstellungskraft übersteigenden denkenden Ozean eingeht, wird dieses Thema von keiner Adaption in diesem Maße berücksichtigt. War die Tarkowskj-Verfilmung noch am stärksten dem ursprünglichen Text entlehnt, so konzentriert Soderbergh die gesamte Thematik der Solaris auf die an sich eher nebensächliche Liebesgeschichte mit George Clooney und Natascha McElhone. Wenn Wuttke auch im Vergleich Teilstücke des Buches aus dem Kontext reißt und hierbei genau das macht, wovor sich Lem gefürchtet hat – nämlich einer „Verhackstückelung“ seines Textes – , so reduziert er dennoch Solaris nicht allein auf eine „love-story in space“. Schon die gewählte castorfsche Präsentation der Vermengung von Video und Theater, lässt das Thema der Gegenüberstellung von Realität und Wahrnehmung auch zu dem des Zuschauers machen. Mit dem Verschwimmen der Konturen der Schauspieler hinter dem Plexiglas der Gewächshäuser stellt sich die Frage, welcher Abbildung man eher trauen soll: der der Leinwand oder der der Bühne.

Diese neuartige Technik, die sich seit einigen Jahren im modernen Theater trendartig ausbreitet, wird gleichsam von der Idee begleitet, Romanstoffe zu adaptieren. So wird etwa ein anderer Castorf-Schüler Sebastian Hartmann am Wiener Burgtheater Hermann Hesses Steppenwolf inszenieren, neben Friederike Heller mit der Blendung von Elias Canetti. In Meiningen wird man Schillers Romanfragment Der Geisterseher von Sebastian Baumgarten zu sehen bekommen, in Wiesbaden bald eine eigene Bühnenfassung des Nibelungenliedes und an der Berliner Volksbühne wieder einmal Dostojewski, diesmal Der Spieler, inszeniert von Johan Simons.

Das vermehrt kommende „Autorentheater“, in dem sich die Regisseure gerne als neue Stofferoberer sehen wollen, preferiert die Komplexität von Romanen. So erklärte Frank Castorf in der Süddeutschen Zeitung vom 06. September 2004, gerade Dostojewski löse bei ihm etwas Religiöses aus, wohingegen einfache Theaterstücke an ein zentrales Planungskomitee erinnerten. Angesichts der allgemeinen negativen Resonanz des Wuttkeschen Lem-Versuches jedoch bleibt es nicht aus, zu bekennen, dass komplexe Inhalte am besten noch der Literatur zu entnehmen sind.

 

Hinweise

Filme

  • Solaris. UDSSR 1972. 159 Min. Regie: Andrej Tarkowski. Kamera: Wadim Jusow. Mit Natalja Bondartschuk, Donatas Banionis, Nikolai Grinko.
  • Solaris. USA 2002. 98 Min. Regie und Buch: Steven Soderbergh. Produktion: Steven Soderbergh und James Cameron. Musik: Cliff Martinez. Mit George Clooney, Natascha McElhone, Jeremy Davies, Viola Davis,Ulrich Tukur.