Jürgen Landt: Realität ist Zauberwald (Kurzgeschichten)

Besprochenvon Ronald Klein

Der Ostsee-Poet Jürgen Landt legte erst diesen Herbst seinen brillanten Debüt-Roman „Der Sonnenküsser“ vor. Den Lesern ist der Greifswalder hingegen seit 20 Jahren als Meister der hintersinnigen Kurzgeschichte bekannt. In Zeiten, in denen der Mario-Barth-Humor auch die deutschen Lesebühnen heimsucht, kehrt Landt der stringenten Erzählweise den Rücken. Die Geschichten im neuen Band sind angenehm sperrig, keine Fast-Food-Literatur. Die meist zwei, drei Seiten lange Mini-Prosa bewegt sich grazil an der Schnittstelle zur Lyrik und eröffnet weite Interpretationsräume. Bereits die Titel wecken Neugier: „MOOSE, NICHT ZÄHLBAR TIEF IM SUMPF“. Ähnlich offen der Anfang: „Da lief er nun. / So verwirrt und bemoost vom Vorhandensein. / Obwohl er immer noch, mindestens auswendig, bis 100 Trilliarden hätte zählen können. / Keine Zeit, in diesem Sumpf zu wandern. / Angst, die Sonne anzuspucken. / […]“. Wer sich für den Band Muße zugesteht und sich den Luxus gönnt, innerhalb kürzester Zeit, die Geschichten mehrfach zu lesen, wird bemerken, wie sich die anfänglichen Interpretationen immer wieder auflösen und sich neue Bilder formen. Mal intertextuell mit dem Roman korrespondierend, mal durch persönliche Erfahrungen inspiriert. Landt oktroyiert nicht. Sein Schreiben öffnet Räume: Für Literatur im Prinzip eine essentielle Eigenschaft, steht er leider mit einigen wenigen Kollegen auf weiter Flur allein. Es wird Leser geben, die überfordert den Buchdeckel zuklappen oder sich an bestimmten Schlagworten reiben. Wer hingegen von der Literatur mehr als nur kurzweiligen Zeitvertreib FORDERT, wird mit diesem Buch lange Freude haben.

 

Bench Press Publishing, ISBN 978-3-933649-24-9, 160 Seiten, 14,90 €

Über „Eine Insel im Mond“ von William Blake

Besprochen von Ronald Klein

  • BLAKE, William: Eine Insel im Mond. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2007. ISBN 978-3-88221-899-2. Aus dem Englischen von Gernot Krämer und Jan Weinert. Mit einem Nachwort von Gernot Krämer. Mit Illustrationen von Horst Hussel.

Der 1757 in London geborene William Blake arbeitete als Zeichner, Maler, Kupferstecher und Autor, der seine aufwendig hergestellten Bücher, die in Kleinstauflage erschienen, selbst kolorierte. Blake galt als Visionär, der mit seinen progressiven Auffassungen das England des 18. Jahrhunderts irritierte. So negierte er nicht nur die Auffassung von der Ungleichheit der menschlichen Rassen, sondern kritisierte ebenso die Benachteiligung der Frauen. Im institutionalisierten christlichen Glauben sah er eine Geißel der Menschheit und die Priester als Hüter einer pervertierten Religion. Der Weg zu Gott könne nur über die Kunst erfolgen. Blakes Bedeutung erschloss sich erst im 20. Jahrhundert. In Großbritannien längst als Schulstoff etabliert, förderte in Deutschland erst Jim Jarmuschs Meisterwerk „Dead Man“ (1996) die breitere Rezeption des englischen Multi-Genies. Nach Kai Grehns großartiger Übersetzung von „The Marriage of Heaven and Hell“ (1998), einem der bekannteren Werke, liegt mit „Eine Insel im Mond“, pünktlich zum 250. Geburtstag Blakes, die Veröffentlichung eines bisher weitgehend unbekannten Fragments vor. Der Prosa-Text, der ebenso lyrische Einsprengsel enthält, entfacht ein Feuerwerk der Absurdität. Die Protagonisten heißen u.a. „Leicht entzündliches Gas“, „Stumpfer Winkel“ oder „Etruskische Säule“ und entspinnen ein philosophisches Streitgespräch. Die humoristische Seite Blakes spielte in der bisherigen Rezeption eine bisher untergeordnete Rolle. So gilt auch als unklar, ob der Text, der plötzlich abbricht, jemals für eine Veröffentlichung geplant war. Die zweisprachige Ausgabe enthält ein Nachwort des Übersetzers, der die (ursprünglich antike) Tradition des Textes erläutert: „Bevorzugter Gegenstand der Menippeischen Satire ist die Verspottung jenes Dünkels, den die Kyniker den Akademie-Philosophen und ihren diversen Schulen unterstellten, bzw. die Parodie des philosophischen Diskurses überhaupt.“

 

Über „Alles dreht sich um nichts (Kurz-Prosa)“ von Roland Lampe

Besprochen von Ronald Klein

  • LAMPE, Roland: Alles dreht sich um nichts : Kurzprosa. Erata-Literaturverl., Leipzig 2008. ISBN 978-3-86660-049-2.

Man möchte an Nietzsche denken. Den großen Sucher. Als Nihilist verkannt. Es sei leichter etwas zu verneinen, konstatierte er. Auch Lampe verneint: „Seine Sinne sind erfroren, sein Körper ist ein Eiszapfen, / und wenn er den Mund aufmacht, schneit es“, heißt es gleich im Auftakt, passend „Gleichgültigkeit“ betitelt. Doch das Abwehrende, Resignierte bedeutet nur eine Facette im unheimlich spannungsreichen Dramaturgiebogen, der aufs minimalsten reduzierten Prosa. Lampe erzählt u.a. von der verstörenden Dominanz eines übermächtigen Vaterbildes, von der Endstation Pflegeheim, von der Introvertiertheit der Paare, deren Schweigen zur emotionalen Nekrose mutiert. Jeder Satz, jedes Wort passend genau. Stellenweise an Kafkas ultra verkürzte Prosa („z.B. „Die Bäume“) erinnernd, hat der Berliner Autor längst seinen eigenen sprachlichen und ikonographischen Kosmos erschaffen. Ein Band, der trotz der wenigen Worte lange zu begeistern weiß.

 

Über Leon de Winters ‚Place de la Bastille‘

Besprochenvon Leif Allendorf

Paul de Wit ist Geschichtslehrer und wohnt mit seiner Frau Mieke und den Töchtern Hanna und Mirjam in Amsterdam. Neben dem Beruf arbeitet er seit Jahren an einem Buch über die gescheiterte Flucht Ludwigs XVI. nach Varennes während der französischen Revolution. Als Historiker stellt er darin die These auf, dass die Geschichte nicht von Zwangsläufigkeiten, sondern von Zufällen bestimmt wird. Im Laufe der Romanhandlung wird jedoch immer deutlicher, dass ihn diese Überzeugung vor allem als Privatperson beschäftigt. Denn in Form des Holocaust hat die Weltgeschichte in sein Leben besonders brutal eingegriffen.

Paul de Wit erzählt seine Geschichte dem Leser nicht chronologisch: „Gehen wir also in der Zeit zurück.“ Dabei pflegt er, der professionelle Historiker, alles im Leben in Perioden einzuteilen, die Geschichte in Ausschnitten darzustellen und dann zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Paul de Wit ist als Kind jüdischer Eltern, die nach Auschwitz deportiert wurden, im Waisenhaus aufgewachsen. Seine Nachforschungen haben ergeben, daß er einen Zwillingsbruder hatte, von dem aber jede Spur fehlt. Seine manische Suche nach diesem endet, wie zu erwarten, ergebnislos. Weder findet er seinen Bruder, noch erfährt er definitiv von dessen Tod. Während der Suche nach seinem Bruder und den Recherchen zu seinem Buch beginnt er in Frankreich eine Affäre mit Pauline. Die seelen- und namensverwandte Jüdin befasst sich ebenso intensiv mit der Vergangenheit wie er. Diese Begegnung führt letztendlich zum Bruch mit seinem gesamten bisherigen Leben.

Wie schon in einigen früheren Romanen, zum Beispiel in Leo Kaplan, verleiht de Winter seinem Protagonisten autobiographische Züge. Die Männer sind Mitte der Fünfzigerjahre geboren, arbeiten als Schriftsteller und Geisteswissenschaftler, haben einen jüdischen Hintergrund und beschäftigen daher intensiv mit den Themen Holocaust, Judentum und Religion im Allgemeinen. Wie in anderen Romanen gibt es die scheinbar perfekte bürgerliche Existenz und die zunächst glückliche, dann aber unerträgliche Ehe mit einer starken (katholischen) Frau, die der Protagonist für eine Affäre mit einer faszinierenden Jüdin aufgibt.

De Winters wiederkehrendes Thema ist die Verstrickung von „großer“ und „kleiner“ Geschichte, von Holocaust und Einzelschicksal. Dass sich hinter weltpolitischen Ereignissen private Biographien verbergen, ist zwar noch keine revolutionäre Erkenntnis. Interessanter ist aber de Winters weiterführende These: Jeder Mensch braucht Geschichte, nämlich seine Geschichte – egal, ob sie nun aus Zufällen besteht oder aus Kausalverkettungen. Eine intakte Persönlichkeit kommt ohne Vergangenheit und Herkunft, ohne Erinnerungen und Bezugspunkte nicht aus.

Leon de Winter macht es dem Leser wunderbar leicht, in die Gedanken- und Gefühlswelt seines Protagonisten einzutauchen. Das Innenleben aller anderen Figuren bleibt dagegen vergleichsweise blass. Manchmal gerät Pauls Nabelschau zum mehr oder weniger selbstmitleidigen Egotrip. So wird seine Affäre mit Pauline zur stereotypen Männerphantasie: Die schöne, blutjunge Französin führt ihn aus der Midlife-Crisis zurück zu Leidenschaft, Selbstfindung und wahrer Liebe, während Ehefrau Mieke als nahezu unbegrenzt verständnisvolle Ex-Gefährtin zurückbleibt.

Place de la Bastille wirkt wie die Mitschrift einer Do-it-yourself Traumatherapie. Ganz sicher ist es ein faszinierendes Buch für jeden, der sich auf de Winters Gedankenspiele zum Thema Geschichte, Familie und Identität einläßt. Ein thematisch breit angelegter Roman mit einem ausbalancierten Figurenarsenal ist es allerdings nicht.

Bestellen!

Gegen Handy-Debile und Walkman-Terroristen. Über ‚Stille in Montparnasse‘

Besprochenvon Leif Allendorf

  • DENIS, Ariel: Stille in Montparnasse. Ein Romanbericht. Mit Musik-CD von Hermann Prey. Atrium-Verlag, Zürich 2007. ISBN 978-3-85535-981-3.

Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Dieses Nietzsche-Zitat gibt das Leitmotiv des kurzen Romans „Stille in Montparnasse“ an. Ein namenloser Ich-Erzähler – ein Mann im so genannten besten Alter – wird durch den Tod seines besten Freundes der eigenen Sterblichkeit bewusst und rätselt über den Sinn unserer vergänglichen Existenz.

Ihn, den Franzosen, und seinen Schweizer Freund Berger verband die gemeinsame Liebe zu Schubert-Liedern, natürlich nur von Hermann Prey interpretiert und ausschließlich auf der besten Stereo-Anlage zu hören, die zur Zeit zu kaufen ist. Alles andere wäre Banausentum. Diese kleine Insel der Schönheit gilt es zu verteidigen: gegen das Terrorregime der „Diskothekenmusik“, gegen das Handy-Gequatsche auf der Straße, das Walkman-Gedudel in der Bahn und das geistige Analphabetentum unserer Zeit.

Ariel Denis, Jahrgang 1945 und Professor für Kulturwissenschaften, gibt in diesem romanhaften Pamphlet den Kulturpessimisten – aber nicht den reaktionären, rechten Demagogen, nicht den sexuell frustrierten Einzelgänger à la Michel Houellebecq. Seine Haltung lehnt sich eher an das Elitäre von Nietzsche an. Dieser nahm für sich nicht aufgrund von Herkunft, Geschlecht oder Rasse für sich in Anspruch, etwas Besonderes zu sein. Er erhob sich über die Mehrheit, den Massenmenschen, jener „Ausschussware der Natur“, weil er klüger war als sie. Denis würde seinen Helden wohl etwas bescheidener sagen lassen: Etwas weniger dumm als die anderen. Seine Prosa erinnert in ihrer Sprach- und Zorngewalt an die Tiraden Thomas Bernhards, der die ganze Menschheit unter seinem Schmäh zu begraben pflegte.

„…Ruhe, ihr Mikrofonlutscher, Heulbojen aus den Tonstudios, ihr faden Wisperer, Playbacksänger, ihr Bercy-Großkonzertpilger, ihr Kreativ-DJs für hippe Analphabeten und abgedrehte Snobs durchgemachter Nächte, ihr (…) Fummler und Zapper, ihr Wanderer ohne Wanderung und ihr Spaziergänger auf Rollen, ihr Musikjogger und Läufer im Lärm, Träger von Handys mit der Kleinen Nachtmusik oder den ersten Takten der Fünften Symphonie, taube Ohren, schreiende Münder, Radio-Fernsehen, Musik für Moneten, Kaufhaushintergrundmusik und die von Flughäfen und von überall, es reicht, zu viele Töne, zu viele Trommeln, zu viel Zeugs aller Art, es reicht, seid endlich ruhig, basta la musica, Stille, nichts als Stille und nur Stille – der Vorhang öffne sich, das Klavier präludiere, und Hermann Prey beginne zu singen…“

So weit eine Probe des von Regine Herrmannsdörfer wundervoll ins Deutsche übersetzten Textes.

Gleichzeitig ist das schmale, aber gewichtige Bändchen eine Liebeserklärung an die Schönheit der Musik, ein melancholischer Abgesang auf den verblichenen Freund, dessen Weg man selbst in absehbarer Zeit folgen wird. Wozu dieses rasend schnell vergehende Leben? Eigentlich alles ein Irrtum: Wäre da nicht die Musik…

 

Über „Der Wanderer“ von Hartmut Lange

Besprochen von Iris Thalhammer

  • LANGE, Hartmut: Der Wanderer : Novelle. Diogenes, Zürich 2008. ISBN 978-3-257-23594-4.

„‚Der Wanderer’ sollte das Werk heißen. Mehr war von ihm nicht zu erfahren.“ Der Erfolgsautor Matthias Bamberg arbeitet an seinem neuen Roman. Über die Beschreibung von aufsteigendem Rauch aus einem Aluminiumrohr kommt er allerdings nicht hinaus. Nur mit Mühe erträgt er das ständige Räuspern seiner Frau und die Geräusche aus dem Büro ein Stockwerk höher. „Hinter den harmlosen Dingen lauert das Entscheidende.“ – Bambergs Frau unterhält eine Affäre mit dem Steuerberater von oben, jenem, der nie grüßt, stets die Treppe und nicht den Aufzug nimmt.

Unvermittelt treffen wir dann den Schriftsteller an der Atlantikküste an. Er hat sich dort mit seiner Frau verabredet, die nicht kommt. Stattdessen räumt sie während seiner Abwesenheit die Wohnung halb aus und verschwindet. Zurück bleibt nur ein Notizzettel: „Mit A. nach Kapstadt“.

In Heimito von Doderers Strudlhofstiege, erklärtes Vorbild für Bambergs Romanprojekt, findet der Protagonist in rastloser Bewegung zu sich selbst. Auch Langes Figur ist viel unterwegs: von Berlin an den Atlantik, von Wien nach Kapstadt. Aber die Selbstfindung bleibt aus. Der verlassene Ehemann observiert die Strandpromenade von Kapstadt, ohne wie erhofft seine Frau zu finden. Das letzte Bild zeigt Bamberg in der Steppe Afrikas.

Hartmut Langes Blick auf Details des Alltags ist wunderbar. Die allerflüchtigsten Eindrücke werden präzise wahrgenommen und festgehalten. Die Schauplätze bleiben dennoch seltsam blass. Teilweise erinnert die experimentelle Anordnung an Kleist, aber im Gegensatz zu dessen klassischen Novellen verfolgt Lange diese Arbeitsweise nicht konsequent – beispielsweise wenn Bamberg plötzlich mit dem Reiseführer „Tipps für individuelle Entdecker“ in der Steppe verschwindet.

„Es sind immer nur Erscheinungen, von denen man wünscht, man könnte ihnen auf den Grund kommen.“ Wer eine dramaturgisch erzählte Geschichte lesen will, wird enttäuscht. Lange löste seine sonst formstrenge Novelle insofern von den Genrekonventionen, als er den Höhepunkt ausspart. Wer sich aber für Detailbeschreibungen begeistern kann, wird Der Wanderer mit Genuss lesen.

 

 

Im Schatten des Terrors: Ian McEwans Roman „Saturday“

Besprochenvon Anne Krüger

Der Londoner Neurochirurg Henry Perowne beobachtet am frühen Morgen vom Schlafzimmerfenster aus einen Flugzeugabsturz. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York muss jede westliche Großstadt damit rechnen, Ziel eines Terrorakts zu werden. Bislang hatte Perowne die weltpolitische Lage sauber von seinem privaten Leben trennen können. Nun ist er verunsichert. War es überhaupt ein Terroranschlag?

Mit diesem Ereignis beginnt der Samstag, den Ian McEwan in seinem Roman Saturday erzählt. Ein Tag des wohlsituierten Bürgers Perowne, der für ihn und seine Familie einen tiefen Einschnitt bringen wird. Als analytisch denkender Chirurg, der täglich nach straff organisiertem OP-Plan ein Dutzend Schädeldecken öffnet um Gehirne zu operieren, ist Perowne ein Materialist und überzeugt davon, „daß das Bewußtsein von bloßer Materie, vom Hirn, geschaffen wird.“ Trotz unbekannter Faktoren sei das Leben auf diese Weise berechenbar.

Am Vormitag hat er auf der Fahrt zum Squash eine Auseinandersetzung mit Kleinkriminellen, denen er versehentlich den Rückspiegel demoliert. Es kommt zum handfesten Streit, bei dem der Arzt mit einem blauen Auge davonzukommen glaubt. Aber noch am selben Tag werden diese Leute in seiner Wohnung stehen.

Der Flugzeugabsturz an jenem Morgen führt ihm plötzlich vor Augen, welcherart völlig unberechenbare äußere Faktoren plötzlich auch sein Leben verändern können. Da lauern Gefahren von außen, welche die die innere Sicherheit bedrohen. So schleicht sich Angst ein, in die Sicherheit des Neurochirurgen. Allerdings wird ihm diese Angst erst völlig bewusst, als er selbst erleben muss, wie unerwartet auch sein Leben und das seiner Familie bedroht und einer unberechenbaren Gefahr ausgesetzt sein kann. Im eigenen Wohnzimmer stehen die Männer, die sein Leben und das seiner Familie bedrohen. Da lässt sich keine Berechnung mehr anstellen. Da versagt die naturwissenschaftliche Erkenntnis. Wie beim Experiment mit Schrödingers Katze präsentiert sich das Ergebnis erst nach Verlauf der Handlung. Das Resultat steht bereits fest, kann aber erst nach seiner Enthüllung gesehen werden. Dabei geht es um Leben und Tod. Im Experiment von Erwin Schrödinger stellt sich die Frage, ob die in einer verschlossenen Kiste befindliche Katze, von der Übertragung einer quantenmechanischen Wellenfunktion auf einen Hammer getötet wurde, oder ob sie noch lebt. Nach Schrödingers Theorie besteht vor dem Öffnen der Kiste eine hypothetische Wahrscheinlichkeit von 50 zu 50. Aber die Wirklichkeit – tot oder lebendig – kann erst nach dem Öffnen der Kiste beobachtet werden. Genauso lässt sich aber für die gefährliche Situation der Perownes sagen, dass niemand den Ausgang der Situation vorher sagen kann. Währenddessen ist jede Konsequenz möglich. Hier kollabiert der Kalkül. Was aber ist dann die Wirklichkeit? Diese Frage hatte sich Perowne selbst gestellt, als er nach dem Flugzeugabsturz überlegte, was an Bord dieser Maschine wohl geschehen war. Da betraf es allerdings noch eine Wirklichkeit, deren Beobachtung ihm lediglich nicht zugänglich war. Es hatte ihn nicht selbst betroffen. Beim Grübeln darüber war ihm der Gedanke an Schrödingers Katze gekommen. (S. 29)

McEwan stellt mit seinem Roman die Fragen, die an das Katzenexperiment anknüpfen. Dabei verwebt er die philosophische Ebene mit den aktuellen weltpolitischen Problemen. Der Samstag ist aufgeladen mit der großen Demonstration gegen den bevorstehenden Irak-Krieg. Diesen Samstag hatte es wirklich gegeben im Februar 2003. Der Roman ist aber keineswegs ein philosophisches Traktat. Im Gegenteil: Betont banal erzählt McEwan von einer bürgerlichen Familie im London unserer Tage. Der Alltag entrollt sich entlang von Arbeit, Einkäufen, Essenvorbereitungen und Nachrichtenschauen. Samstags geht der Arzt zum Squash. Die Kinder werden erwachsen und lösen sich langsam von der Nähe der Eltern. Wie beiläufig erzählt McEwan diesen alltäglichen Samstag, auch die unerwarteten Begebenheiten führt er unaufgeregt ein. So überrascht die Konsequenz der Geschehnisse noch während des Lesens. Es entsteht ein Spannungsbogen, der über die Unruhe und Ungewissheit des Arztes transportiert wird. Wobei aber die Ursachen für diese Unruhe unklar bleiben, bis Perowne sich ihrer langsam bewusst wird. Denn die Erlebnisse dieses Tages erschüttern zunehmend seine selbstzufriedene Sicherheit.

McEwan zeigt mit seinem Roman die Distanz, die sich zwischen dem privaten Leben und der öffentlichen Weltlage gern einschleicht. Leider ist die Konstruktion der Handlung zu plastisch, um Spielräume zu lassen. Mangelnde Subtilität des Romans verhindert das Spiel der eigenen Phantasie. Auch die resümierenden Gedanken Perownes sprechen immer aus, was sie meinen. Damit erzeugt McEwan zwar die Alltäglichkeit seines Erzählten, sein Erzählen selbst allerdings verliert dabei etwas. Die sprachlichen Stärken McEwans liegen in der Beschreibung dynamischer Szenen, wie beispielsweise ein Gitarrenriff des Sohns oder die vitale Präsenz des Squash-Spiels.

Saturday gibt ein treffendes Bild vom Alltag westlicher Lebensweise zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Probleme der politischen Weltlage und ihr dennoch getrenntes Verhältnis zu privaten Lebensformen. Wie lebten Bürger zu Anfang des 21. Jahrhunderts? Die Frage wird einmal anhand des Buches rekonstruiert werden können. Was waren ihre alltäglichen Handlungen, ihre Sorgen, ihre Gespräche? Die beiläufige Erzählweise vermittelt gute Beobachtungen unseres Lebens. So wird der Roman zur „psychologischen Fotografie des Jahres 2003“.

Dass der Zeitpunkt des Erscheinens des Buches (2005) mit den Anschlägen in London zusammentreffen würde, hatte vorher allerdings niemand wissen können.

McEwan, Ian: Saturday (übers. v. Bernhard Robben; Originaltitel: Saturday, London 2005). Zürich: Diogenes Verlag 2005.

ISBN 3-257-86124-9

Erwin Schrödinger (1887 – 1961) – Physiker

„Man kann auch ganz burleske Fälle konstruieren. Eine Katze wird in eine Stahlkammer gesperrt, zusammen mit folgender Höllenmaschine (die man gegen den direkten Zugriff der Katze sichern muß): in einem Geigerschen Zählrohr befindet sich eine winzige Menge radioaktiver Substanz, so wenig, daß im Laufe einer Stunde vielleicht eines von den Atomen zerfällt, ebenso wahrscheinlich aber auch keines; geschieht es, so spricht das Zählrohr an und betätigt über ein Relais ein Hämmerchen, das ein Kölbchen mit Blausäure zertrümmert. Hat man dieses ganze System eine Stunde lang sich selbst überlassen, so wird man sich sagen, daß die Katze noch lebt, wenn inzwischen kein Atom zerfallen ist. Der erste Atomzerfall würde sie vergiftet haben. Die Psi-Funktion des ganzen Systems würde das so zum Ausdruck bringen, daß in ihr die lebende und die tote Katze (s. v. v.) zu gleichen Teilen gemischt oder verschmiert sind. Das Typische an solchen Fällen ist, daß eine ursprünglich auf den Atombereich beschränkte Unbestimmtheit sich in grobsinnliche Unbestimmtheit umsetzt, die sich dann durch direkte Beobachtung entscheiden läßt. Das hindert uns, in so naiver Weise ein „verwaschenes Modell“ als Abbild der Wirklichkeit gelten zu lassen…“ Erwin Schrödinger: Gesammelte Abhandlungen. Hrsg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Wien 1984

So McEwan selbst in einem Interview. „Wir brauchen keine Götter. Interview: Die Wärme des Materialismus: Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Ian McEwan über seinen Roman ‚Saturday’“.SZ v. 07.10.2005. Nr. 231

Drei Gewehrschüsse aus Kolumbien: Die kolumbianischen Schriftsteller Fernando Vallejo, Santiago Gamboa und Memo Ánjel zeichnen ein neues Bild ihrer Heimat

Besprochen von Camilo Jímenez

Die Herkunft.

„Der Roman wurde Antioquia als Gattung versagt. Viel zu viele waren wir, um in Fiktionen zu schwelgen. Außerdem stand unsere Realität immer im harten Licht der Mittagssonne, die jede Art von Atmosphäre ausschloss. Das Rot war rot und das Weiß weiß und basta. Was für eine Atmosphäre kann es geben, wo es dunkel wird und wie aus Strömen gießt in der unermesslichen Ewigkeit um sechs Uhr abends? Ohne Winter, ohne Herbst, ohne Sommer, ohne Zyklone, ohne Brandung, in einer Vorhölle von abgewaschenen Bergen, wo der anmutige Krummsäbel eine einfache Machete ist… Natürlich kann es in Antioquia keinen Roman geben!“[*] Dies scheint offenbar für ganz Kolumbien zu gelten.

Dabei hat der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez für die Schilderung der fiktiven Stadt Macondo den Nobelpreis erhalten. Alvaro Mutis, ebenfalls Kolumbianer, erhielt 1993 den Cervantespreis. Der Roman La tejedora de coronas von Germán Espinoza wurde sogar in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. Und Fernando Vallejo bekam erst 2003 den venezolanischen Literaturpreis Rómulo Gallegos. aus Venezuela. Doch erst seit kurzem wird die Literatur Kolumbiens in Deutschland zur Kenntnis genommen. Suhrkamp, Klaus Wagenbach und Rotpunkt, also ein Frankfurter, ein Berliner und ein Schweizer Verlag, wagten das Experiment. In den vergangenen zwei Jahren sind Bücher der Autoren Fernando Vallejo, Santiago Gamboa und Memo Ánjel auf Deutsch erschienen.

Man darf sich fragen, was der Grund dafür ist, dass in einem Land, das angeblich nicht literaturwürdig ist, die Belletristik gerade jetzt einen positiven Schub erlebt. Die Antwort: Kolumbien ist eine noch nicht geschriebene Geschichte. Kolumbien steckt voller Geschichten, als Hort korrupter Politiker, blutdurstiger Mafiosi oder Gossenkinder, die sich als Boxer, Radfahrer oder Fußballer aus dem Elend hocharbeiten. Kinderbanditen, jugendliche Klebstoffschnüffler, verhungernde Familien unter durchgeweichten Kartondächern prägen das Bild, das man sich hierzulande von dem Land macht. Kolumbien ist als ehemalige Kolonie Spaniens eine zwischen Indígenas und den Nachfahren unzähliger Zuwanderer aus aller Welt bunt zusammengewürfelte Gesellschaft.

Die Autoren

Fernando Vallejo, Santiago Gamboa und Memo Ánjel erobern nun die deutsche Leserschaft. Der 1942 geborene Fernando Vallejo verließ seine Heimat. Seine kritischen Filme wurden zensiert, er selbst von Guerillas bedroht. Er lebt heute in Mexiko City. Der studierte Biologe beschäftigt sich mit Sprachtheorie, spielt auf seinem Steinway-Flügel. Die Filmemacherei hat er eingestellt, seit einiger Zeit schreibt er Romane.

Er ist bekannt als militanter Tierfreund, bekennender Homosexueller und Frauenfeind, aber auch als höchst sympathischer und warmherziger Mensch, der wie die Leute aus dem Hügelgebiet Antioquias spricht und denkt.

2001 veröffentliche er den Roman El desbarrancadero (Der Abgrund), der sofort riesigen Erfolg hatte. Vallejo erhielt 2003 den mit 100 000 Dollar dotierten Premio Rómulo Gallegos, die er für die Pflege der Straßenhunde von Caracas spendete, was in seiner Heimat für einen Skandal sorgte.

Der ehemalige Journalist und studierte Literaturwissenschaftler Santiago Gamboa wohnt in Rom, von Natur aus ein Literat , ein mit seiner Heimatstadt Bogota zutiefst verbundener Weltreisender, ein Schriftstellerfreund und Autorenförderer, selbst ein Talent, das dieses Jahr zu einer Lesetour durch Deutschland eingeladen wurde und dabei mit seinen heiteren Geschichten seinen Anhängern großes Vergnügen bereitete.

2002 erschien sein dritter Roman, eine Kriminalkömodie mit hohem Niveau, intelligente Unterhaltung für Krimifans und Freunde gut geschriebener Prosa mit Humor: Los impostores (Die Blender). Gamboa war nach China geschickt worden, um einen Reiseführer zu schreiben. Die Arbeit brachte ihn auf die Idee für seinen Roman: Drei Männer begeben sich auf die Suche nach einer Urkunde des 19. Jahrhunderts. Sie finden in der Riesenstadt Peking aber nichts weiter als sich selbst und einen Haufen subtiler Späße für Gelehrte. Die kolumbianischen Leser nahmen die weltbürgerliche und anspruchsvolle Geschichte von sophistischen Loser begeistert auf. Das Buch war der Renner der letzten Buchmesse in Bogotá.

Memo Ánjel wohnt zurzeit in Berlin, ein Sepharde aus Medellín, der Hauptstadt der bereits erwähnten Region Antioquia, ein leidenschaftlicher Raucher mit spanischem Akzent, ein vielseitiger Autor für Zeitungen und das Radio, außerdem Professor für Kommunikationsmanagement in seiner Heimatstadt und DAAD-Stipendiat im Berliner Friedenau.

Der Autor von bislang acht Romanen ist der geborener Erzähler, der von der Kritik gefeert wird. Unter dem humboldtschen Motto: „Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache” stellte er in Berlin seinen neuesten, auf spanisch noch nicht erschienenen Roman La mesa de los judíos (Das meschuggene Jahr), im Deutschen Historischen Museum vor. Die Veranstaltung mit seinem Übersetzer, dem Kolumbienkenner Peter Schulze-Kraft, war ein voller Erfolg. Ánjel gewann mit Sympathie und Klugheit Publikum und Rezensenten in Deutschland und in der Schweiz.

Die Werke

Der Abgrund

Svenja Beckers Übersetzung des anspruchvollen Roman Der Abgrund (Suhrkamp) ist rundum gelungen. Dabei ist der hochstilistische Vallejo für jeden Übersetzer eine harte Nuss. Das sah man beim Scheitern des Wiener Zsolnay Verlags mit Klaus Laabs liebloser Übersetzung von Vallejos meist verkauftem Werk, La Virgen de los Sicarios (Die Madonna der Mörder, Wien 2001; 1993 orig. ersch.). Svenja Becker zeigt dagegen Sorgfalt bei der Verwandlung der künstlerisch verschlüsselten Sprachformen Vallejos ins Deutsche. Sie bezeichnet Vallejo vor allem als „Sprachfreak“.

Der Autor hat sich skeptisch zu Übersetzungen seiner Werke geäußert. Er schreibe für die spanische Sprache. Svenja Becker hat sich nicht abschrecken lassen und eine deutsche Übertragung vorgelegt, deren einziger Mangel ist, dass die Leichtigkeit des Originals an manchen Stellen verloren geht.

Die iberoamerikanische Jury des Rómulo Gallegos-Preises in Caracas lobte den Abgrund: „Wir stehen vor einem tiefst literarischen und bewegenden Roman, der Themen von dramatischer Aktualität durch eine unerhörte Kraft der Sprache zu reflektieren vermag.“ Die Schilderung der täglichen Gewalt, der Familienkrise und Krankheit, so die Jury, schafften eine Erneuerung der spanischsprachigen Literatur.

Vallejo mischt in seinem Roman Realität und Fiktion. Der Autor schildert die Aids-Krankheit, das Leiden und den Tod seines Bruders Darío. In Medellín, in den achtziger und neunziger Jahren Ort brutaler Auseinandersetzungen rivalisierender Drogenkartelle, spielt sich die absurde Inszenierung einer zerbrechenden Familie ab. Vallejo beschreibt den Todesweg eines geliebten Menschen. Der Ich-Erzähler schützt sich mit zynischen Sprüchen über Politiker, Kolumbien, Gott und die Welt. Sein Motto lautet: Die Existenz ist ein Müllsack von Erinnerungen.

Die Blender

Die Übersetzerin Stefanie Gerhold ist mit Santiago Gamboa vertraut. Die 1999 mit dem Preis der spanischen Botschaft für junge Übersetzer ausgezeichnete Münchenerin hat bereits Werke des spanischen Krimiautors Manuel Vázquez Montalbán sowie drei Romane von Gamboa übertragen und arbeitet im Moment am Neuprojekt des 2004 in Bogotá erschienenen El retrato de Ulises, Gamboas letztem Buch.

Gamboa bedient sich des Genres Krimi, um seine aberwitzige Geschichte voll subtiler Ironie voranzutreiben. Die Herausforderung an die Übersetzung liegen in den Details und den kleinen Wortspielen. Obwohl man die deutsche Version, genauso wie die spanische, schnell und gut gespannt liest, bleibt der im Original unmittelbar wirkende Witz mitunter auf der Strecke.

Die Story ist eine Verkettung von Absurditäten. Drei Männer suchen das verschollene Manuskript einer Sekte aus dem Umkreis des Boxer-Aufstands um 1900 in China. Sie treffen in Peking aufeinander und fangen an, gegeneinander zu intrigieren. Indessen ist ihnen die Boxer-Sekte bereits auf der Spur. Die unzähligen Abenteuer enden in einer doppelten Verfolgungsjagd: Die Blender sind hinter dem Manuskript her, und die Anhänger der Sekte jagen die Blender.

Das meschuggene Jahr

Memo Ánjel betraute auf eigenen Wunsch den Kolumbien-Literaturexperten Peter Schultze-Kraft und den bekannten Schriftsteller Erich Hackel aus Österreich mit der Übersetzung des noch nicht einmal auf Spanisch erschienenen neuesten Romans. Die Übersetzung ist hervorragend. Der leichte Humor und die Kraft mancher Stellen zeigen die Feinsinnigkeit des Übertragungsteams. Ein ausführliches Glossar der verwendeten jüdischen Begriffe ergänzt die prachtvolle Edition des Schweizer Rotpunktverlags. Kolumbien, das unbelesene Land, verbleibt zwar uninformiert über Ánjel, im deutschsprachigen Raum aber können Leser und Kritiker sich freuen. Memo Ánjel verspricht übrigens im Klappentext eine Fortsetzung.

Im Herzen der kolumbianischen Kaffeeregion prophezeit eine jüdische Großfamilie in den fünfziger Jahren den Auftakt des „meschuggenen Jahres“, der Zeit, in der sie sich endlich den Traum erfüllen können, das auserwählte Land Israel zu besuchen. Der Autor schildert aus der Sicht eines 13-jährigen eigene Erlebnisse. In Das meschuggene Jahr weiß man nicht, ob das Medellín im Roman in der Tat die Gewaltmetropole der letzten Jahrzehnte ist oder ob es sich um eine Fantasie Ánjels handelt. Aber abgesehen davonist das Werk außergewöhnlich innerhalb der Literatur Kolumbiens, wo Autoren, der márquezschen Legenden müde, sich fast zwanghaft der realistischen Schilderung der tagtägliche Gewalt verschrieben haben. „Ich schreibe ganz bewusst nicht über Gewalt“, sagt ein stets lächelnder Memo Ánjel auf die Frage nach dem Fehlen von Killern oder von den Liebesgeschichten zwischen toten Kaimanen, toten Flussfahrten und was das márquezsche Genre noch zu bieten hat.

Bibliografische Angaben:

Vallejo, Fernando: Der Abgrund (übers. v. Svenja Becker). Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004. ISBN: 3-5184-1655-3. 19,80 Euro. Gebunden. 192 Seiten.

Gamboa, Santiago: Die Blender (übers. v. Stefanie Gerhold). Berlin: Klaus Wagenbach 2004. ISBN: 3-8031-3195-2. 21,10 Euro. Gebunden. 320 Seiten.

Ánjel, Memo: Das meschuggene Jahr(übers. v. Erich Hackl u. Peter Schultze-Kraft). Zürich: Rotpunktverlag 2005. ISBN: 3-8586-9290-5. 19,50 Euro. Gebunden. 194 Seiten.

VALLEJO, Fernando, Los días azules. Madrid: Santillana 1985. S. 118

Do-It-Yourself-Therapie: Leon de Winters Roman Place de la Bastille lässt ein ausgewogenes Figurenarsenal vermissen

Besprochenvon Heike Anna Hierlwimmer

  • WINTER, Léon de: Place de la Bastille. Diogenes Verlag, Zürich 2005. ISBN 3-257-06496-9.

Paul de Wit ist Geschichtslehrer und wohnt mit seiner Frau Mieke und den Töchtern Hanna und Mirjam in Amsterdam. Neben dem Beruf arbeitet er seit Jahren an einem Buch über die gescheiterte Flucht Ludwigs XVI. nach Varennes während der französischen Revolution. Als Historiker stellt er darin die These auf, dass die Geschichte nicht von Zwangsläufigkeiten, sondern von Zufällen bestimmt wird. Im Laufe der Romanhandlung wird jedoch immer deutlicher, dass ihn diese Überzeugung vor allem als Privatperson beschäftigt. Denn in Form des Holocaust hat die Weltgeschichte in sein Leben besonders brutal eingegriffen.

Paul de Wit erzählt seine Geschichte dem Leser nicht chronologisch: „Gehen wir also in der Zeit zurück.“ Dabei pflegt er, der professionelle Historiker, alles im Leben in Perioden einzuteilen, die Geschichte in Ausschnitten darzustellen und dann zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Paul de Wit ist als Kind jüdischer Eltern, die nach Auschwitz deportiert wurden, im Waisenhaus aufgewachsen. Seine Nachforschungen haben ergeben, daß er einen Zwillingsbruder hatte, von dem aber jede Spur fehlt. Seine manische Suche nach diesem endet, wie zu erwarten, ergebnislos. Weder findet er seinen Bruder, noch erfährt er definitiv von dessen Tod. Während der Suche nach seinem Bruder und den Recherchen zu seinem Buch beginnt er in Frankreich eine Affäre mit Pauline. Die seelen- und namensverwandte Jüdin befasst sich ebenso intensiv mit der Vergangenheit wie er. Diese Begegnung führt letztendlich zum Bruch mit seinem gesamten bisherigen Leben.

Wie schon in einigen früheren Romanen, zum Beispiel in Leo Kaplan, verleiht de Winter seinem Protagonisten autobiographische Züge. Die Männer sind Mitte der Fünfzigerjahre geboren, arbeiten als Schriftsteller und Geisteswissenschaftler, haben einen jüdischen Hintergrund und beschäftigen daher intensiv mit den Themen Holocaust, Judentum und Religion im Allgemeinen. Wie in anderen Romanen gibt es die scheinbar perfekte bürgerliche Existenz und die zunächst glückliche, dann aber unerträgliche Ehe mit einer starken (katholischen) Frau, die der Protagonist für eine Affäre mit einer faszinierenden Jüdin aufgibt.

De Winters wiederkehrendes Thema ist die Verstrickung von „großer“ und „kleiner“ Geschichte, von Holocaust und Einzelschicksal. Dass sich hinter weltpolitischen Ereignissen private Biographien verbergen, ist zwar noch keine revolutionäre Erkenntnis. Interessanter ist aber de Winters weiterführende These: Jeder Mensch braucht Geschichte, nämlich seine Geschichte – egal, ob sie nun aus Zufällen besteht oder aus Kausalverkettungen. Eine intakte Persönlichkeit kommt ohne Vergangenheit und Herkunft, ohne Erinnerungen und Bezugspunkte nicht aus.

Leon de Winter macht es dem Leser wunderbar leicht, in die Gedanken- und Gefühlswelt seines Protagonisten einzutauchen. Das Innenleben aller anderen Figuren bleibt dagegen vergleichsweise blass. Manchmal gerät Pauls Nabelschau zum mehr oder weniger selbstmitleidigen Egotrip. So wird seine Affäre mit Pauline zur stereotypen Männerphantasie: Die schöne, blutjunge Französin führt ihn aus der Midlife-Crisis zurück zu Leidenschaft, Selbstfindung und wahrer Liebe, während Ehefrau Mieke als nahezu unbegrenzt verständnisvolle Ex-Gefährtin zurückbleibt.

Place de la Bastille wirkt wie die Mitschrift einer Do-it-yourself Traumatherapie. Ganz sicher ist es ein faszinierendes Buch für jeden, der sich auf de Winters Gedankenspiele zum Thema Geschichte, Familie und Identität einläßt. Ein thematisch breit angelegter Roman mit einem ausbalancierten Figurenarsenal ist es allerdings nicht.

 

Über „Sintemalen“ von Elisabeth Altenweger

Besprochenvon Claudia Wiedelmann

  • ALTENWEGER, Elisabeth: Sintemalen. Roman. Trafo-Verlag, Berlin 2006. (Edition Obst & Ohlerich). ISBN 3-89626-569-5.

Auf den ersten Blick scheint es ein einfach gestricktes Buch zu sein: Eine Frau zieht mit ihrer Familie in einen neuen Ort und begegnet dort ihrer Vergangenheit. Susanna steht mitten im Leben. Sie ist glücklich liiert und hat mit ihrem Lebensgefährten zusammen zwei Töchter. Sie beschließt, mit der Familie von der Stadt aufs Land in ein Eigenheim zu ziehen. Doch die kleinen, banalen Ereignisse, die Susanna dort widerfahren, werden zunehmend bedrohlich. Zunächst ist da ein aufdringlicher Gemeindepfarrer, der der neuen Nachbarin Avancen macht. Als dann auch noch ehemalige Mitglieder des so genannten „Brüdervereins“, eine sektenähnliche Gemeinschaft, in der Susanna aufgewachsen ist, in dem Dorf ein neues Zentrum gründen, wird Susanna erneut in den Bann der radikalen Glaubensgemeinschaft gezogen.
Der Erzähler der Geschichte ist ganz nah dran an Susanna. Das Buch „Sintemalen“ ist zwar in der dritten Person geschrieben, doch der Leser bekommt nur die Gefühle und Gedanken von Susanna mitgeteilt. Es ist fast so, als sei der Leser ein Teil von Susanna. Er sieht die Welt nur durch ihre Augen, rechtfertigt Ereignisse nur mit ihren Argumenten. Damit gelingt es Elisabeth Altenweger, dem Leser begreiflich zu machen, welchen Versuchungen Susanna ausgesetzt ist. Mit jedem Tag muss sich Susanna stärker mit sich und ihrer Einstellung zu ihrer Vergangenheit und ihrem Glauben auseinandersetzen. Der Leser nimmt teil an ihrer Verwirrung und ihrer Verzweiflung. „Sintemalen“ ist ein einfühlsamer Roman, der die sogähnliche Wirkung von religiösem Fanatismus schildert, ein brandaktueller Beitrag zur aktuellen Debatte um Fundamentalismus.

Bestellen!