Klepzig, Sascha: Schöne Worte für das Klima. Merkel auf der Konferenz für Nachhaltigkeit in Berlin, 24.11.06

Während die Klimakonferenz in Nairobi weltweit Beachtung findet, bekam die am 26. September in Berlin stattfindende Konferenz zum Thema Nachhaltigkeit trotz Anwesenheit der deutschen Bundeskanzlerin wenig Echo. Die Jahreskonferenz des Rates für nachhaltige Entwicklung fand weitaus weniger Beachtung als die Islamkonferenz einen Tag später, was im damals durch die Opernabsetzung aus Terror-Angst aufgeheizten Klima nicht verwundert.

Unter den Zuhörern in der Kongresshalle am Alexanderplatz saßen Vertreter der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, darunter viele Repräsentanten von Vereinen und Initiativen. Eingeladen hatte unter dem Motto „Die Kunst, das Morgen zu denken“ zum mittlerweile sechsten Mal der Rat für Nachhaltige Entwicklung, der im Jahr 2001 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder ins Leben gerufen wurde. Neben einer Fotoausstellung, einer Modenschau und der Siegerehrung zu einem Jugendwettbewerb bestand das Hauptprogramm aus der Forenarbeit am Nachmittag (zu Themen wie Energie, demografischer Wandel, Medien oder soziale Sicherung) und den Redebeiträgen am Vormittag.

Den Anfang machte BUND-Vorsitzende und Ratsmitglied Angelika Zahrnt, die auf die Rolle von Kunst, Kultur und Bildung in der Nachhaltigkeitsdebatte hinwies. Sie forderte die Regierung wie später auch der Ratsvorsitzende Volker Hauff auf, die EU-Ratspräsidentschaft 2007 zu einer „Nachhaltigkeitsoffensive“ zu nutzen. Die Wichtigkeit des Dialogs mit der Wirtschaft unterstrich Zahrnt mit der Zauberformel CSR, auf Deutsch: „Corporate Social Responsibility“. Im Zuge der Globalisierung wachse nicht nur der Einfluss, sondern auch die Verantwortung von Unternehmen, die das Soziale und Ökologische nicht mehr nur dem Staat überlassen dürfen.

Als nächster Redner eingeladen war der Vorstandsvorsitzende der Münchener Rück, Nikolaus von Bomhard. Als Versicherer beschäftigt er sich selbstverständlich mit der Zukunft, und könnte mit dem Statistik-Material seines Unternehmens sicherlich einiges zur globalen Risiko-Vorsorge beitragen. Bomhard blieb allerdings recht allgemein und redete von steigenden Schäden aus Naturkatastrophen, die ihn schon lange beschäftigen. Dass er die gesellschaftliche Entwicklung als verantwortlich für den Klimawandel ausmachte, war dann keine große Erkenntnis für die Teilnehmer dieser Veranstaltung zur Nachhaltigkeit. In Bomhards Rede kam dann auch noch das aktuelle Top-Thema Terrorismus zur Sprache, im Versicherungs-Jargon „das einzige vom Menschen bewusst herbeigeführte Risiko“. Da Terror-Schäden nur begrenzt versicherbar sind, sei hier auch der Staat gefordert, z.B. im Rahmen der bereits existierenden Opfer-Fonds. Positiv festzustellen ist, dass Bomhard als Vertreter der Wirtschaft nicht nur den Begriff Nachhaltigkeit kennt, sondern auch vor seiner effekthaschenden, inflationären Verwendung warnte, indem er zum Abschluss nicht ganz ernst gemeint eine Art „TÜV“ dafür anregte.

Schließlich war es dann am Vorsitzenden des Rates, Volker Hauff, die Bundeskanzlerin zu begrüßen, und mit den Worten „Nachhaltigkeit = Chefsache“ klar zu machen, was er von ihrer Rede und vor allem ihrer Politik erwartete, nämlich nichts weniger als Kontinuität, Innovation und Engagement.

Angela Merkel hatte, so schien es, ihre Hausaufgaben gemacht. Sie wusste, was dem Publikum auf den Nägeln brannte. In einem allgemeinen, etwas improvisiert wirkenden Vorgeplänkel über den „Verbrauch der Zukunft in der Gegenwart“ zeigte sie, dass sie den Leitsatz der Nachhaltigkeitspolitik verstanden hatte. Es gehe darum, an die kommenden Generationen zu denken und ihnen nicht alle aktuellen Probleme aufzubürden. Nachhaltige Entwicklung heißt also, unseren Kindern eine Welt zu hinterlassen, in der Ökologie, Wirtschaft und Soziales noch im Einklang sind.

Mit den Stichworten „Gerechtigkeitsempfinden“ und „Demut“ stellte sie sich auf die Seite derjenigen, die ihr zunächst eher skeptisch zuhörten. Später nahm sie eventuellen Kritikern dann allen Wind aus den Segeln, indem sie damit kokettierte, sich wohl bewusst zu sein, manchmal unpopuläre Entscheidungen zu treffen. So erwarte sie gerade von den Anwesenden keine Jubel-Arien, sondern Hinweise und Kritik. Sie brauche den Nachhaltigkeitsrat als Mahner und Antreiber. Wie gefordert, will sie die EU-Ratspräsidentschaft und auch den G8-Vorsitz im nächsten Jahr dazu nutzen, Nachhaltigkeitsthemen auf die Tagesordnung zu setzen. Vor allem der Klimaschutz und die Energiepolitik sollen noch einmal angegangen werden. Für Beifall und mehr Medienresonanz sorgen sollte das bekundete Vorhaben, endlich auch die Amerikaner mit ins CO2-Programm zu holen. Selbst die Asiaten, so berichtete Merkel von ihren Dienstreisen, seien mittlerweile risikobewusster und handlungsbereiter als früher, wenn es um den Abbau von Treibhausgas-Emissionen geht.

Schließlich wurden noch ein lose Reihe weiterer Projekte der Bundesregierung, angesprochen, die weitgehend mit dem Thema Nachhaltigkeit zu tun haben. Die Kanzlerin prangerte die schlechte Balance zwischen Zinsausgaben für alte Schulden und Ausgaben für die Zukunft an, und lag mit vielen Zuhörern auf einer Wellenlänge. Als an diesem Tag sicher weniger kontroverse Maßnahme zur Haushaltssanierung brachte sie das Sparen bei der Beamtenbesoldung ins Spiel.

Weiterhin redete Merkel von neuen Strategien der Regierung zur Stärkung der Exportweltmeister-Position, die sogar noch 1,5 Millionen neue Arbeitsplätze vor allem im High-Tech-Bereich schaffen sollen. Weiterhin ging es um den schonenden vernünftigen Umgang mit Ressourcen, in Deutschland und in den Entwicklungsländern, für die es auf einen verstärkten Schutz ihres Eigentums und weniger Ausbeutung durch die Industrieländer hinauslaufen soll. Global wird auch gedacht, wenn es um gemeinsame internationale Kriterien in allen Bereichen geht, z.B. beim Schutz von geistigem Eigentum, einer der mittlerweile wichtigsten Ressourcen des Westens. Weltweit soll der Verlust an biologischer Vielfalt bis 2010 verringert werden, ein dringendes Programm, dessen Handlungsgrund durch die doppelte Negation fast verharmlost wird. Die Umwelt soll auch zuhause geschützt werden, so soll, auch in Zusammenhang mit dem Stichwort Artenschutz, der neue Flächenverbrauch hierzulande reduziert werden, was angesichts der demographischen Entwicklung mehr als sinnvoll erscheint.

Schließlich betonte Merkel die Wichtigkeit des „lebenslangen Lernens“, und die Notwendigkeit, das generationsübergreifende Denken vor allem der zukünftigen Rentner-Generation zu vermitteln, damit alle noch folgenden Maßnahmen auch nachhaltig funktionieren könnten.

Dies war durchaus im Sinne von Volker Hauff. Der Ratspräsident erklärte, mit Zustimmung, Hoffnung und Nachdenklichkeit die Rede der Kanzlerin zur Kenntnis genommen zu haben. Bei allen Schwierigkeiten wolle er jedoch nicht nur an die Politik appellieren, sondern genauso an Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Nur wenn alle Akteure zusammen arbeiten und die Bedeutung der nachhaltigen Entwicklung nicht aus den Augen verlieren, hätte sein Rat Erfolg und diese Veranstaltung einen Sinn.

Es bleibt abzuwarten, was aus den hehren Ansprüchen wird, nicht nur was die wirkungsvolle Umsetzung der Projekte angeht, sondern schon allein wenn es darum geht, das Thema Nachhaltigkeit ins Gedächtnis zurückzurufen und immer wieder auf die Tagesordnung zu bringen. Die großen Schlagzeilen werden zwar bis zum nächsten Kongress doch eher wieder der Terror oder so Wichtiges wie die Altbundeskanzler-Memoiren liefern, doch vielleicht schafft es auch zwischen Anschlägen und Schädel-Schändungen immer mal wieder eine kleinere Nachhaltigkeitsgeschichte, wie z.B. die gerade aufkeimende Debatte um das Garantierte Grundeinkommen.

Eine Frage der Wortwahl. Tilmann Spohn im Interview mit Camilo Jiménez, 20.10.06

Spohn ist Direktor des Instituts für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Der renommierte Akademiker spricht über die Entscheidung der Internationalen Astronomen-Union (IAU), Pluto nicht mehr als Planeten zu bezeichnen.

Professor Spohn, was haben Merkur, Venus, die Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun, was Pluto nicht hat?

Sie haben in der Tat viel gemeinsam. Erstens sind sie keine Sterne. Das bedeutet, sie sind relativ kleine Körper, in denen keine Kernreaktion stattfindet wie in den Sternen und sie deshalb kein Licht aussenden. Es sind außerdem Körper, die über relativ wenig Masse verfügen. Erst wenn sie die fünfzehnfache Masse des Jupiter hätten, wären sie keine Planeten mehr. Planeten von Sternen zu unterscheiden, oder anders gesagt, eine Unterscheidung von groß und klein, wäre relativ einfach. Auf der anderen Seite ist eine Unterscheidung von klein nach groß ziemlich schwierig. So gab es von Anfang an Schwierigkeiten, Pluto einzuordnen. Die kleinsten Objekte im Sonnensystem heißen Kleinplaneten, wie beispielsweise die Asteroiden. Hier fangen die Schwierigkeiten an. Wir haben Probleme damit, Planeten von Asteroiden zu unterscheiden. Im Fall von Pluto ist dies genau das Dilemma: im Unterschied zu allen anderen acht Planeten des Sonnensystems sind die Astronomen hier nie sicher gewesen, ob es sich um einen Planeten oder Asteroiden handelt.

Aber nach der neuen Definition ist Pluto kein Planet…

Was man getan hat, ist, verschiedene Bedingungen aufzustellen, die erfüllt sein müssen, um als Planet klassifiziert zu werden. Es sind zwei: Der Himmelskörper muss so groß sein, dass dadurch sein Inneres aufgeheizt wird, so dass der Kern schmilzt und dass er dadurch eine Kugelform erhält. Zweitens muss er in der Lage sein, die nähere Umgebung seiner Umlaufbahn von allen anderen Himmelskörpern zu säubern. Die letzte Bedingung erfüllt Pluto nicht, weil er selbst Teil des Kuiper-Gürtels ist. Die anderen acht Planeten erfüllen diese Bedingungen. Aus diesem Grund klassifiziert man Pluto als Zwergplaneten.

Wie haben Planetenforscher diese Nachricht aufgenommen?

Niemand wäre böse gewesen, wenn Pluto ein Planet geblieben wäre. Es handelt sich eigentlich um eine Frage der Wortwahl, nicht mehr. Die Frage, die sich den Astronomen in Prag stellte, war: Welche von den ganzen Himmelskörpern des Sonnensystems sind Planeten im klassischen Sinne und welche nicht? Für uns Astronomen ist eine Antwort auf diese Frage allerdings fast bedeutungslos, denn wir waren uns immer darüber im klaren, dass Pluto ein Himmelskörper ist, dessen Eigenschaften sich fundamental beispielsweise von den Gasriesen wie Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun unterscheiden, aber auch von den steinigen inneren Planeten Merkur, Venus, Erde und Mars. Dennoch ist die Astronomie jahrhundertelang problemlos vorangekommen.

Als was wurde denn bislang Pluto betrachtet?

Seit die Existenz Plutos bekannt ist – also seit siebzig Jahren – haben alle Forscher Pluto als Himmelskörper betrachtet, der um die Sonne kreist und Teil einer Unzahl gefrorenen kometenähnlichen Himmelskörpern zählt, die sich am Rande unseres Sonnensystems befinden und als Kuiper-Gürtel bekannt sind. Es war bekannt, dass der Kuiper-Gürtel viele plutoähnliche Objekte hat, sogar einer der Neptunmonde, Triton, war ursprünglich Teil des Kuiper-Gürtels. Den Astronomen war also klar, dass Pluto kein Planet im klassischen Sinne wie die anderen acht Planeten ist.

Könnte man also sagen, dass der neue Status des Pluto der Forschung gar nichts bringt?

Ob Pluto ein Planet ist oder nicht, ist eine müßige Frage. Die Physik beispielsweise, die uns dazu verhilft, das Funktionieren der Himmelskörper zu verstehen, bleibt dieselbe, ob Pluto nun Planet ist oder nicht. Ein wichtiger Unterschied ist dagegen, ob ein Körper um die Sonne oder um einen anderen Körper – einen Planeten oder Asteroiden – kreist. Der Status von Pluto ändert nichts an unseren Forschungen. Auf einer anderen Ebene ist die Prager Entscheidung sehr wichtig. Viele Leute haben jahrelang dafür plädiert, auch die anderen bislang entdeckten drei plutoähnlichen Himmelskörper als Planeten zu bezeichnen. Es handelt sich um den die Asteroiden Ceres, der im 19.Jahrhundert als Planet betrachtet wurde, und UB313 sowie um den Plutomond Charon. Sie zu Planeten zu machen hätte uns in große Schwierigkeiten gebracht, da man daraufhin Gründe finden würde, mehr und mehr Himmelskörper zu der Gruppe der planetarischen Körper zu zählen. Durch die Entscheidung der IAU in Prag ist diese Gefahr vermieden worden.

Dieses Interview ist zum ersten Mal in der kolumbianischen Tageszeitung EL PAÍS erschienen.