Historytainment und Biopics in der internationalen Forschung. Ein (in Englisch geführtes) Interview mit Anders Marklund

Am 22. Januar 2024 stellte Dr. Anders Marklund, Senior Lecturer in Film Studies at Lund University and Head of Studies for Creative Writing, Film Studies and Theatre Studies, an der Universität Hamburg in der Vorlesung zu gesellschaftlichen Herausforderungen im Dokumentarfilm von Prof. Dr. Thomas Weber seine Überlegungen zur Erforschung zur medialen Darstellung historischer Ereignisse vor.

Der durch als Mitgründer und Herausgeber des Journal of Scandinavian Cinema und als Organisator des Lübeck Film Studies Colloquium bekannt gewordene schwedische Film- und Fernsehexperte fokussiert sich in seiner Forschung auf sogenannte Biopics, worunter er alle Filmen und Fernsehserien versteht, die anhand der Biographie ihrer Protagonisten bekannte historische Geschehnisse darstellen. Dabei sind die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation fließend, da Dokumentationen kaum ohne Re-Enactement und auch aus dramaturgischen Gründen hinzugefügte fiktionale Teile auskommen, während Fiktionen sich mehr oder weniger eng an bekannten historischen Geschehnisse orientiere.

In einem Interview, geführt von Constantin Fredrik Link, Student der Medienwissenschaft an der Universität Hamburg, stellt Anders Marklund seine Überlegungen zu seinem Forschungsschwerpunkt ausführlicher dar.

Berichterstattung zu den Nordischen Filmtagen in Lübeck von Victor Nono

Wie im Interview mit Thomas Weber vom 15.01.2025 angekündigt, wurde zu den Nordischen Filmtagen im November 2025 in Lübeck eine Kooperation mit der HAW Kiel unter Federführung von Prof. Dr. Tobias Hochscherf und der Universität Hamburg (Prof. Dr. Thomas Weber) gestartet für eine Festivalberichterstattung durch Studierende der beiden Hochschulen. Die Studierenden waren dazu aufgefordert, in verschiedenen Kurz-Video-Formaten wie Interviews oder Reportagen über das Festival zu berichten. Eingerichtet wurde dazu ein Newsroom in der Innenstadt von Lübeck, in der die beteiligten Studierenden – die meisten ohne journalistische Vorerfahrung – zusammenkommen und ihre Beiträge gemeinsam bearbeiten und dann veröffentlichen.

Newsroom in Lübeck

Newsroom für die studentische Festivalberichterstattung in der Innenstadt von Lübeck, (c) Thomas Weber 2025

Unterstützt wird das Projekt von der Leitung der Nordischen Filmtage z.B. durch den Festivalleiter, Thomas Hailer, etwa durch die Organisation von Interviewterminen mit Schauspieler:innen oder Regisseur:innen sowie durch eine kostenfreie Akkreditierung als Journalist:innen, mit freiem Zugang zu den Filmen (soweit es freie Plätze gibt).

Entstanden ist ein breite Palette von Beiträgen, die über den YouTube-Kanal Campus TV der HAW Kiel zugänglich sind, hier einige Beispiel:

Queere Elternschaft in Zeiten politischer Unsicherheit – Ein Beitrag zu Fatherhood (2025) von Ronja Maack

Ronja Maack zum Film Fatherhood (NOR/ DE/ ISL 2025) von Even G. Benestad und August Baugstø Hanssen, der auf den Nordischen Filmtagen 2025 in Lübeck vorgestellt wurde. Zusätzlich zur Kritik gibt es noch eine Video-Kurz-Reportage mit einem kurzen Interview des Regisseurs.

Braucht es 2025, in einer vermeintlich progressiven Gesellschaft, noch Dokumentarfilme über nonkonforme Beziehungs- und Familienkonstellationen? Diese Frage stellen sich die beiden dänischen Regisseure Even G. Benestad und August Baugstø Hanssen zu Beginn der Dreharbeiten zu ihrem Film Fatherhood (2025), den sie bei den 67. Nordischen Filmtagen in Lübeck in der Sektion Dokumentarfilm präsentieren. Hanssen beschreibt die anfänglichen Zweifel rückblickend als Ausgangspunkt des Projekts, bis der Anschlag auf einen queeren Nachtclub in Oslo 2022 für sie deutlich machte, wie notwendig es sei, diese Geschichte zu erzählen.

Über mehr als ein Jahr hinweg begleiten die Regisseure Kris, David und Sindre, die seit mehreren Jahren in einer queeren polyamorösen Beziehung leben und nun ihr erstes gemeinsames Kind erwarten. Mit Kris als gebärendem Vater. Durch die elliptische Montage erhalten Zuschauende Einblicke in ihren Alltag während und nach der Schwangerschaft, in persönliche Höhe- und Tiefpunkte, Arztbesuche und Familientreffen ebenso wie in ihre gewohnte Umgebung, Ängste und Hoffnungen. Ein Wechselspiel aus tagebuchartigen Selbstaufnahmen, Handyvideos aus privaten Alltagssituationen, beobachtenden Momentaufnahmen, interaktiven Szenen zwischen Protagonisten und Kamerateam, Interviews mit Familienmitgliedern und atmosphärischen Bildern des Wohnortes formt dabei ein intimes und emotionsgeladenes Portrait dieser Familie. Vor diesem Hintergrund eröffnet Fatherhood eine Auseinandersetzung mit Trans-Identität und queerer Elternschaft, moderiert durch Kris‘ Lebensgeschichte. Performative Szenen, die seine unfreiwillige medizinische Geschlechtsangleichung sowie die frühe Offenlegung seiner Geschlechtsidentität als Trans-Mann im Gespräch mit seiner Mutter nachstellen, Beweisaufnahmen zu den strukturellen Hürden, mit denen er konfrontiert ist, und ein von Kris‘ Perspektive getragenes Voice-Over machen sichtbar, wie er und seine Partner immer wieder auf gesellschaftliches und institutionelles Unverständnis treffen.

Fatherhood versucht zugleich die persönliche Erzählung bewusst in einen größeren politischen Zusammenhang zu verorten. Bilder von Trauer und Demonstrationen nach dem Anschlag in Oslo greifen kollektive Ängste innerhalb der Queeren-Community auf und machen deutlich, wie fragil Anerkennung weiterhin bleibt. Dafür, dass dieses Ereignis den zentralen Impuls für den Film geliefert haben soll, bleibt die politische Auseinandersetzung mit Queer-Feindlichkeit, Diskriminierung und Gewalt jedoch vergleichsweise kurz. Wie Titel und Machart bereits nahelegen, versteht sich Fatherhood in erster Linie jedoch als persönliches Familienportrait, das vor allem durch seine Subjektivität und Emotionalisierung überzeugt und die Beziehungsdynamiken und Beweggründe seiner Protagonisten nachvollziehbar macht.

Fatherhood (Tre fedre), NOR/ DE/ ISL 2025, Regie: Even G. Benestad und August Baugstø Hanssen, Produzent: Carsten Aanonsen, Produktionsfirma: Indie Film Laufzeit: 77 min.