Am 29.01.2024 war Stephan Lamby zu Gast bei der Veranstaltung „Gesellschaftliche Herausforderungen im Dokumentarischen Film“ von Prof. Dr. Thomas Weber an der Universität Hamburg und stellte seinen Dokumentarfilm „Ernstfall – Regieren am Limit“ und seine Arbeitsweise vor. Im Anschluss daran führte Patricia Geyer im Rahmen der dokART Lectures ein Interview mit ihm über den Film, über sein bisheriges Werk und die Frage, wie er zum er zum Dokumentarfilmemacher geworden ist, worauf es ihm bei seiner Arbeit ankommt und worauf er bei der Gestaltung seiner Filme achtet.
Archiv des Jahres: 2026
Mr. Nobody against Putin – Ein Bericht
Bericht über den Film Mr. Nobody against Putin (DNK 2025, R: David Borenstein, Pavel Talankin) und die Masterclass „Zwischen Kunst und Politik – Dokumentarfilm im Spannungsfeld“
von Ronja Maack

Mr. Nobody against Putin (DNK 2025, R: David Borenstein, Pavel Talankin), https://www.youtube.com/watch?v=9150MCMSrgc
„Kann ein Dokumentarfilm überhaupt unpolitisch sein – oder ist bereits die Wahl der Perspektive eine politische Entscheidung?“ (Website der Nordischen Filmtage 2025) Jährlich werden bei den Nordischen Filmtagen Lübeck eine Vielzahl an Dokumentarfilmen zu gesellschaftlich oder politisch relevanten Themen einem filminteressierten Publikum vorgeführt. Auch im Anschluss an den nominierten Film und Gewinner der Sektion Dokumentarfilm Mr. Nobody Against Putin (DNK 2025, R: David Borenstein, Pavel Talankin) wurde 2025 im Rahmen der 67. Nordischen Filmtage Lübeck die Diskussion um den Ursprung, die Funktion und Machart von Dokumentarfilmen aufgegriffen. So fand am 08. November 2025 die Masterclass „Zwischen Kunst und Politik – Dokumentarfilm im Spannungsfeld“ mit Regisseur David Borenstein statt. Eng verbunden mit gesellschaftlichen und politischen Debatten bewegt sich der Dokumentarfilm dabei als künstlerische Ausdrucksform, Medium historischer Vermittlung und als Instrument öffentlicher Meinungsbildung im Spannungsfeld zwischen filmischer Freiheit und politischer Verantwortung. Indem Mr. Nobody Against Putin den Anspruch an eine objektive Wahrheit verweigert, positioniert sich der Film zwischen subjektiver Zeugenschaft, künstlerischer Konstruktion und demokratischer Aufklärung.
Der Film ist verfügbar auf arte oder unter: https://youtu.be/ipnnRrvO5GM
Mr. Nobody Against Putin erzählt von der schrittweisen Militarisierung russischer Schulen mit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Im Mittelpunkt steht der Lehrer und Videograf Pavel „Pasha“ Talankin, der an der Schule Nr. 1 in Karabasch arbeitet und im Auftrag der Regierung unter Wladimir Putin Propagandaunterrichtseinheiten filmen soll. Der Film zeigt, wie ideologische Kontrolle und Normalisierung von Gewalt in den schulischen Alltag einwirken und pädagogische Räume politisch neugestalten. Talankin, der zuerst seinen neuen Aufgaben nachgeht, wird zunehmend lauter in seinem Protest und seiner demokratischen Gegenpositionierung und versucht ein kritisches Bild seines Heimatortes im Kriegsmodus einzufangen. Gelobt wird der Film in der medialen Öffentlichkeit insbesondere für seinen Mut und seine Relevanz, wobei Talankin als Protagonist und späterer Exilant besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Nicht nur der Inhalt des Filmes, sondern bereits seine Produktionsbedingungen sind politisch aufgeladen und beschäftigen sich mit Fragen um die Sicherheit und den Möglichkeitsspielraum. David Borenstein, US-amerikanisch-dänischer Regisseur mit langjähriger Arbeitserfahrung in China und unterdrückten Systemen, betont in der Masterclass am 08. November, seine geografische Distanz zu Russland, die eine sicherheitsrelevante Voraussetzung für das Projekt gewesen sei. Der erste Kontakt zu Talankin entstand über einen offenen Aufruf in den sozialen Medien, in dem erläutert werden sollte, wie sich der eigene Arbeitsalltag durch den Krieg verändert hat. Talankin antwortete auf den Aufruf und wurde schließlich von Borenstein kontaktiert, der durch einen Bekannten von Talankins Nachricht erfuhr (Timecode: 00:28:32-00:29:39). Dies ist der Beginn einer Zusammenarbeit, die Talankin eingeht, ohne zu wissen, ob am Ende tatsächlich ein Film entstehen wird. Über zweieinhalb Jahre hinweg lädt er nahezu täglich Material hoch, ohne institutionelle Absicherung zu haben und mit dem Risiko für seine Teilnahme an dem Projekt bestraft zu werden. Zugleich entwickelt sich aus der Sichtung von Talankins Material schon zu Beginn der Korrespondenz eine kollaborative Zusammenarbeit, in der Talankin vom Protagonisten zum Kameramann und schließlich zum Co-Regisseur wird. Borenstein kann ihm zu keinem Zeitpunkt und nach Empfehlung der BBC nicht garantieren, dass das Projekt umgesetzt wird. Erst mit seiner Flucht wird ihm die Größe des Projekts und die Wahrhaftigkeit dessen bewusst. Dieses ist zudem stark auf die Unterstützung der BBC hinsichtlich der Erstellung von Sicherheitsprotokollen, juristischer Beratung und redaktioneller Bearbeitung angewiesen. Erst später und als die Arbeit am Film schon läuft bekommt Borenstein auch von der BBC die Finanzierung zugesichert.
Was die formalästhetische Gestaltung von Mr. Nobody Against Putin angeht, liegt die Entscheidung Subjektivität zum zentralen Gestaltungsprinzip zu machen, jedoch bei Borenstein und Talankin. Talankin ist Lehrer, Kameramann und Erzähler zugleich. Die Kamera ist dabei nicht neutrales Aufnahmegerät, sondern auch Verlängerung seiner Wahrnehmung. Bewegte und wackelnde Bilder, unregulierte Lichtverhältnisse und amateurhafte Kadrierungen erzeugen eine Ästhetik, die durch die Spontanität der Aufnahmen entsteht und Nähe herstellt. Talankin filmt sein Zuhause, Spaziergänge durch Karabasch, seine Schule, seine Schüler:innen, seine Kolleg:innen, seine Familie und sich selbst. Selbstreflexive Momente, wenn Talankin seine Spiegelung filmt (Timecode: 00:29:35), ins Bild spricht (Timecode: 00:05:38 -00:05:45) oder selbst vor die Kamera tritt (Timecode: 00:23:29-00:24:50) verweisen auf die Praxis des Filmens und unterlaufen die Illusion eines unsichtbaren Beobachters. In Anlehnung an François Niney lässt sich diese Modalität der Subjektivität als „Adressierung“ beschreiben, die häufig Verwendung in autobiographischen Filmen findet und einen Dialog zwischen dem Gefilmten und dem Publikum evozieren soll und sich gegen „propagandistische Objektivität“ richtet (Niney 2012: 110).
Gleichzeitig wird in der Masterclass deutlich, dass diese Point-of-View-Perspektive nicht ausschließlich aus einer spontanen Selbstäußerung hervorgeht, sondern teilweise inszeniert ist. Das Voice-Over aus dem Off und die tagebuchartigen Selbstaufnahmen entstehen aus einer konzeptionellen Entscheidung David Borensteins, die im Film selbst nur eingeschränkt transparent gemacht wird. Entgegen der Annahme, Talankin greife aus eigenem Mitteilungsdrang zur Kamera, wurde das Voice-Over auf Grundlage aufgezeichneter Gespräche und Notizen von Borenstein verfasst und von Talankin eingesprochen. Auch die statischen Selbstaufnahmen in denen Talankin direkt in die Kamera spricht entstehen auf Anweisung von Borenstein, auch wenn im Film die Andeutung gemacht wird, das Talankin keinen zum Reden habe und sich deshalb seiner Kamera zuwende (Timecode: 00:22:15-00:23:12). Der Film reflektiert seine gestalterische Form damit nur bis zu einem gewissen Grad und bewegt sich bewusst an der Grenze zwischen beobachtender Nähe und dramaturgischer Ordnung. Nach John Griersons Verständnis ist dies kein Widerspruch, sondern Ausdruck der rhetorischen Organisation des Dokumentarischen (Grierson/ Hardy 1979: 38). Dokumentarfilme argumentieren nicht nur durch Inhalte, sondern durch stilistische Entscheidungen, die Glaubwürdigkeit erzeugen und Bedeutung strukturieren. Wahrheit erscheint hier nicht als unmittelbare Entsprechung zur vorfilmischen Realität, sondern als interpretative Verdichtung von Beobachtungen.
Die Erzählstruktur verstärkt diesen Ansatz. Das Voice-Over verleiht dem Film eine retrospektive Perspektive, aus der Talankin sein Videomaterial mit Wissen, Gedanken und Gefühlsbeschreibungen kommentiert, die den gezeigten Situationen selbst noch fehlen. Diese narrative Rahmung ordnet die Materialfülle, die Borenstein zufolge täglich mehrere Stunden Filmmaterial von Talankin und zusätzliche Archivaufnahmen, Medienbeiträge und Aufnahmen des Director of Photography umfasst und ist Element des Storytellings, welches den Film in eine klare Dramaturgie strukturiert. Mit dem Verlauf des Films verdichtet sich auch der Einblick in Talankins Innenleben und am Ende des Films deutet sich seine Flucht aus Russland an.
Mr. Nobody Against Putin arbeitet mit verschiedenen dokumentarischen Modi im Sinn von Bill Nichols (Nichols 2017: 104-158). Der beobachtende Modus dominiert in Aufnahmen des Propagandaunterrichts und von Veranstaltungen, um deren indoktrinierende Aufbereitung einzufangen, performative Elemente prägen Talankins Selbstinszenierungen und das Voice-Over trägt starke expositorische Züge, indem den Bildern Bedeutung zugewiesen wird. Der partizipative Modus bleibt aufgrund des repressiven politischen Systems zurückhaltend und zeigt sich vor allem in privateren Gesprächen mit Talankins Mutter (Timecodes: 00:20:41-00:21:54) und seinem ehemaligen Schüler Wanja (Timecode: 00:37:43-00:38:38) oder dem geplanten Interview mit Lehrer Pavel Abdulmanov (Timecode: 00:31:05-00:33:05). Diese formale Vielschichtigkeit trägt dazu bei, die Komplexität sichtbar zu halten, anstatt sie aufzulösen und andere Perspektiven heranzuholen.
Besonders deutlich wird der Anspruch auf künstlerischer Gestaltungsfreiheit im Spiel mit Genre-Konventionen. Die Anfangsszene weckt bewusst Erwartungen an einen politischen Thriller oder Kriegsfilm: Es ist Nacht, Talankin ist dabei etwas auszugraben, die einzige Lichtquelle ist seine Taschenlampe, eine unbekannte Stimme spricht aus dem Off mit ihm, bedrohliche Musik läuft im Hintergrund (Timecode: 00:00:00-00:02:02). Eine Texteinblendung markiert die Szene als Vorausblick. Im Laufe des Films wird die ursprüngliche Genreanspielung aufgelöst und erst am Ende des Films auf die Anfangsszene zurückgegriffen. Talankin gräbt einen Baum aus, der ein Teil der Abschlusszeremonie an seiner Schule ist (Timecode: 01:21:20-01:22:25). Die darauffolgende Abschlussfeier bildet den ästhetischen Höhepunkt des Films. In choreografierten Abläufen, Zeitlupenbildern, poetisch gestalteten Reden, feierlicher Chorgesang im Hintergrund und emotionalisierenden Momenten wird der Abschied von Schule, Ort und Menschen von Talankin bewusst kinematografisch inszeniert (Timecode: 01:21:20-01:22:25).
Vor diesem Hintergrund lässt sich laut Regisseur David Borenstein Mr. Nobody Against Putin im Sinne John Griersons als gegenwärtige Form einer ‚Propaganda der Demokratie‘ lesen. Grierson verstand den Dokumentarfilm nicht als objektive Abbildung der Welt, sondern als ästhetisch und politisch motivierte Praxis, die demokratische Werte sichtbar macht und öffentliche Teilhabe fördert (Fahle 2020: 26 ff). Borenstein bezieht sich auf diese Natur des Dokumentarfilms, lässt jedoch dem Publikum die eigene Interpretation offen. Sichtbar werden jedoch Parallelen zwischen dem Diskurs zu Massenmedien, autoritärer Propaganda und politischer Radikalisierung der 1930er Jahre und der Gegenwart. Mr. Nobody Against Putin zeigt, dass der Dokumentarfilm auch heute nicht außerhalb politischer Machtverhältnisse operiert, sondern gerade durch seine künstlerischen Mittel einen Raum für kritische Reflexion eröffnen kann.
Literaturverzeichnis
- Fahle, O. (2020). Theorien des Dokumentarfilms zur Einführung. Junius.
- Grierson, J., & Hardy, F. (1979). Grierson on documentary(Abridged ed.). Faber & Faber.
- Nichols, B. (2017). Introduction to documentary(Third edition.). Indiana University Press.
- Niney, François, Matthias Steinle, and Heinz-Bernd Heller. Die Wirklichkeit des Dokumentarfilms. 50 Fragen zur Theorie und Praxis des Dokumentarischen. Schüren, 2012.
- Nordische Filmtage. https://nordische-filmtage.de/de/festival/movie/view/2220 (17.01.2025)
Historytainment und Biopics in der internationalen Forschung. Ein (in Englisch geführtes) Interview mit Anders Marklund
Am 22. Januar 2024 stellte Dr. Anders Marklund, Senior Lecturer in Film Studies at Lund University and Head of Studies for Creative Writing, Film Studies and Theatre Studies, an der Universität Hamburg in der Vorlesung zu gesellschaftlichen Herausforderungen im Dokumentarfilm von Prof. Dr. Thomas Weber seine Überlegungen zur Erforschung zur medialen Darstellung historischer Ereignisse vor.
Der durch als Mitgründer und Herausgeber des Journal of Scandinavian Cinema und als Organisator des Lübeck Film Studies Colloquium bekannt gewordene schwedische Film- und Fernsehexperte fokussiert sich in seiner Forschung auf sogenannte Biopics, worunter er alle Filmen und Fernsehserien versteht, die anhand der Biographie ihrer Protagonisten bekannte historische Geschehnisse darstellen. Dabei sind die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation fließend, da Dokumentationen kaum ohne Re-Enactement und auch aus dramaturgischen Gründen hinzugefügte fiktionale Teile auskommen, während Fiktionen sich mehr oder weniger eng an bekannten historischen Geschehnisse orientiere.
In einem Interview, geführt von Constantin Fredrik Link, Student der Medienwissenschaft an der Universität Hamburg, stellt Anders Marklund seine Überlegungen zu seinem Forschungsschwerpunkt ausführlicher dar.
Berichterstattung zu den Nordischen Filmtagen in Lübeck von Victor Nono
Wie im Interview mit Thomas Weber vom 15.01.2025 angekündigt, wurde zu den Nordischen Filmtagen im November 2025 in Lübeck eine Kooperation mit der HAW Kiel unter Federführung von Prof. Dr. Tobias Hochscherf und der Universität Hamburg (Prof. Dr. Thomas Weber) gestartet für eine Festivalberichterstattung durch Studierende der beiden Hochschulen. Die Studierenden waren dazu aufgefordert, in verschiedenen Kurz-Video-Formaten wie Interviews oder Reportagen über das Festival zu berichten. Eingerichtet wurde dazu ein Newsroom in der Innenstadt von Lübeck, in der die beteiligten Studierenden – die meisten ohne journalistische Vorerfahrung – zusammenkommen und ihre Beiträge gemeinsam bearbeiten und dann veröffentlichen.

Newsroom für die studentische Festivalberichterstattung in der Innenstadt von Lübeck, (c) Thomas Weber 2025
Unterstützt wird das Projekt von der Leitung der Nordischen Filmtage z.B. durch den Festivalleiter, Thomas Hailer, etwa durch die Organisation von Interviewterminen mit Schauspieler:innen oder Regisseur:innen sowie durch eine kostenfreie Akkreditierung als Journalist:innen, mit freiem Zugang zu den Filmen (soweit es freie Plätze gibt).
Entstanden ist ein breite Palette von Beiträgen, die über den YouTube-Kanal Campus TV der HAW Kiel zugänglich sind, hier einige Beispiel:
Queere Elternschaft in Zeiten politischer Unsicherheit – Ein Beitrag zu Fatherhood (2025) von Ronja Maack
Ronja Maack zum Film Fatherhood (NOR/ DE/ ISL 2025) von Even G. Benestad und August Baugstø Hanssen, der auf den Nordischen Filmtagen 2025 in Lübeck vorgestellt wurde. Zusätzlich zur Kritik gibt es noch eine Video-Kurz-Reportage mit einem kurzen Interview des Regisseurs.
Braucht es 2025, in einer vermeintlich progressiven Gesellschaft, noch Dokumentarfilme über nonkonforme Beziehungs- und Familienkonstellationen? Diese Frage stellen sich die beiden dänischen Regisseure Even G. Benestad und August Baugstø Hanssen zu Beginn der Dreharbeiten zu ihrem Film Fatherhood (2025), den sie bei den 67. Nordischen Filmtagen in Lübeck in der Sektion Dokumentarfilm präsentieren. Hanssen beschreibt die anfänglichen Zweifel rückblickend als Ausgangspunkt des Projekts, bis der Anschlag auf einen queeren Nachtclub in Oslo 2022 für sie deutlich machte, wie notwendig es sei, diese Geschichte zu erzählen.
Über mehr als ein Jahr hinweg begleiten die Regisseure Kris, David und Sindre, die seit mehreren Jahren in einer queeren polyamorösen Beziehung leben und nun ihr erstes gemeinsames Kind erwarten. Mit Kris als gebärendem Vater. Durch die elliptische Montage erhalten Zuschauende Einblicke in ihren Alltag während und nach der Schwangerschaft, in persönliche Höhe- und Tiefpunkte, Arztbesuche und Familientreffen ebenso wie in ihre gewohnte Umgebung, Ängste und Hoffnungen. Ein Wechselspiel aus tagebuchartigen Selbstaufnahmen, Handyvideos aus privaten Alltagssituationen, beobachtenden Momentaufnahmen, interaktiven Szenen zwischen Protagonisten und Kamerateam, Interviews mit Familienmitgliedern und atmosphärischen Bildern des Wohnortes formt dabei ein intimes und emotionsgeladenes Portrait dieser Familie. Vor diesem Hintergrund eröffnet Fatherhood eine Auseinandersetzung mit Trans-Identität und queerer Elternschaft, moderiert durch Kris‘ Lebensgeschichte. Performative Szenen, die seine unfreiwillige medizinische Geschlechtsangleichung sowie die frühe Offenlegung seiner Geschlechtsidentität als Trans-Mann im Gespräch mit seiner Mutter nachstellen, Beweisaufnahmen zu den strukturellen Hürden, mit denen er konfrontiert ist, und ein von Kris‘ Perspektive getragenes Voice-Over machen sichtbar, wie er und seine Partner immer wieder auf gesellschaftliches und institutionelles Unverständnis treffen.
Fatherhood versucht zugleich die persönliche Erzählung bewusst in einen größeren politischen Zusammenhang zu verorten. Bilder von Trauer und Demonstrationen nach dem Anschlag in Oslo greifen kollektive Ängste innerhalb der Queeren-Community auf und machen deutlich, wie fragil Anerkennung weiterhin bleibt. Dafür, dass dieses Ereignis den zentralen Impuls für den Film geliefert haben soll, bleibt die politische Auseinandersetzung mit Queer-Feindlichkeit, Diskriminierung und Gewalt jedoch vergleichsweise kurz. Wie Titel und Machart bereits nahelegen, versteht sich Fatherhood in erster Linie jedoch als persönliches Familienportrait, das vor allem durch seine Subjektivität und Emotionalisierung überzeugt und die Beziehungsdynamiken und Beweggründe seiner Protagonisten nachvollziehbar macht.
Fatherhood (Tre fedre), NOR/ DE/ ISL 2025, Regie: Even G. Benestad und August Baugstø Hanssen, Produzent: Carsten Aanonsen, Produktionsfirma: Indie Film Laufzeit: 77 min.